Porträt RT-Club Jugend Parchim (Archivversion)

Feldstecher

Kaum Lehrstellen, und auch sonst ist in Parchim wenig los. Für die Jungs vom RT-Club kein Grund, auf dem Marktplatz Bier zu vernichten und sich und andere anzuöden. Sie pflügen lieber durchs Grüne.

Hey, Perlich!« rufen die Kids. »Dürfen wir fahren?« Der gestandene Biker in Kutte schreit zurück: »Ja, aber ...« Perlich tippt sich an den Kopf. Klar, Hut nicht vergessen. Also rein ins Clubhaus, Helme ausfassen. Und dann geht’s ab über Stock und Stein. Wild treiben’s die Kleinen im Gelände, ein Kunststück jagt das andere, gerade so, als ob sie auf BMX-Rädern säßen. Aber es knattert, scheppert, dengelt, und was hinten raus kommt, blaut und stänkert kräftig. Im Ersatzteillager liegt noch das eine oder andere gelbe Kennzeichen herum. Zu DDR-Zeiten zierten solche Bleche die Kräder der GST - der Gesellschaft für Sport und Technik. Die besorgte die vormilitärische Ausbildung - und war dennoch allseits beliebt. Weil es oft genug nur bei der GST möglich war, sich motorsportlich auszutoben. Den Verein gibt’s schon lange nicht mehr, aber noch immer genügend Altbestand. Das Arsenal in Parchim, einem Provinzstädtchen 30 Kilometer südöstlich von Schwerin, verwaltet der MC RT-Club Parchim. Dessen Name erklärt sich aus der Liebe seiner Mitglieder zu einem Motorrad namens RT - einer 125er DKW mit einer Handvoll PS, die in den fünfziger Jahren IFA hieß und schließlich als MZ lief. Auf diese Oldtimer fährt freilich keiner der Junioren im Club mehr ab. Pompee bastelt sich eine Simson S 51 zusammen, ein Moped, das kraft Einigungsvertrag 60 km/h rennen darf; und seine Pokale im Moto Cross holt er auf einer 150er MZ ETZ, aus der er eine 125er machen will. »Kommt ein 125er Zylinder drauf, dann noch ein passendes Ritzel dazu, und schon kann ich damit auf der Straße fahren.« Was Technisches oder Mechanisches wollten fast alle Jungs im Club lernen. Klappte aber nicht. Gisi macht eine Lehre als Betonbauer und hat zumindest einen Trost parat. »In der Branche gibt es mehr Geld, mehr als ein Automechaniker verdient.« Pompee hat gerade die Hauptschule abgeschlossen und sucht einen Ausbildungsplatz. »Parchim ist total Scheiße. In Hamburg würde ich sofort eine Lehrstelle bekommen.« Aber den Sprung an die Waterkant wagt er dann doch nicht. Was er eigentlich werden will? »Was ich kriege. Vielleicht Polizist.« Bis es soweit ist, jobbt er erst mal bei Suhne. Suhne - das ist der Präsident des Clubs und Chef des »Krad Shops« in Parchim. Pompee hilft ihm sogar am Samstag, obwohl er da eigentlich frei hätte. Zwischen den Ersatzteilen im Laden fühlt er sich einfach besser aufgehoben als in irgendeinem städtischen Jugendclub. »Da müßte ich mit Knete werkeln oder Modellautos bauen.« Und wenn er nicht im Shop arbeitet, dann bastelt er eben im Club an seiner Simson rum. Pompee und die anderen wissen ganz genau, was sie machen würden, wenn es den RT-Club nicht gäbe: »Auf Parkplätzen rumhängen, so wie die meisten. Und Drogen nehmen.« Na so was aber auch. Da schrauben sie lieber an ihren Crossern, trainieren fürs nächste Rennen in Güstrow, Rostock oder Ludwigslust. »Freitag geht’s hin mit dem Zelt. Dann wird mächtig gefeiert, am nächsten Tag gefahren.« Daß die Party nicht überschäumt, dafür sorgen die Großen. Das sind die 15 Vollmitglieder des RT-Club - veritable Rocker in Kutten, bärtig und tätowiert. Die wissen, wie man feiert, und die wissen auch, wie man trinkt. Aber wenn einer der Zwerge vorbeikommt, greifen sie schon mal die Limo ab und schnüffeln dran. Damit es ja keiner zu früh lernt. Ohne die Vollmitglieder läuft in der Jugendabteilung des Clubs gar nichts. Auch auf die Kleinsten werfen sie ihr wachsames Auge. Matze, 14, will Go-Kart fahren. Bevor die Reifen qualmen, erklärt ihm Suhne, wie der Motor eingehängt wird. »Geh mal und hol ‘ne achter Mutter, 13er Schlüsselweite.« Matze kommt natürlich mit einem Inbusschlüssel retour. Aber das lernt er noch. Suhne klagt: »Es wird immer schwieriger, Nachwuchs aufzutreiben, der mal ein bißchen Kollektivgeist zeigt.« Die Parchinger Jugend findet anscheinend doch immer mehr Gefallen daran, sich an öffentlichen Plätzen vollaufen zu lassen. Was Bürgermeister Bernd Rolly gar nicht behagt. Deshalb unterstützt er den RT-Club, steht auf Du und Du mit Präsident Suhne und seinen Mannen, hilft ihnen, Anträge an den Ausschuß für Jugend, Kultur und Sport zu formulieren. »Wir haben bisher viel zu wenig Forderungen gestellt«, bedauert Suhne, »wir haben in den letzten Jahren nur ein paar Tausend Mark abgekriegt.« Die waren, davon ist der Bürgermeister überzeugt, verdammt gut angelegt.
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