Porträt Lothar Spiegler (Archivversion)

Wer bremst, gewinnt

Seit Lothar Spiegler mit dem Rennfahren aufgehört hat, eilt er von Erfolg zu Erfolg.

Aus Fehlern lernt man, sagt ein Sprichwort. Der Bremsenspezialist Lothar Spiegler hatte in seinen jungen Jahren als Rennfahrer für seinen Geschmack viel zu viele Gelegenheiten, extrem viel zu lernen. »Ich bin die Rennerei angegangen wie ein Heimwerker, hab’ immer nur an gebrauchten Maschinen gewurschtelt«, urteilt er heute. »Klar, mit meinen verranzten Motorrädern wäre auch Freddy Spencer untergegangen. Doch ich dachte immer: Nächstes Jahr wird’s besser.« Wurde es aber nie.Bei der Frage nach seinem größten Erfolg muss der 47-Jährige lange nachdenken. Dann erinnert er sich an einen 16. Platz im Training zum 500er-WM-Lauf am Nürburgring. In der letzten Qualifikationsrunde stürzte Spiegler jedoch und zerlegte sein Motorrad dabei so gründlich, dass er nicht zum Rennen antreten konnte. Auch wenn der Freiburger heute, fast 20 Jahre später, darüber lächeln kann: Von seinen Niederlagen berichtet er mit dem Ernst eines Mannes, dem seine Fehler zu präsent sind, um sie als Jugendsünden abzutun. Sein Fazit: »Heute würde mir das nicht mehr passieren.«In der Tat: Seine zweite Karriere, die des Unternehmers in Sachen Bremsentechnik, geriet zur Erfolgsstory. Angefangen hat sie am Rande der EM- und WM-Läufe, bei denen Spiegler zwischen 1979 und 1986 mitfuhr. Chronisch knapp bei Kasse, verschacherte er Bremsenteile von Brembo an seine Konkurrenten. Im Fahrerlager, damals noch für Normalsterbliche zugänglich, erlangte er bald mehr Berühmtheit als auf der Piste, denn auch die Rennfans waren ganz versessen auf seine Teile. »Mit TÜV-geprüften Bremsen könnte man richtig Geld verdienen, dacht’ ich mir.« Und stopfte die Marktlücke, indem er sich eine Straßenzulassung für die Rennstopper besorgte. Seine stahlummantelten Bremsleitungen gerieten ebenfalls zum Verkaufsschlager. Schon nach kurzer Zeit liefen die Geschäfte so gut, dass für Rennrunden keine Zeit mehr blieb.Mit seinem feinen Gespür für die Wünsche der Motorradfahrer mutierte Spiegler schnell vom bloßen Teilehändler zum Hersteller und beschäftigt mittlerweile 24 Leute. Er selbst, von Ingenieurswissen gänzlich unbelastet, berichtet seinen Technikern von seinem neuesten Einfall, den diese dann in teils monatelanger Entwicklungsarbeit umsetzen. »Da ist viel Intuition dabei. Ich denk’ mir einfach Sachen aus, die ich selbst gern hätte.«Mit dem geschmackssicheren Auge eines gelernten Schaufensterdekorateurs achtet der Chef persönlich darauf, dass Form und Funktion der Bremsenteile perfekt harmonieren: »Ich kümmer’ mich auch um das letzte Detail. Bis alles genau so ist, wie es mir gefällt.« Und so ist heute der Name Spiegler in der Zweiradbranche Synonym für Qualitätsprodukte, technisch vom Feinsten und obendrein schön anzusehen. Der Job bereitet dem Unternehmer offenkundig auch nach etlichen Jahren noch ungetrübte Freude. Stolz wie ein Siebenjähriger nach dem Freischwimmer studiert Spiegler die Reaktionen auf seinen jüngsten Streich: »Sicom« heißt der Stoff, so leicht wie Zwieback, aber fast so hart wie Diamant, an dem Spiegler die Vertriebsrechte erworben hat. Aus dem Werkstoff lassen sich Bremsscheiben für Rennstrecke und Straße backen. Die Stopper sollen Krbonbremsen in nichts nachstehen und zudem für Straßenmotorräder taugen. Noch hadert Spiegler mit Problemen: »Das Zeug ist so hart, dass wir unsere Produktionswerkzeuge ständig tauschen müssen.« Doch das sieht der Unternehmer nur als eine von vielen Herausforderungen, die ihm an seinen Zwölfstunden-Arbeitstagen begegnen.Zwölf Stunden, da bleibt nur wenig Zeit für die Familie: Spiegler ist Vater von drei Kindern, das vierte hat sich für den Sommer angekündigt. Mit ein Grund, warum er kaum zum Fahren mit seiner Yamaha XJR 1300 kommt. Und auf Rennmaschinen steigt Spiegler noch seltener. »Wahrscheinlich besser so«, grinst er: Auf dem Motorrad ist er nämlich ganz der Alte geblieben. Beim MOTO aktiv-Rennen in Mugello 1997 hat der Bremsenspezialist zwar gewonnen, aber leider die Zielflagge übersehen und – da er sich weiter im Rennen wähnte – seiner Ducati noch in der Auslaufrunde einen 10 000-Mark-Schaden zugefügt.Doch Spiegler wäre nicht Spiegler, wenn er auch dieser Begebenheit nicht noch etwas Positives abgewinnen würde: »Vielleicht war’s ja gut, dass ich mich mit den Rennrunden verrechnet habe. Sonst wäre ich wohl nicht ins Ziel gekommen.“
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote