Porträt Erwin Eimermann––––– (Archivversion)

»Da muß ich noch mal bei«–––––

Seit 30 Jahren fährt Erwin Eimermann Rennen. Gewonnen hat er noch nie. Aber das Original der Gespannszene arbeitet daran.

Erwin Eimermann im Fahrerlager zu finden ist ganz einfach. Wo gepflegte Wohnmobile, saubere Renntransporter und großzügige Vorzelte das Bild bestimmen, muß ein abgetakelter blauer Möbelkoffer mit Mainzer Kennzeichen einfach auffallen. Im Wohnbereich des Seelenverkäufers sorgen ein Küchentisch mit Resopalplatte, eine durchgesessene Wohnwagen-Polstergruppe und großflächig verarbeitetes Kiefer-Furnier für so etwas wie Gemütlichkeit. Im mittleren Teil des Fahrzeugs liegt Erwins 90jährige Mutter. Die alte Frau ist ein schwerer Pflegefall und muß rund um die Uhr betreut werden. Erwin machte aus der Not eine Tugend und nimmt sie immer mit auf Rennen. Der hintere Werkstatt-Teil ist spartanisch, aber durchaus zweckmäßig eingerichtet: Zum Stauraum umfunktionierte Apfelsinenkisten bestimmen das Bild. Erwin ist Minimalist. Motorsport muß für ihn in erster Linie Spaß machen und darf eigentlich nichts kosten. Sein Etat für eine komplette Rennsaison in der deutschen Straßenmeisterschaft der Klasse Seitenwagen liegt zwischen 6000 und 8000 Mark. Vielleicht mußte alles so kommen, schließlich wurde Erwin Eimermann 1945 geboren, dem Jahr der Kapitulation. Nach der Schulzeit machte der geborene Ingelheimer eine Ausbildung zum Chemie-Facharbeiter. Mit dem Motorsport kam Erwin erstmals 1967 in Kontakt. Im Programm des Autorennens in Mainz-Finthen las er die Ankündigung eines Motorradrennens. Der begeisterte Kleinkraftradfahrer nannte mit seiner serienmäßigen Kreidler-Florett, konnte sich wegen Vergaserproblemen aber nicht fürs Rennen qualifizieren. 1968 kaufte er seine erste Rennmaschine, natürlich eine Kreidler. Sein erstes richtiges Rennen fuhr er ebenfalls in Mainz-Finthen und stürzte gleich dreimal. 1971 wäre es mit Erwin Eimermann fast vorbei gewesen. Ein VW Käfer räumte ihn mitsamt Kreidler ab, ein mehrmonatiger Krankenhausaufenthalt war die Folge. Von dem Unfall erholte sich Erwin nie wieder so richtig, seinen Beruf konnte er nur bis 1977 ausüben. Zum Rennen fahren reichte es aber allemal. In der 50er Klasse war er mittlerweile zum Schrecken der technischen Kommisare geworden. Von Erwins berüchtigtem Coladosen-Auspuff erzählt man sich in Rennfahrerkreisen noch heute gern. Als sich Anfang der 80er Jahre das Ende der 50er Klasse abzeichnete, kaufte Eimermann für 2500 Mark sein erstes Renngespann, eine ziemlich schlimme Möhre mit König-Motor. 1985 gab’s dann endlich mal Erfolge: jeweils Vizemeister im Junioren-Pokal für Bergrennen und auf der Rundstrecke. Die Gespann-Technik entwickelte sich in den folgenden Jahren äußerst rasant, und Erwin kam nicht mehr so richtig hinterher. Bei den Rennen ging es für ihn fortan nicht mehr darum, eine gute Plazierung herauszufahren, sondern sich überhaupt zu qualifizieren. Der absolute Tiefpunkt folgte 1994. Bei acht Rennen kam Erwin kein einziges Mal ins Ziel. Die Bilanz fürs vergangene Jahr sieht nicht wesentlich besser aus. In Stichworten: Speyer – Beifahrer verloren, Pleuel abgerissen, nicht qualifiziert. Nürburgring – 23. und 17. Platz. Salzburgring – nicht qualifiziert. Faßberg – nicht qualifiziert, eine knappe Sekunde fehlte. Augsburg – 600 Meter vor dem Ziel alle Antriebsbolzen des Hinterrads abgeschert, ins Ziel geschoben und noch einen DM-Punkt bekommen. Schleizer Dreieck – nicht qualifiziert. Straubing – nicht qualifiziert, 0,6 Sekunden zu langsam. Frohburg – mit leerer Batterie ausgefallen. Aalen/Elchingen – mit defekter Zündung ausgefallen. In der DM-Endabrechnung war damit nur der 20. und letzte Platz drin. In der Zeit der dünn besetzten Starterfelder war Erwin Eimermann ein willkommener Fahrer. Mittlerweile sind wieder reichlich Dreirad-Akrobaten unterwegs, und der Wind bläst dem Motorsport-Unikum schärfer ins Gesicht. Für die meisten Rennfahrer-Kollegen ist Erwin Eimermann ein liebenswerter Kauz, doch einigen Wettbewerbern stinkt sein unkonventionelles Auftreten gewaltig (siehe nebenstehendes Schreiben der Interessengemeinschaft Gespannrennfahrer). Doch Erwin Eimermann droht damit, noch mindestens bis zum Jahr 2005 Rennen zu fahren. Dann wird er 60 und bekommt die Lizenz nicht mehr verlängert.
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