Porträt Hennes Löhr (Archivversion)

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Seit fast 20 Jahren sucht und findet Hennes Löhr zusätzliche PS in japanischen Vierzylindermotoren.

Stärker, schneller soll sie werden, die Suzuki GSX-R 1000, die Hennes Löhr zur Leistungsmessung auf den Dynojet-Prüfstand schiebt. Dort schnallt er sie mit Spanngurten fest, schließt einen dicken Beatmungsschlauch an den Ram-Air-Einlass, montiert Sensoren für Ansaugtemperatur und Drehzahl, stülpt die Ablufttülle über den Auspuff, und los geht’s: Vollgas, im sechsten Gang. Brutal reißt Hennes den Gashahn auf, der Vierzylinder brüllt ohrenbetäubend, dreht höher und höher, bis er sprotzend am Begrenzer ansteht. Blitzschnell drückt der Tuner auf den Abschaltknopf. Während das Hinterrad noch abtourt, spuckt der Computer bereits die ersten Daten aus. Negativ. Die Leistung der getesteten Maschine, unbearbeitet, aber mit Racing-Endtopf versehen, liegt deutlich unter der Referenzkurve einer durchschnittlichen Serienmaschine: »Daran sind vermutlich zu hohe Fertigungstoleranzen schuld.«Hans-Dieter Löhr, genannt Hennes, ist Boss der Tuningfirma LKM Power. Dass seine Arbeit erfolgreich ist, verrät eine eindrucksvolle Galerie von Siegerkränzen, die Büro und Werkstatt dekoriert. Hier, im schönen Bonn, haucht er japanischen Vierzylindern ein, wovon sie, nicht aber ihre Fahrer, eigentlich schon genug zu haben scheinen: Pferdestärken. Allerdings bringt’s Power nur auf Dauer, das Kraftpaket muss also solide geschnürt sein. »Es nützt gar nichts, wenn der Kunde nach einer Woche wieder im Laden steht und du eine Reklamation am Hals hast.«Tuning hat zwar seinen Preis, getunt wird aber nicht um jeden Preis. Auf brachiale Methoden greift Löhr nur in Ausnahmefällen zurück. Ventilführungen beispielsweise kappt er nur bei Rennhobeln. Straßenmotorräder werden wesentlich softer behandelt. Hauptbetätigungsfeld sind die Zylinderköpfe. Heißt – Feinbearbeitung von Ventilsitzen, Kanälen und Brennräumen, Einbautoleranzen und Spaltmaße minimieren, so lange herumtüfteln, bis das beste Verhältnis zwischen Haltbarkeit und Leistungsausbeute erreicht ist. Modifizierung der Steuerzeiten sowie die Einstellung von Zündung und Kraftstoffaufbereitung runden das Tuning ab.Im Prinzip profitiert Hennes von den Schwierigkeiten der Großserienhersteller, denen es unmöglich ist, just in time perfekte Motorräder zu bauen. »In der Zeit, in der wir hier ein Triebwerk bearbeiten, hat man am Fließband schon wieder drei, vier komplette Maschinen montiert.« Lohn der Mühe: Eine GSX-R 1000 made by LKM hält den Geschwindigkeitsrekord für straßenzugelassene Bikes. 314 km/h ist sie schnell, und in 6,6 Sekunden sprintet sie aus dem Stand auf 200 km/h. 1700 Euro kostet die Leistungssteigerung auf 177 PS. Bei ausgewählten Bikes kann’s allerdings auch mal etwas mehr sein. Wenn beispielsweise Hand an die Zylinder gelegt wird. So spendiert LKM einer Suzuki Hayabusa bei Bedarf 200 Kubikzentimeter Extra-Hubraum, wofür sich die Maschine mit 208 PS am Hinterrad und der Kunde mit 4370 Euro bedankt.Seit fast 20 Jahren sucht Hennes jetzt nach Power. Vorher hatte er es im jungen Alter von 22 Jahren bereits zum Werkstattleiter beim örtlichen Kawasaki-Händler gebracht. Doch ein Leben als Vertragshändler einer großen Mark wäre nicht sein Ding gewesen: »Nur Motorräder und Zubehör verkaufen ist doch langweilig.« Also machte er sich 1983 selbständig. Nächtelang habe er in der Anfangszeit getüftelt und sich so sein Know-How erarbeitet, sagt er. Vorbilder oder Lehrmeister? »Keine. Wer nur die Ideen anderer kopiert, kopiert auch deren Fehler.«Inzwischen reist die Kundschaft aus ganz Deutschland an. Und da die Rezession bislang noch nicht in der Annaberger Straße 276 vorbeigeschaut hat, gibt’s dort keinen Arbeitsmangel. Ungefähr 170 Motoren pro Jahr befreit LKM von leistungshemmendem Ballast. Die meisten Aufträge gehen ein, wenn die Motorradsaison so langsam ausklingt. Dann müssen die Leistungssüchtigen statt mit einer schon mal mit bis zu fünf Wochen Wartezeit rechnen. Und Hennes’ Ruf macht nicht mal mehr vor den Landesgrenzen Halt. Erst vor ein paar Wochen standen zwei Honda aus Moskau in der Werkstatt.Klar, dass bei all der Schafferei die Freizeit knapp bemessen ist. Wenn es das Arbeitspensum dennoch mal erlaubt, setzt sich Hennes Löhr aufs Rad und fährt ein Stückchen raus. Ganz weit raus strampelt der Rheinländer zu Karnevalszeiten. Eine Pappnase setzt er sich nämlich nicht auf. Und alle Angebote, Prunkwagen zu tunen, lehnt er kategorisch ab.
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