Porträt Heiko Wilhelm (Archivversion)

Bunter Hund

Weil ihm die DDR viel zu eng vorkam, fuhr Heiko Wilhelm den realsozialistischen Zwängen einfach davon. In grüngelber Harro-Kombi auf MZ.

Er fuhr und fuhr und fuhr. Fast sein ganzes Leben lang. Und es gab diese Tage, da wollte er es ganz genau wissen. »Meine MZ glich einer fahrenden Bombe - vorn ein 26-Liter-Spezialtank, links und rechts 20-Liter-Kanister.« Heiko Wilhelm wusste natürlich, wann die Nachttankstellen an seiner Route die DDR rauf und runter geöffnet hatten. Aber er wollte kein Risiko eingehen. »Sonst wäre die Sache am Ende gewesen« – sein Versuch, bei einer Leistungsprüfungsfahrt erstmals 2000 Kilometer auf der Emme abzusitzen. Also plante er generalstabsmäßig. Rief die Behörden an, die ihm einen Stempel ins Fahrtenbuch drücken sollten. Auf dass er niemals vor verschlossenen Toren stehen und kostbare Zeit verplempern würde. »Klappte alles reibungslos«, freut sich Wilhelm noch heute über 2014 Kilometer an einem Tag. »Ich habe micht politisch nicht engagiert«, sagt er, »ich habe nie mitgespielt, war aber auch nicht dagegen.« Sein Unbehagen an den Zuständen in der DDR hielt er sich auf dem Motorrad vom Leib. Erst bei Rennen, wo er in den Siebzigern auf seiner fast serienmäßigen MZ spektakulär weit vorn mitmischte, dann auf ellenlangen Trips. Traditionell jedes Jahr nonstop von Karl-Marx-Stadt nach Rumänien mit Zelt und Gepäck an Bord. Wie putzig wirken da Custom-Outlaws, die der untergehenden Sonne entgegenblubbern, gegen den Überzeugungstäter Wilhelm auf notorisch dengelnder MZ.Die Nische, in die er sich wie so viele DDR-Bürger zurückzog, richtete er sich kommod ein. Kumpels von MZ versorgten ihn mit Werksmaterial. Und als er einen Schweizer kennen lernte, der sich als MZ-Importeur entpuppte, mutierte er erst recht zum bunten Hund. Dank einer grüngelben Harro-Lederkombi, die, in der DDR einzigartig, alsbald Titel und Fahrberichte aller Motorjournale zierte. Ein Dankeschön des helvetischen Freunds für Wilhelms Hilfe bei der Beschaffung von MZ-Teilen an den langsam mahlenden Mühlen der Handelsbürokratie vorbei.Als Chef der Lackiererei einer Produktionsgenossenschaft besaß er gute Karten in der von Tausch und Gefälligkeiten bestimmten Schattenwirtschaft. Heiko Wilhelm machte Karriere, qualifizierte sich zum Sachverständigen, saß in der Meisterprüfungskommission. Und lebte doch nur für seine ureigene Welt: Motorrad fahren, sich mit Gleichgesinnten treffen. Da war es lediglich eine Frage der Zeit, bis der Mann, der schon mal 900 Kilometer bei minus 22 Grad durchbibberte, ein Wintertreffen ins Leben rief – anno 1970 auf Schloss Augustusburg. Nur für gute Freunde und für Motorräder der doch sehr aparten Art. »Kommt nicht in Frage«, lehnte der »Burgvogt«, ein Informeller Mitarbeiter (IM) der Stasi, Wilhelms Antrag ab. Also nahm er die Hintertür, quatschte, mit einer Flasche Schnaps als weiteres Argument, den Herbergsvater im Schloss an. Der schrieb daraufhin eine größere Touristengruppe für seine Juhe ein. Womit die Legende des Wintertreffens auf der Augustusburg und der Leidensweg des Heiko Wilhelm ihren Anfang nahmen. Spätestens als der Harley-Club Prag mit wehenden Stars and Stripes gen Augustusburg bollerte, horchte die Stasi auf und drängte den MZ-Club Zschopau, Wilhelm die Organisation aus der Hand zu nehmen. Was ihr leicht fiel, denn der Club war bereits mit IM durchsetzt. Wilhelm wehrte sich, zog sich erst zurück, als er einsah, am kürzeren Hebel zu sitzen. Bei der Lektüre seiner Stasi-Akten musste er dann erleiden, dass ihn selbst gute Freunde denunziert hatten. Einer brachte sich nach der Wende um. Einen anderen fragte er 1995 beim Wiedersehen auf der Augustusburg, ob er noch in den Spiegel sehen könne. Nicht die einzige Enttäuschung. »Das ist nicht mehr mein Treffen«, resignierte Wilhelm. »Die haben einem den Frack vollgehauen, nur weil er Yamaha fährt.«Heiko Wilhelm hätte sich, der langjährigen Stasi-Spitzelei zum Trotz, einen gemütlichen Lenz machen können. Augen zu, Ohren zu - und durch. Klappte nicht, weil er Motorrad fahren wollte. Das schrieb er 1984 auch in seinen Ausreiseantrag: Er sei leidenschaftlicher Tourist, doch mit den paar Mark, die er in der Fremde tauschen dürfe, käme er mit seiner MZ nicht einmal 200 Kilometer weit. Überraschend schnell gaben die DDR-Behörden seinem Antrag statt. »Weil ich zu bekannt war. Die hatten Angst, dass es heißt: Was, der Wilhelm will ausreisen?«Seitdem besucht er jedes Jahr eine andere Rennstrecke. Orte, die er früher nur von Postkarten kannte. Heuer ist Brands Hatch dran - Superbike-WM. Doch im Westen fühlt sich der Mann, der einst im Zentrum einer pulsierenden Motorradszene stand, fast als Einzelkämpfer. Wer braust schon im Morgengrauen von Stuttgart in die Alpen und abends zurück. 1000 Kilometer und mehr an einem Tag. Freilich nicht mehr auf MZ, sondern Honda NTV, und auch nicht mehr auf einen Rutsch. Am Stilfser Joch gönnt sich Heiko Wilhelm schon mal eine Vesperpause.
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