Porträt Jan Witteveen (Archivversion)

Der Extremist

15 WM-Titel - hinter Aprilias Erfolgen steckt ein holländischer Kopf.

Der Mann ist Held vieler Legenden, die in Italien kursieren. Zum Beispiel der vom Grand Prix in Malaysia. Da taucht in der Aprilia-Box plötzlich eine Kobra auf. Fahrer und Mechaniker stolpern in wilder Flucht übereinander, doch Jan Witteveen blickt nur kurz von seinem Käsebrot auf, murmelt »Ach! Eine Schlange« und wertet seelenruhig seine Computerbögen aus. Dichtung oder Wahrheit? Egal. Die Geschichte zeigt, wie die Italiener den Technik-Chef von Aprilia Corse sehen. Sie lieben den 53-jährigen Niederländer nicht unbedingt, dazu ist er ihnen zu wenig emotional. Doch seine Kaltblütigkeit gepaart mit absolut professioneller Arbeitseinstellung nötigt ihnen jede Menge Respekt ab. Weniger, dass der Mann Käsebrote beim Arbeiten vertilgt. Auch wenn die nordeuropäische Mentalität vielleicht gut für den Job ist, vom Essen und vom genussvollen Leben, argwöhnen Italiener, verstehen solche Menschen aber nichts.Dabei genießt Witteveen sein Leben durchaus. Zumindest seit seiner Heirat 1982. »Davor habe ich sieben Tage die Woche gearbeitet.« Seine Frau Ulli, eine Österreicherin, die für KTM arbeitete, lernte er beim Rennen kennen. Wo auch sonst. Heute versucht Witteveen, sich auf fünf Arbeitstage zu beschränken und geht meistens »schon« abends um neun nach Hause. Witteveen gilt als »der« Zweitaktspezialist. Das begann schon 1970 bei Fichtel & Sachs in Schweinfurt, wo der 23-jährige Ingenieur Einzylinder von 50 bis 250 cm3 entwickelte. Von 1974 bis 1976 baute er für Hercules in Nürnberg den Cross-Rennsport auf. Als seine Chefs verlangten, er solle einen Motor verwenden, der ihn nicht überzeugte, warf der Holländer den Bettel einfach hin. Nicht zum letzten Mal. Eine Charaktereigenschaft, die ihm das Image des Revoluzzers eintrug. Gerade in Italien, wohin ihn sein Weg von Hercules führte. »Wo sonst in Europa gibt es noch Hersteller, die im Motorradsport so aktiv sind?” Da trägt er es sogar mit Fassung, wenn ihn Italiener wegen seines holländischen Akzents durch den Kakao ziehen. »Wichtig ist, dass man sich verständlich machen kann. Und das ist mir noch immer gelungen.” Selbst am Anfang, als er kein Wort Italienisch konnte. Ihm reichten Zeichnungen, Gesten und im Zweifel Drohgebärden, die seine italienischen Mitarbeiter übrigens heute noch fürchten. Nach Stationen bei Simonini, Gilera und Cagiva landete Witteveen 1989 im Veneto, beim ehrgeizigen jungen Hersteller Aprilia. Mehr als 110 Grand-Prix-Siege und 15 Weltmeisterschaften holte er seitdem für die Marke – und schuf sich damit den Ruf einer wandelnden Legende. Gelegentlich mit durchaus unpopulären Entscheidungen. »Als ich kam, sah es mit der Rennsportabteilung nicht so gut aus.« Aprilia-Boss Ivano Beggio ließ Witteveen freie Hand. Und der entschied sich für einen Drehschiebermotor, gegen den lautstarken Protest der Verkaufsabteilung. »Es bringt nichts, die Japaner zu kopieren, das habe ich bei Cagiva gesehen.«Dass er zu Extremen neigt, gibt er zu. Auch im Privatleben. Seinen letzten Urlaub verbrachte der Ingenieur in einem Hotel in Schweden, das nur aus Eis und Schnee besteht. Genächtigt wird auf Eisblöcken. »Draußen herrschten minus 32, im Zimmer minus 5 Grad.« Das sei aber dank eines speziellen Thermoschlafsacks kein Problem – »solange man nachts nicht raus muss«, grinst Witteveen. Der Holländer gilt als unumschränkter König des Rennsports bei Aprilia. Aufgrund der zunehmenden Wichtigkeit der Superbike-WM schien der Einfluss des Zweitaktexperten zu schrumpfen. Gerüchte über eine Abwanderung machten die Runde. Doch Witteveen, der derzeit für Aprilia einen Viertakter für den GP-1 entwickelt, wiegelt ab. »Es stimmt schon, man ist nicht immer zufrieden. Ich bin jetzt seit zwölf Jahren bei Aprilia, und manchmal scheint das Gras beim Nachbarn grüner. Aber ich habe nicht die Absicht zu wechseln.« Denn was ihn in seiner Position bei Aprilia am meisten stört, würde sich auch in einer anderen Firma nicht ändern: Ihm bleibt zu wenig Zeit für die Technik. »Meine Idealvorstellung ist, dass ich 50 Prozent meiner Zeit der Organisation widme und 50 Prozent technischen Dingen. Leider gelingt mir das meistens nicht.« Eine Frage bleibt noch: Stimmt die Geschichte mit der Kobra in Malaysia nun oder nicht? »Mag schon sein«, schmunzelt Jan Witteveen. Legenden gehören nun mal zum Rennsport wie Käse auf sein Brot.
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