Porträt Eddy Edelstahl (Archivversion)

Registered Trademark

Eddy ließ sich seinen Namen patentieren und ist auch sonst ganz patent.

Als Eddy an der Kreuzung stand in diesem verschämt idyllischen Odenwaldkaff namens Hesseneck, da schwante ihm - zwölf Jahre ist es jetzt her - noch nicht, dass diese simple Querung zweier Asphaltstreifen sein Leben verändern sollte. Aus allen Richtungen kurvten Motorradler ins Tal, hielten kurz an, um alsdann eine brillant serpentinte Straße hügelan zu hetzen. Die alte Krähberg-Rennstrecke. Eddy hatte genug gesehen. Er kaufte das verfallene Gemäuer des alten Gasthofs zum Hirsch. »Ich bin hierher gekommen«, sagt Eddy,»mit einer Freundin, einem Hund, einem de Tomaso-Sportwagen und einer Menge Geld auf dem Konto. Die Freundin ist davongelaufen, den Hund haben sie mir überfahren, den de Tomaso habe ich verkauft, und alles Geld ist in mein Motor-Café hill up geflossen.« Eigentlich hatte Eddy, in Konstanz unter dem bürgerlichen Namen Biller gebürtig und in Mannheim als dem Edelstahlwesen frönender Kneipenbauer tätig, damals nur ein Haus nebst Scheune gesucht, um Wohnung und Werkstatt endlich unter zwei nicht allzu weit entfernten Dächern zu platzieren. In den »Hirschen« wollte er freilich nicht auf Dauer einziehen. Damit hatte er, der Magie dieses Motorräder anziehenden Orts verfallen, ganz andere, kurzfristigere Pläne: ausbauen und subito an einen Biker-Wirt verkaufen.Klappte bis heute nicht, Eddy verscherbelt keine halben Sachen. Was er mit seiner Edelstahlbauerei im Schuppen nebenan verdient, investiert er in den Bikertreff. Weil Eddy Edelstahl Perfektionist ist und seinem Spitznamen wahrlich alle Ehre macht. So muss man Eddys heiße Würstchen einfach probieren, und sei’s nur, um den mächtigen Edelstahlhebel, der das prächtige Edelstahlsenffässchen krönt, einmal mit Verve nach unten zu drücken. Auf einer seiner vier in Eigenarbeit angelegten Terrassen - durch eine Edelstahlbrücke elegant miteinander verbunden - prunkt ein Tisch in Nordschleifenform. Aus Edelstahl, keine Frage, so wie alle anderen Gartenmöbel auch. Eddy hat auf Getränkeautomaten umgestellt. »Ich kann nur mit Leuten zusammenarbeiten, die ähnlich angefressen sind wie ich.« Also steht er in Stoßzeiten allein hinter der Edelstahltheke, bedient die Kaffeemaschine, portioniert Kuchen.Sein Motor-Café macht Eddy nur während der Saison am Freitagnachmittag, Samstag und Sonntag auf. »Alles andere lohnt sich nicht.« Weil er mit den Dörflern nicht klar kommt und die nicht mit ihm. Früher war das anders, da visitierte die Landjugend seinen Laden vehement. Hardrock, Billard, Tischfußball, Flipper und Eddy, versteht sich, das waren die Attraktionen. Bis es zum Zoff kam. Ausgerechnet, als Eddy, der es nur gut meinte, den örtlichen Fußballclub sponsern wollte. Mit Werbetrikots für sein Café. »Der Verein hat’s verboten, die befürchteten, sie könnten mir dann was schuldig sein.« Von diesem läppischen Provinzeklat an fanden nur noch die Außenseiter zu ihm. Die Aussiedlerfamilie aus Russland und der einzige Arbeitslose im Dorf. Zum Pizzaholen.Viermal haben die Hessenecker schon beantragt, den Krähberg für Motorradfahrer zu sperren. Auf den letzten Versuch im Mai 2001 hat Eddy mit einem offenen Brief, der im Dorf in jeden Briefkasten fiel, reagiert. Nicht nur, dass er die Motorradler gegen die übliche Verdächtigungen - zu schnell, zu laut, zu unfallträchtig - verteidigte, er drehte den Spieß einfach um, schrieb, dass der werktätige Odenwälder morgens in die Städte ausschwärmt »und über mehrere Stunden die Straßen verstopft«. Dürfen die Ländler sich dann beschweren, wenn ihre Chefs und Arbeitskollegen sich am Wochenende bei ihnen revanchieren? Nein, meint Eddy, der zu Recht stolz ist, auf sein irgendwie unfreiwilliges Lebenswerk: das, dessen ist er sich sicher und daran arbeitet er unverdrossen, optimale und selbstverständlich immer noch zu veräußernde Biker-Café.»Jeder Erfolg, den wir erzielen, schafft uns einen neuen Feind. Man muss mittelmäßig sein, um beliebt zu werden.« Das hat Eddy nicht vor. Manchmal spannt er ein Drahtseil zur Scheune rüber, holt sein Akrobatenmotorrad raus und karriolt durch die Lüfte. Unten dran, zum Stabilisieren, eine riesige rote Kaffeekanne. Früher hatte er statt des Blechmonstrums eine Person unten sitzen. Am liebsten einen netten Gast. Weiblich. Da hatte er Angst. »Hätte ja sein können, dass sie abspringt.« Dann wäre auch er gefallen. Unweigerlich.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote