Porträt Michael Tryphonos (Archivversion)

Ohne Gabel, bitte

Der Biker und Designer Michael Tryphonos liebt messerscharfes Handling. Deshalb fegt er die Telegabel vom Tisch und perfektioniert die Radnabenlenkung. Ist der Londoner Überzeugungstäter?

Der Mann macht alles selbst. Ob Motorräder reparieren oder Heizungen montieren. »Ich bin ein Perfektionist und arbeite gern mit den Händen. So lange, bis alles funktioniert«, sagt der Brite Michael Tryphonos. »Deshalb lasse ich niemand anders an meine Sachen ran.« Mit Serienmotorrädern hat sich der Sohn zypriotischer Einwanderer nie zufrieden gegeben. »Sportler sind meine Leidenschaft, und die müssen so leicht wie möglich sein.« Also strippte er eine Suzuki GSX-R 750, flexte, schweißte und schraubte, bis das Bike seinen Vorstellungen entsprach. »Ein teures Hobby. Aber Speed war meine Welt«, sagt der heute 30-Jährige, der es nach knapp 15 Jahren Zweirad-Erfahrung ruhiger angeht. Aber nur ein wenig. »Ich liebe meine Freiheit als Biker. Motorrad fahren in London ist ein einziges langes Überholmanöver. Meistens bin ich so schnell vorbei, dass mich Autofahrer gar nicht bemerken.« Mit jedem x-beliebigen Zweirad lässt er sich nicht blicken. Eine Tryphonos 900 mit Radnabenlenkung muss es schon sein. «Telegabeln sind ein schlechter Kompromiss«, befand der Design-Ingenieurstudent bereits 1990. »Mit Führung und Lenkung sowie Dämpfung und Federung ist das Bauteil überfordert.« Flugs bastelte er als Abschluss seiner Universitätskarriere eine Radnabenlenkung. »Am Anfang hat´s nicht so recht geklappt.« Aber Tryphonos ließ nicht locker. Fast neun Jahre lang perfektionierte er die Lenkung, verbaute ein Penske-Federbein, konstruierte einen Alu-Rahmen, der den Suzuki RF 900-Motor umschließt, und hantierte mit Kohlefaserrädern, bis ein Prototyp der Tryphonos 900 letztes Jahr auf der Rennstrecke in Donington stand. Der Design-Ingenieur war überzeugt: »Meine Radnabenlenkung ist einer Telegabel bei weitem überlegen.« Auch die Testfahrer von MOTORRAD, Werner Koch und Markus Barth (Heft 5/1999), jubelten: »So ein Gefühl fürs Vorderrad hat es noch nie gegeben! Wahnsinn!« Egal, wie holprig der Kurs, das Vorderrad der 900er klebte auch dann auf dem Asphalt, wenn heftiges Bremsen angesagt war. Da schnitt selbst die Ducati 996 schlechter ab, denn deren Gabel ging schon mal auf Block. Fazit: Die Tryphonos brilliert mit supersportlicher Lenkgeometrie und einer durch nichts zu beirrenden Stabilität bei Highspeed (Technische Details in MOTORRAD 23/98). Das Lob war einhellig.Doch die Resonanz gering. »Das ist frustrierend für mich«, sagt der überzeugte Vegetarier, der keinen Tropfen Alkohol anrührt. »Ich glaube an dieses Konzept. Aber die Motorradindustrie ist sehr konservativ.« Dafür gibt´s viele Gründe. Montagehallen und Maschinenparks sind seit Jahrzehnten auf die Fertigung von Gabeln eingestellt. Eine Änderung wäre teuer und zeitraubend. Zudem genießen Achsschenkel- und Radnabenlenkungen nicht den besten Ruf. Das weiß auch Tryphonos. Großer Wendekreis und Schwierigkeiten beim Rangieren gehören zu ihren Nachteilen. Ob Bimota Tesi oder Yamaha GTS 1000 - die Käufer hielten nichts von der Innovation. Doch der Brite ist immer noch felsenfest der Meinung: »Mein System ist besser. Ich möchte Anerkennung für all die Arbeit, die ich geleistet habe. Obwohl es für mich eine Leidenschaft ist, immer mehr zu verbessern. Fast ein Liebesdienst.« Vor kurzem, so erzählt er, wollte eine Firma seine Patente kaufen. Tryphonos lehnte ab. Schweren Herzens. »Ich möchte die Kontrolle über meine Idee behalten, sie weiterentwickeln, sehen, was draus wird.« Deshalb arbeitet er mit der Tunerwerkstatt Performoto an einer Kleinserie, die ab nächstes Jahr auf den Markt kommen soll. »Ich bin mir sicher, dass ich die Grundlagen für die großen Firmen lege. In fünf, sechs Jahren kommen solche Lenkungen auf den Markt.« Falls alle Stricke reißen, will sich der Designer, der bislang hauptsächlich Produkte für die Automobilindustrie entwirft, anderen Ideen zuwenden. »Manchmal denke ich, was hilft ein Motorrad den Menschen. Vielleicht entwickle ich künftig Prothesen für Behinderte.« Die Alternative: das eine tun, ohne das andere zu lassen. Infos übers Bike gibt Michael Tryphonos unter Telefon 0044/181/8803420.
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