Porträt Doris Michel (Archivversion)

Zwei Damen auf der schiefen Bahn

Drei Kinder, glückliche Zweitehe, eigenes Geschäft - genug der Verpflichtungen. Nicht für Doris. Die möchte wieder auf die Bahn aus Sand oder Gras. Mit Tochter Katrin als Schmiermäxin und einem schraubenden Mann.

Ihre erste Beifahrerin hielt’s nicht lang bei Renn-Novizin Doris aus. Wenige Runden nur, dann steuerte Doris statt in die Kurve stumpf geradeaus. Mittenmang in eine unnachgiebige Bretterwand. »Eine geglückte Premiere sieht anders aus«, sagte sich Gaby Velke, so hieß die darob an den Unbilden eines Schlüsselbeinbruchs laborierende Dame im havarierten Boot. Worauf sie ihre kurze Rennkarriere unwiderruflich für beendet erklärte. Doris dagegen, kaum verletzt, dachte sich: »Jetzt erst recht.« Dass die Typen drumrum hämisch grinsten, verstärkte nur ihren Entschluss. Anno 1987 war’s, da ließ der Vorsitzende des Argenroder Motorsportclubs die neugierige Doris aus dem Nachbardorf Eifa die ersten paar Kilometer auf einem 500er-Bahngespann drehen. »Ja Mädel, du hast’s drauf, weiter so«, kommentierte der rennerfahrene Mann. Gesagt getan. Die Oberhessin organisierte eines dieser 125 Kilogramm schweren Geschosse mit der eingebauten Schräglage von 15 Grad links für den Ovalverkehr auf Sand und Gras, fuhr zu ihrem ersten B-Lizenz-Rennen nach Hof im Westerwald - und, wie bereits bekannt, subito gegen die Wand.Weil danach Gaby streikte, musste eine neue Schmiermäxin ran. Beate Hederrich hielt die Saison dann auch brav durch. »Ich bin nur noch ein einziges Mal gestürzt«, sagt Doris, »in Klein-Krotzenburg«. Bei den Rennen stets dabei: ihr damaliger Ehemann Detlef Schmidt, Motorradhändler von Beruf, Schrauber aus Passion, und Töchterlein Manuela. Co-Pilotin Beate lebte in weniger stabilen Verhältnissen. Mit der Beziehung zu ihrem Freund ging auch die Blitzkarriere im Oval kaputt.Also machte sich Doris wieder auf der Suche, fand erneut eine Frau. »Männer habe ich nie gefragt.« Offen traute sich keine der Männlichkeiten, sie anzumachen, was sie hier eigentlich zu suchen habe. »Aber im Hintergrund hörte ich manchmal: Frauen gehören an den Kochtopf, die Männer fahren. Und was sonst noch so an Machosprüchen kursiert.« Das ärgert Doris irgendwie und amüsiert sie zugleich. Als Emanze, betont sie, verstehe sie sich dennoch nicht, Amazone gefällt ihr da schon besserDoch 1993 sah’s so aus, als sei die Luft endgültig raus. Das Material war nicht mehr siegverdächtig, Sponsoren sprangen ab, Doris dachte erstmals selbst ans Aufhören, zumal sich zur Ebbe in der Rennkasse dann noch Zoff in der Ehe gesellte. Scheidung von Detlef, Abschied von der Bahn. Danach zeigte sich, wozu das Fernsehen alles gut sein kann. Als Tochter Manuela, 20 zu der Zeit, nicht mehr mit ansehen konnte, wie Muttern, 36, unter akutem Bahngespann-Entzug litt, schrieb sie an den WDR. Der hatte damals eine Sendung ins Abendprogramm gehievt, deren nicht gerade neuer Clou darin bestand, ausgewählte Studiogäste mit der Lösung ihrer elementaren Probleme zu überraschen. Und, wer hätta das gedacht, völlig überraschend zog Doris dann auch mit einem Dreirad, gebaut von Szene-Papst Karl-Keil, gesponsert vom Kondomhersteller Billy Boy, von dannen.Viel Freude hatte sie an dem Präsent freilich nicht. Dem Sponsor erging es übrigens ebenso: von wegen Werbung für Verhütung, Nachwuchs kündigte sich an. Und mit dem kleinen Max kamen dann Vater Jan Michel und eine neue Ehe ins Drei-Frauen-Haus. Statt Ovale mit dem Billy-Boy-Gespann zu ziehen, blieb Doris in Eifa, einem beschaulichen 1200-Einwohner-Nest in Oberhessen, kümmerte sich um ihren »Backshop« mit angeschlossenem Präsente- und Partyladen. Tja, die wilden Motorradjahre waren vorbei. Denkste. Auf der Straße hat sie es eh nicht lassen können. Eine der ersten Goldwing ist sie gefahren, als die noch störrisch waren wie Esel, heute geht sie’s auf Honda VFR 750 salopper an. Und das Oval? Damit müsste mit 46 doch eigentlich Schluss sein? Nee, Doris will partout wieder auf die schiefe Bahn.Und das kam so. Als sie Max und Laden hütete, zog’s Tochter Katrin, die schon längst süchtig geworden war, eben ohne die Mama ins Fahrerlager und ins Gespann. Während der Saison 2001 lud der nordhessische Pilot Achim Köhler zunächst zur Sitzprobe und alsdann zum Engagement im Boot. »Beim ersten Rennen war die Angst am Schlimmsten«, sagt die 20-jährige Versicherungsangestellte. Mama Doris kann’s bestätigen. Und sagte spontan »Nein«, als Köhler ihr ein Gespann anbot. »Ihr könnt doch mal zusammen ein Rennen fahren.« Doch dann schlief Doris ein paar Nächte drüber, dachte: Ein paar Runden zur Probe, das kann nicht schaden.« Und siehe da: »Es lief ganz gut.« Womit das erste Mutter-Tochter-Gespann in der Motorsport-Geschichte geboren war. Katrin hatte sowieso nie an der Erfolgsträchtigkeit dieser familiären Verbindung gezweifelt. »Wenn ich nicht volles Vertrauen in die Mama hätte, würde ich mich nicht reinsetzen.« Jetzt sind die zwei dabei, ein konkurrenzfähiges Gespann aufzubauen und Sponsoren zu suchen. Auf 20 000 Euro kalkulieren sie eine B-lizenzierte Sand- und Grasbahnsaison. Und dann möchten sie die männliche Konkurrenz ein bisschen ärgern. Die Rolle der Männer im Team Michel/Schmidt definieren Mutter und Tochter klar in Richtung Matriarchat. »Die sollen die Schrauberarbeit übernehmen.« Aber tanken dürfen sie natürlich auch. Reinen Alkohol. Den verbrennen die Motoren, was diesen Rennen übrigens ein Flair sondergleichen verleiht.
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