Porträt: Polizeipfarrer a. D. Reinhold Hintze (Archivversion)

Pater noster

Die haben nicht gejubelt«, erinnert sich Pastor Hintze. Dann wischt er die kalte Asche vom Biddies-Rillo, flämmt das kurze Stück noch einmal an, pafft und läßt den blauen Blick hinter dem blauen Dunst aus dem Fenster schweifen. »Der Jubel kam wirklich erst später«, sinniert er. »Beim ersten Mal 1983 waren es genau 320 Kräder, und weder bei der Polizei noch bei der Kirche haben sie gejubelt, als ich mit den Gottesdiensten für Motorradfahrer angefangen habe.« Zwölf Jahre lang hat der 59jährige Priester und Polizeipastor a. D. am Hamburger Michel Biker zusammengerufen. Zu guter Letzt waren es geschätzte 40 000 Motorradfahrer, die dem Hamburger Buttje Respekt zollten. »Das war aber für mich kein geiles Treffen«, lästert der Gottesmann. »Das drohte unbeherrschbar zu werden«. Deshalb fährt er zum Motorradgottesdienst 1997 erst gar »nicht hin. Da müßte ich weinen.« Weniger, weil es jetzt Motorradgottesdienst oder MoGo heißt - »Ich mache keinen Gottesdienst für mein Motorrad. Da geht es um Menschen« -, sondern wohl eher aus Sentimentalität. Wer 15 Jahre als Polizei-Pastor selbst dem herumschießenden Wüterich die Stirn und die Hilfe durch das Kreuz geboten hat, der ist Seelsorger durch und durch. Auch a. D. Er ist jetzt Freiberufler, darf taufen, trauen, Messen abhalten und Tote bestatten. Deshalb kennt in Groß-Borstel jeder den Mann mit Mission - »unser Pastor ist top«, so die Apothekersfrau -, der sich vom Miele-Moped zur Sechszylinder hochgefahren hat, um sich »die Traüme meiner Jugend« zu erfüllen. Und das liegt wohl auch an den gelben Bändchen, die er sich, wie alle Biker, an den Lenker gebunden hat. Trotzdem zehrt der fehlende Großauftritt ein wenig. Denn: Große Bühne ist nicht in Groß-Borstel, wo er den Ruhestand genießt. Genießt? Ein undefinierbares Grummeln geht durch den Pastor, der Ruhestand und Hosenträger nur verschmerzt, solange es Motorradhosen sind. »Ey Aldää, dafür hätt’ ich mir lieber `n Auddo gekauft«, mosert ein Schüler beim Anblick des Gottesmannes mit der Gold-Flügel-Honda. »Find‘ ich auch«, antwortet der Pope trocken. Schließlich ist sein Credo »Ich wollte etwas für mehr Frieden zwischen Motorradfahrern und Autofahrern tun« noch aktuell. Der Erste Polizeihauptkommissar ehrenhalber der Hansestadt Hamburg schmunzelt und pafft Rillo, wenn er durch die Seiten seiner Jahresordner blättert. Dann schweift sein Blick zum Öl-Pastor mit Ornat und Helm, der zwischen den Jahresbänden an der Bürowand hängt. Erinnerungen, die nur er sehen kann.
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