Porträt Jörg Juretzka (Archivversion)

Trance rapide

Bücher schreiben, den Ring umkurven - in Trance fallen.

Es gibt angenehmere Momente im Leben, als mit zwei Katern aufzuwachen. Maunzt der eine penetrant sein Fresserchen herbei, pocht der zweite dumpf gen Schädeldecke, schreit verzweifelt: Aspirin! Was, nach Aufflackern des ersten vernünftigen Gedankens, die Laune alsdann in unerträgliche Abgründe jagt, ist jene unerbittlich sich aufdrängende Frage der verschärft existentiellen Art: Vor welcher Tränke ließ ich mein Motorrad stehen? »Irgendwo unterwegs verloren wir die Yamaha aus den Augen. Stattdessen rannten uns zwei Mädels über den Weg.« Typisch für Krystof Kryszinski, des Ruhrpotts abgefahrensten Privatdetektivs. In früheren, in wilden Zeiten ist solch Ungemach auch Jörg Juretzka, Schöpfer des ebenso bekatert wie gekrädert ermittelnden Schnüfflers Kryszinski, passiert:.»Ich bin mit der Maschine vor die Kneipe gefahren, obwohl ich wusste, dass ich sie eh stehen lassen würde.« Ein unverrückbarer Standpunkt. Eben. Weil er alles mit dem Motorrad machte. Zur Arbeit gurken. In den Feierabend starten. Das Wochenende genießen. In den Urlaub düsen. Sommers enduresk in die Sahara, bis nach Tamanrasset - »Alle zwei Wochen eine neue grauenhafte Form von Durchfall, ich war abgemagert bis aufs Skelett.« Winters nach Schottland oder Skandinavien - »Da war dieses nicht mehr zu unterdrückende Verlangen, beschneite Berge am wild tosenden Meer zu sehen.« Schließlich die Jahre im Zeichen der Burg. Der Nürburg. Jahreskartenbeseelt. »Ich habe die typische Ring-Hooligan-Entwicklung durchlaufen.« Also stand am Anfang Yamaha RD 350, gefolgt von Suzuki GSX-R 1100. » Brutal Vollgas fahren will jeder mal, das gibt einen Kick.« Beim Hochbeschleunigen in den Bergaufpassagen. »Doch das herrlich Wieselig-Wuselige solcher Streckenabschnitte wie Hatzenbach oder Wehrseifen ist nur mit Zweitaktern eine Wonne.« Hieß nach einem Jahr, der dicken Suzi zu Gunsten agiler RGV 250 den Laufpass zu geben. »Ich liebe es, wenn es oben heraus explodiert.« Apropos oben heraus: »Diese sehr lange, gleichmäßige Adrenalinausschüttung beim Fahren auf dem Ring schafft kristalline Klarheit im Kopf - die beste Droge meines Lebens.« Dann fällt Juretzka in Trance. Wie beim Schreiben. »Ich verliere mich in der Geschichte, alles andere ringsum verschwindet.« Dann lebt Juretzka den Kryszinski, Deutschlands unteutonischsten Privatdetektiv. Dann ist er ein anderer Mensch - und doch er selbst. Zehn Jahre lang hat er seine Manuskripte an alle möglichen und unmöglichen Verlage geschickt. Zehn Jahre lang hat er Absagen kassiert. »Ich könnte meine Wohnung damit tapezieren.« Schreiben, sagt Juretzka, bringt den Lebensstandard ganz nach unten. Und reduziert den zweirädrigen Fuhrpark ungemein. Zuletzt blieb ihm noch Suzukis DR 650. Auch die musste er verscherbeln, obwohl er 1999 mit seinem ersten Buch, dem »Prickel«, auf Anhieb den Deutschen Krimipreis errang. Im Sommer malocht Juretzka als Zimmermann auf dem Bau, im Winter fabriziert er irrwitzig rasante und skurrile Romane. Die irrlichtern verwegen zwischen den Abstrusitäten eines »Kottan ermittelt« (legendäre, des Schmähs übervolle Fernsehserie aus Österreich) und den unfreiwillig heroischen Eskapaden amerikanischer Detektivlegenden vom Schlage eines Sam Spade (Dashiell Hammett) oder Philip Marlow (Raymond Chandler). Der idealtypisch investigative Kleinbürger, Sam Marlowszinski - er lebe hoch! Als Held. Als uneigentlich ermittelnder und eigentlich besoffener. Aber wer sagt denn, dass Underdogs nichts ins Rollen bringen können. Bei Kryszinski, dem Ruhrpott-Marlow, sind das Yamaha XS 650. Juretzka weiß, wovon er schreibt: »Die XS haben versucht, mich umzubringen. Dennoch habe ich sie geliebt. Trotz ihres fürchterlichen Fahrwerks. Ausgang Hatzenbach auf dem Nürburgring, dieser Linkskurve mit der Senke mittendrin, da hat der Rahmen aufgesetzt. Kein XS-Fahrer, der Vollgas gab, hat es geschafft, sich da nicht auf den Bart zu legen.« Juretzka haben sie mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus expediert. Ein Jahr auf Krücken. Danach schneller als zuvor. P.S. Juretzka fährt momentan Honda Hawk. Gemächlich. »Ich bin 45.« Seinen neusten Roman »Der Willi ist weg« gibt’s im MOTORRAD-Shop für 22.90 Mark. Telefon 0711/182-24 24. Das Gemeinschaftswerk von Juretzka und Roger M.Fiedler, einen Roman in 54 e-mails, findet man unter www.krimimails.de.
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