Porträt Manuel Garde (Archivversion)

Erster Farbbericht

Kann ein originaler Chopper in Schichtarbeit entstehen? Sicher doch, meint der Worpsweder Maler Manuel Garde. Und pinselt bis zu 14 Lagen Acryl auf. Damit der Chrom der Harley prächtig glänzt. In allen Regenbogenfarben.

An der Ortseinfahrt ein großes Schild: »Ölgemälde«. Meterware, schrecklich dekorativ. Motorradfahrer, kommst du nach Worpswede, mach dich auf einiges gefaßt. In jedem Fall auf gar putzig restaurierte Bauern- und Wirtshäuser, die sich, vom Gästestrom animiert, mit hübsch häßlichen Anbauten paarten. Da reibt sich Fachwerk an Glasbaustein. Hauptsache: Zimmer zu vermieten.Manuel Garde lebt in dieser herrlich verkorksten Idylle. Kostengünstig im ererbten Domizil. Vom Kommerz mit nett gerahmtem Kunstgewerbe hält er sich treulich fern. »Um die Haushaltskasse aufzufüllen, veranstalte ich lieber Malkurse. Das erwartet man in Worpswede. Nicht aber, daß es hier kein Fachgeschäft für Malereibedarf gibt. Der Laden ginge sofort pleite.« Der 43jährige Freund des filigranen Strichs gehört zu den letzten seiner Zunft im legendären Künstlerdörfchen. Wo vor 100 Jahren Großmeister der Palette wie Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler oder Otto Modersen den Pinsel schwangen und Rainer Maria Rilke Verse schliff. Allesamt fasziniert und inspiriert von der kargen Schönheit des nahen Teufelsmoors. Selbst Plattheiten können mitunter äußerst erhebend sein.Ein erhabenes Gefühl beflügelt auch drei dezent befranste Japan-Chopperisten, die sich vor der Eisdiele, in der Manuel Garde seinen Espresso schlürft, kleinstädtisch gelassen im Glanze der Maschinen spiegeln. »Auch deswegen male ich Motorräder, weil ich überzeugt bin, daß sich der Charakter der Maschine im Fahrer wiederfindet.« Den kann er also ruhigen Gewissens aus seinen Gemälden verbannen.Gardes Verhältnis zum Bike erweist sich, seiner Profession gemäß, als das reiner Anschauung. Zumal er ihm, was die aktive Beherrschung anbelangt, abhold bleibt. »Außerdem male ich keine Motorräder, ich male Bilder.« Faszination? Logo. »Ich muß von einem Motiv begeistert sein. Sonst kann ich nicht arbeiten.« Und ohne Harley läuft, bisher, gar nichts. »Für mich sind diese Maschinen Archetypen des Motorrads, seine Urform. Zwei Räder, ein Rahmen und ein Aggregat mit Charakter - Ikonen der mechanischen Welt.« In seinem Atelier hängen neben einer Big Twin-Skizze zwei Porträts. Eins fast fertig, im Stil der kirchlichen Malerei Osteuropas. »Mit der Versinnbildlichung von Themen aus der Mythologie hat die bildende Kunst in unserem Kulturraum doch begonnen«, erklärt Garde, »sei es nun die christliche oder antikisch-heidnische.« Den Mythos Harley hat der Maler schon oft genug in Augenschein genommen. Als Bassist der auch auf Biker-Parties auffiedelnden Country-Band Emsland Hillibillies. Und als scharfblickender Mensch mit Sinn für ästhetische Formen. »In diesen fast schon anachronistischen mechanischen Konstrukten ist Bewegung drin und Dynamik, und das bereits im Stehen. Mitunter habe ich sogar den Eindruck, als lebten, posierten die Maschinen, und manche poussieren sogar.«Die heißen Models schafft er nicht selbst ran. Den Aufreißerjob besorgt Gardes alter Kumpel und jetziger Manager Giovanni Petzold. Ein Motorradverrückter mit, hoppala, Harley-freiem Fuhrpark. »Ich zeige Manuel Maschinen, die mir interessant erscheinen. Und dann macht es klick, oder eben auch nicht.«Apropos klick. »Ich muß die Modelle selbst fotografieren, alle Details. Nicht um ein Gefühl für die Technik zu bekommen, sondern um das Material zu spüren. Die Bremssschläuche, das Chrom, die Speichen, den Luftfilterkasten, den Schein der Sonne auf dem Rot des Tanks.« Wie es sich für Ikonen und mythische Gegenstände gebührt, pinselt Garde sie nicht einfach ab. »Es wäre keinem Maler in den Sinn gekommen, in der heute üblichen Weise anzustreichen, bis die Farbe deckt«, schrieb Anita Albus in ihrem Buch »Die Kunst der Künste« über die alten Meister. Die lasierten, legten also Farbschicht auf Farbschicht, so daß die unterste durchschimmerte und die neu aufgetragene in ihrem Ton veränderte. »Chrom als Farbe existiert eigentlich nicht«, spricht Garde einen heiklen Punkt der ihm eigenen Motorradbranche an, der ihm bis zu 14 Lagen Farbe abverlangt. Dieses Gardesche »Chrom« irrlichtert von Blau bis Gelb und von Rot bis Grün in den unglaublichsten Schattierungen. »Weil sich die Umgebung immer auf Luftfilterkasten oder Auspuff widerspiegelt. Eigentlich müßte sich der Betrachter auf dem Gemälde wiedererkennen.« An diesem Problem arbeitet Garde noch.Mit Acryl. Weswegen er, anders als die großen Maler längst verflossener Zeiten, die ihr Bleiweiß oder Zinnober noch selber zusammenrührten, diese industriellen Farben nicht auf der Palette, sondern auf der Leinwand mischt. Indem er sie unermüdlich aufeinander schichtet. Einige hundert Stunden lang für ein 0,7-Quadratmeter-Bild. 8000 Mark bringt eine solche Sissiphosarbeit im Schnitt. Des schnöden Mammons wegen pinselt er die Motorräder garantiert nicht. Denn der von hippen Moden getriebene Kunstmarkt hat Gardes Fotorealismus vorläufig aussortiert.Den Meister stört das nicht. Und das ist gut so.Kontakt: Telefon 0421/700577 oder cycentury@otelo-online.de.
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