Porträt Isabell Bartl - Hebamme (Archivversion)

Wehen, wenn sie losgelassen

Weil Babys die Marotte haben, nicht nach Plan zu erscheinen, muß Hebamme Isabell Bertl oft subito an den Ort des Gebärens düsen.

Alles nur eine Frage der Gewohnheit, meint Isabell. »Anfangs wundern sich die Frauen, wenn ihre Hebamme in Motorradklamotten bei ihnen auftaucht. Aber das legt sich.« Und gibt den Herren der Schöpfung, sogar während der Schwangerschaft die gern genutzte Gelegenheit, mal wieder mannhaft Kompetenz zu beweisen. »Motorrad zu fahren, das war schon lange mein Wunsch«, schwärmt Isabell Bartl. Der erste Versuch ging glatt daneben: zwei Ausrutscher auf vereister Straße, garniert mit hämischen Kommentaren eines schon etwas angejahrten Fahrlehrers, der keinen Bock aufs Moped mehr hatte und dem es außerhalb seiner Blechkarosse eh immer zu kalt war. Weswegen Isabell mit ihm nie so recht warm wurde. Also hängte sie ihre Motorradambitionen an den Nagel. Vorerst, wie sie damals dachte. Und konzentrierte sich nach dem Abitur auf ihre Ausbildung. Zwei Jahre Hebammenschule - und dann mußte sie selbst eine Kollegin zu Rate ziehen. Wegen Tilman, 14, gefolgt von Theresa, 10, und Cosima, 6. Dagegen war das Motorrad nur ein Schein-Problem. Das löste Isabell, als das Nesthäkchen aus dem Gröbsten raus war. »Mädel, gib Gummi!« frotzelte ihr neuer Fahrlehrer, ein kerniger Typ mit rustikalen Umgangsformen. Der ihr aber immer Mut zusprach, wenn sie mal wieder dachte, »daß das Motorrad mehr mit mir macht als ich mit ihm«. Also drehte sie zu Beginn der Prüfung voll auf, preschte keck auf die Straße. »Sie haben vergessen, auf etwaige Fußgänger zu achten«, bekam sie vom amtlich Bestallten zu hören. Nach zwei Minuten war alles vorbei - und zwei Wochen später dann doch alles paletti. Motorrad umständehalber abzugeben: »Mit dem zweiten Kind ist es mit dem Motorrad erst mal vorbei, und mein Mann fährt ja nicht. Wollen Sie nicht meine Gummikuh kaufen?« Isabell Bartl mußte das günstige Angebot ihrer Patientin Susanne Brunner ablehnen. BMW - nee, nicht ganz ihr Fall. Das Auge fährt bekanntlich mit. So war sie lange zwischen ihren Favoriten Sportster und Monster hin- und hergerissen, bis die klassischen Formen der Harley endlich über das modischere Design der Ducati obsiegten. Seitdem kurvt die Stuttgarterin, wenn’s Wetter denn mitspielt, am liebsten auf dem Bike zu ihren Frauen. Weil’s schneller vorangeht als mit dem Auto - und sich vor jeder Haustür sofort ein Parkplatz findet. »Ich habe den schönsten Beruf der Welt« - Isabell Bartl ist Hebamme aus Überzeugung. Wie fast alle ihrer Kolleginnen. Die tragen eine riesige Verantwortung und rackern für ein so kleines Salär, daß sich selbst Sparkommissar Seehofer genierte, hier seinen allzeit gezückten Rotstift anzusetzen. »Des schnöden Mammons wegen ist noch niemand Hebamme geworden«, meint Isabell. Was zählt, sind diese unbezahlbaren Glücksgefühle: »Was kann es Schöneres geben, als am frühen Morgen, wenn die Sonne aufgeht und die Vögel zwitschern, nach einer reibungslos verlaufenen Geburt nach Hause zu gehen.« Mag kitschig klingen, ist es aber nicht. Angesichts der auch dunklen Seiten des Berufs: Totgeburten, Kinder, die behindert zur Welt kommen. Oder vermutlich nie eine echte Chance bekommen. Weil die Mutter an der Nadel hängt. »Wenn du all diese Schicksale zu nah an dich rankommen läßt, kannst du nachts nicht mehr schlafen.« Isabell hat sich die nötige Distanz hart antrainieren müssen. Was in solchen Fällen immer bleibt, ist ein ganz tiefes Gefühl der Trauer. Anders als festangestellte Hebammen in den Krankenhäusern, die entbinden, was in ihre Schicht fällt, sucht sich Isabell ihre Frauen selbst heraus. »Die Chemie muß stimmen, das Vertrauen von Anfang an da sein.« Auf beiden Seiten. »Ich hatte schon bei der ersten Begegnung ein sehr gutes Gefühl«, berichtet Iris Hülße, ihr Hanno ist fünf Tage alt - und Papa Andreas müßte eigentlich Oskar heißen. So stolz ist er. Danach auf der Harley von der Klinik weiter zu Familie Faas - Felix wickeln und wiegen. Vater Peter findet’s prima, daß die Hebamme Motorrad fährt. Macht er nämlich auch. Auf VX 800. Bereits seine zweite Maschine dieses Typs. »Als ich mir einmal aus einer spontanen Laune heraus eine BMW kaufte, ein Motorrad, das meiner Frau überhaupt nicht gefiel, hat sie gleich gesagt: Auf der fahre ich nicht mit.« Peter erwies sich als guter Ehemann: BMW verscherbelt, Suzi rangeschafft. Auch die Gummikuh von Susanne Brunner ist mittlerweile verkauft. »Ich hätte es schon gern gesehen, wenn die Frau Bartl sie genommen hätte.« Dann hätte sie ab und an noch mit der BMW ausbüchsen können. »Eine Zeitlang habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt, mir einen Klapperstorch auf den Tank air-brushen zu lassen«, gesteht Isabell. Sie ließ es dann leichten Herzens bleiben. »Man muß nicht immer an seinen Beruf erinnert werden.« Oder andere darauf hinweisen. Schon gar nicht vorm Café des Hotels Glemseck an der ehemaligen Solitude-Rennstrecke. Wo Isabell, wenn’s die Zeit erlaubt, gern mal einen Kaffee trinkt - in der Gesellschaft Hunderter von Bikern. Dumm angemacht hat sie dort noch keiner. »Frauen sind mittlerweile ein fester Teil der Szene.« Doch wenn ein Motorradfahrer hämisch grinst, »weil ich mein Motorrad so saudumm hingestellt habe, daß ich übel rumrangieren muß«, ärgert sie sich sakrisch. Nicht über den Grinser, der disqualifiziert sich selbst, sondern über sich. Weil’s eben genug Dinge gibt, die sich sehr wohl verhüten lassen.
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