Porträt Roger de Weck (Archivversion)

Zwischen zwei Welten

Der Meinungsmacher kratzt die Kurve. Am Wochenende.

Schwierig. Einerseits ist uns von Kindesbeinen an eingetrichtert worden, dass man Menschen mit Behinderungen nicht abschätzend mustern sollte. Andererseits schielt Roger de Weck so stark, dass man im ersten Moment nicht weiß, wohin mit dem eigenen Blick. Aber das legt sich bald. Vier Jahrzehnte lebt der Journalist mit der hundertprozentigen Gewissheit, nie so sehen zu können, wie andere ihn ansehen. Es ficht ihn, den sie als Kind drei Mal an den Augen operierten, um die Fehlstellung zu korrigieren, nicht mehr an. »Ich sehe nur mit dem linken Auge richtig scharf«, betont er gelassen und wendet sich mit übergeschlagenen Beinen nach rechts. »Es heißt«, fährt er mit charmantem Lächeln fort, »man sähe dann nicht räumlich. Aber ich habe damit überhaupt keine Probleme. Ein großer Pingpong-Spieler bin ich aber nicht. Da kann’s schon mal daneben gehen.« Selbst wenn er Probleme mit seiner Fehlsichtigkeit hätte, traut man dem 46-jährigen Schweizer auf Anhieb zu, sie mit professioneller Leichtigkeit lösen zu können. Schließlich sitzt er wochentags auf meinungsbildendem Stuhl: Roger de Weck ist Chefredakteur der »Zeit«. Nun ist nicht jeder Motorradfahrer regelmäßiger oder zufälliger Leser dieses intellektuellen Werks von an die zwei Pfund Papier. Doch was da drin steht, hat einfach Gewicht. Und der Chef dieses Blatts gehört zu den wichtigsten Publizisten der Republik. »Motorradfahren kann ich hier in Hamburg nicht, dafür arbeite ich zu viel«, bestätigt Roger de Weck den Druck, der auf ihm lastet. Wohlan denn ins Wochenende, heim nach Zürich, zur Familie. Und zu seinen Motorrädern. Ein altes und ein modernes warten auf den Ausritt. Er greift ins Regal und sucht im großformatigen Fotoband mit fast liebkosenden Händen nach »seiner« R 27, Baujahr 1957. »Ich bin kein großer Schrauber«, gesteht er mit schelmischem Augenzwinkern, »und die R 27 ist für mich die Verlässlichkeit in Gestalt eines Motorrades. Die würde ich gerne mal auseinandernehmen.« Macht er aber nicht. Er hat sie aufwendig bei Herrn Kleiner restaurieren lassen, einem Philosophen und genialen Aufbauer. Für Motorräder wie auch für Menschen mit Mumm. »Die R 27 nehm’ ich aber nur noch zu Sonntagsausfahrten her«, erzählt de Weck weiter.»Ich mag nicht so viel Brimborium. Ich steh’ nicht auf Harley. Ich mag schlichte Motorräder und schlichtes Design. Wie bei meinen BMW.« Einzige Alternative, die für ihn in Frage käme: eine Guzzi. So eine Maschine hat sein Vater – trotz erheblicher Bedenken mütterlicherseits – früher bewegt. Drei Dinge schätzt der Zeitungsmacher ganz besonders, wenn er seine zweite BMW – eine R 1100 R – durch das Engadin tanzen lässt: »Ich mag es, dass wir Menschen mit Bodenhaftung in der Kurve für Sekunden die Schwerkraft aufheben. Ich mag die Beschleunigung, nicht den Topspeed. Ich mag die unglaubliche Vielfalt der Gerüche, die ins offene Visier hineinströmen«, gerät Roger de Weck ins Schwärmen. Es folgen Geschichten von seiner einjährigen Verbundenheit mit Suzukis Wasserbüffel, der »unglaublich viel Sprit verbraucht hat«, von der Führerscheinprüfung, die er auf einer geliehenen Vespa machte, weil sein Motorrad zu baufällig war. Von der Solidarität unter Bikern, die ihm geholfen haben, als er nach Elektroschaden seine BMW mehrere Kilometer durch den Wald »gestoßen« hatte. Und dann lupft er kurz das Hosenbein: Kühlrippen-Branding von seiner ersten BMW nach einem übermütigen Manöver vor der Schule. »Früher habe ich Motorräder und Schreibmaschinen geliebt.« Das zweite Hobby ist zwischenzeitlich ins digitale Nirwana entschwunden. Deshalb ist er heute umso lieber auf zwei Rädern unterwegs. »Weil es wunderschön ist, in der Schweiz Pässe zu fahren. Und, so fragt er: »Kennen Sie einen Motorradfahrer, der im Stau steht?« Fast entsteht der Eindruck, er möchte sich vor Schadenfreude auf die Schenkel schlagen. Return to sender. Hamburg Speersort, schwülwarme Temperaturen, ein Konferenztisch, der locker zehn bis zwölf Redakteure verkraftet, Bücher, Bilder – das Zentrum der ZEIT. Zurück von einem kurzen Ausflug in die Welt der Beschleunigung, Kurven und Gerüche. Versonnen schaut das scharfe Auge in den diesigen Himmel über Hamburg. »Ich bin schon ein Typ, der das Risiko liebt, das kalkulierbare Risiko wohlgemerkt. Sonst wäre ich wohl nicht Chefredakteur.“
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote