Porträt Kimberly Jane Allison Marx (Archivversion)

It’s good to be a Woman

Kim war früher Werner. Aber auch der ließ es schon kesseln.

Minirock, durchsichtige Bluse, kecke Halbschale und auf Biker-Stiefeletten 1,95 Meter lang - keine Chance, unbemerkt Moped zu fahren. Geschweige denn, unbeglotzt von selbigem zu steigen. Zumal das Vollweib - »Ich sollte mal wieder ein paar Kilo abnehmen« - gern laut spricht und noch kesser lacht. Wer, was schwer fällt, die Augen schließt, könnte meinen: Da juxt ein Mann. »Lasst mich mal an die Eier ran«, machte Kim vorm Frühstücksbüffet des Bikertreffs Woodpecker’s in Bottrop drei Motorradler an. »Hat die halbe Kneipe mitgekriegt. Da war Stimmung in der Hütte.« Im Frühjahr gedenkt Kim, eine Klinik zu visitieren. Stimmbandoperation. Dann tönt sie so, wie sie jetzt schon aussieht. Unbeschreiblich weiblich.Als Kim noch Werner war, ging er in die Luft. Abstand gewinnen. Von seinen Eltern. Dem Vater, der nur eins von ihm verlangte: das Familienhotel in Titisee-Neustadt zu übernehmen. Werner flog drüber weg, denn über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Runter kommen sie freilich immer. Also studierte Werner nicht Luft- und Raumfahrttechnik, seine Passion, sondern BWL. Dem Gastrobetrieb zuliebe. Natürlich langweilte ihn das Studium. »Letztlich dreht sich alles um die Kostenseite.« Leicht zu durchschauen. Zu leicht. Weil er drüber stand, machte er Karriere. Stieg in einer Luxemburger Unternehmensberatung zum Direktor auf. Mit Ferrari auf Geschäftskosten - »einen 308 GT4, dunkelblau, weißes Leder, der Einzige im kantigen Bertone-Design« - und einem Flieger für die etwas entfernteren Termine. Doch Ziele gab’s, da kam er nie an. »Ich konnte meinen Eltern nicht sagen: Wäre euch eine Tochter nicht lieber als ein Sohn?« Werner verdrängte, wollte die ungeliebte Rolle, gegen die er sich noch nicht wehren konnte, perfekt spielen. Er heiratete, wurde Vater dreier Kinder. Hoffte, endlich seinen »Heimathafen« zu finden. »Die menschliche Seite mit der Familie hat funktioniert, aber den Rest habe ich nicht gebacken gekriegt.« Für die Schwarzwälder in Titisee-Neustadt »war ich immer noch der Sohn, der stumm dabei gesessen ist, wenn der Vater und der Bankdirektor in ihrem Kriegserlebnissen geschwelgt haben«.Dagegen halfen alle beruflichen Erfolge nicht. Obwohl’s lehrreich war, sagt Kim, »bei meinen Managertrainings diese armen Schweine zu sehen, die ähnliche Probleme hatten wie ich«. Probleme, den richtigen Weg zu finden. »Ich war auf keiner Seite richtig zu Hause. Nicht als Mann, nicht als Familienvater. Nichts funktionierte mehr. Dazu gesellte sich ein extremes körperliches Unwohlsein - ein wahrer Horrortrip. Ich wünschte mir, eine Frau zu sein.« Werner haute ab. Nach New Mexico. Fuhr Motorrad. Zum ersten Mal in seinem Leben. Softchopper von Suzuki. Ohne Führerschein. Zwei Jahre lang. »Das Bike hat mir völlig neue Perspektiven erschlossen. Genauso schön wie fliegen, nur perplex anders.« Nebenbei machte er den Berufspilotenschein, flog Kamerateams und Touristen. Kehrte dann nach Europa zurück. Nach England. Wo er sich mit Computern beschäftigte und elektronische Musikinstrumente verkaufte. Und auf Air-Shows mit seinen Kunststücken verblüffte. Er schleppte alle möglichen und unmöglichen Dinge durch die Lüfte, nahm, wie der legendäre Fliegerheld Udet, Taschentücher für die Damen mit dem Flügel auf. Retour in Deutschland erhielt Werner sofort eine Dozentur für Moderne Kommunikation in Saarbrücken, schrieb das erste AOL-Handbuch auf Deutsch. »Alles Tinnef«, sagt Kim, »mir wurde klar, dass ich wesentliche Dinge in meinem Leben ändern muss.« Zunächst machte er seine Obsession zum Beruf. Heuerte als Bannerpilot beim Zirkus Flicflac an. 1999, da war Werner 49, begab er sich ins Krankenhaus, kam als Kim heraus. »Ein später Entschluss, weil ich Angst hatte. Aber ich habe endlich meine Normalität gefunden.« Und zum Motorrad zurück. »Wenn mich nach der Operation nachts um drei jemand aus dem Schlaf gerissen und gefragt hätte, was wünscht du dir, hätte ich spontan geantwortet: ein Bike.«Den Namen Kimberly hat sie sich selbst ausgesucht, Jane war ein Vorschlag ihrer Ex-Frau, Allison heißt ein Flugzeug, das sie mag. Und hätte sie einen vierten Namen frei, dann lautete der: Virago. Nach ihrer Traummaschine.
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