Porträt Stefan Everts (Archivversion)

Stefansdom

Er gilt schon jetzt als Ikone des Moto Cross-Sports. Dennoch bastelt der vierfache Weltmeister mehr denn je an seinen Erfolgen - und seinem Status als Kultfigur.

Würden die dicken Hornhautfetzen an den Handinnenflächen nicht stören, Stefan Everts könnte gerade eben sein Abiturszeugnis vom Rektorenzimmer abgeholt haben. Die feingliedrigen Hände, die schmalen faltenfreien Gesichtszüge wollen nicht zum Image des muskelbepackten Cross-Profis passen. Und doch. Mit vier WM-Titeln hat der Mann aus dem belgischen Bree in diesem Sport bereits Geschichte geschrieben. Und das mit allerfeinster Feder. Wenn der 25jährige Flame zu Werke geht, verwandelt er das Rodeo in den holprigen Arenen zum vollendeten Dressurakt. Während die Konkurrenz von den Bodenwellen gebeutelt wird, scheint Herr Everts über die Rüttelpiste zu schweben. Wenn andere ihre Motoren jubeln lassen, schaltet der Werkspilot hoch und läßt die 250er Honda - unauffällig und leise - mit satter Traktion aus den Ecken ziehen. Wo der Rest des Feldes in den Spurrillen verzweifelt nach dem Gleichgewicht suchend fußelt, balanciert der Belgier in den Rasten stehend und mit perfektem Knieschluß entlang. Vorsprung durch Fahrtechnik. Irgendwie scheint er nicht dazugehören zu wollen, zum rauhbeinigen Moto Cross-Zirkus. Und das sollen alle wissen. Andere Themen scheinen dem Twen wichtiger zu sein. Welche Haarfarbe derzeit angesagt ist, wo er die kniffligsten Sektionen mit seiner Trial-Gas Gas ausfindig machen kann, wie er die besten Tuningteile für seinen Rennkart ergattert. Auch erzählen möchte er andere Dinge. Geschichten, die den Medien helfen sollen, ihn nicht als Sportler sondern als Mensch zu charakterisieren - und letztlich vielleicht auch ihm selbst. Denn so sehr der Twen darauf stolz sein kann, daß er bereits fünf Jahre nach seinem ersten Rennen im Alter von neunzehn Jahren Weltmeister wurde, daß er sich als Autodidakt Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch aneignete, ebenfalls in Eigenregie zum passablen Schlagzeuger avancierte oder daß er es durch seine Erfolge zu imposantem Wohlstand gebracht hat, auf der Suche nach sich selbst scheuint er noch nicht endgültig am Ziel zu sein. Obwohl er es war, der der Moto Cross-Szene in den letzten beiden Jahre wesentlich beeinflußt hat. Ob der Boom der riesigen Sattelschlepper bei den Top-Teams, die Aufwärm-Zeremonie vor den Rennen per Heimtrainer oder auch nur die kultige Haifisch-Flosse auf dem Helm: die Ideen des jungen Mannes aus Flandern entpuppten sich als Trendsetter. Das neueste Werk ist ein frisch aufgelegter Bildband über den Champion selbst. Eine von ihm besprochene und besungene CD wird demnächst erscheinen. Doch dafür möchte der sensible Crosser auch anerkannt werden. Explizit. Vielleicht weil er den aktuellen Traum aller Jung-Crosser - den ganz großen Erfolg in der US-Supercross-Meisterschaft - durch den für die wilden Sprungorgien zu sicherheitsbewußten Fahrstil verpaßt hat. »Ich bin lieber der große Hecht im kleinen Teich, als ein kleiner Hering im großen Meer«, verteidigt sich der Denker plausiblel, zeigt sich in dieser Beziehung aber nach wie vor spürbar verletztlich.Müßte er aber nicht sein. Denn nicht zuletzt dadurch bietet sich Stefan als derzeit einzigem Moto Cross-Piloten eine historische Chance. Der Rekord seines Landsmanns Joel Robert, der in den sechziger und siebziger Jahren insgesamt sechs WM-Titel holte, schwebt als leuchtendes Fernziel über seiner Karriere. Und dafür hilft ihm nicht nur die Fähigkeit, blitzschnell aus Fehlern zu lernen, sondern auch die, ein schlechter Verlierer zu sein. »Nur ein wirklicher Verlierer ist ein guter Verlierer«, zeigt sich der völlig austrainierte Athlet kompromißlos. Wenn es um das Thema Siege geht, wird Stefan zum gnadenlosen Kämpfer.Dieser Kampfgeist kann der Sohn des ehemaligen vierfachen Moto Cross-Weltmeisters Harry Everts in dieser Saison auch nötig brauchen. Denn den eleganten Evertschen WM-Alleingang verwandelte der 19jährige Franzose Sébastien Tortelli in dieser Saison in eine permanente Hetzjagd, bei der der Belgier alle Mühe hat, seinen risikoarmen Fahrstil in Einklang mit seinem Siegesdurst zu bringen. Nach dem weiteren Doppelsieg des Galliers im britischen Foxhill (siehe Kasten oben) dürfte Stefans kluges Köpfchen über die Frage künftiger Renntaktik noch mehr glühen als bisher. Denn eins ist sicher: Tortelli wird am Ende der Saison unwiderruflich in die US-Szene abwandern - und nichts würde einen schlechten Verlierer zorniger machen, als wenn die Schmach ohne Chance auf Rache ungesühnt bliebe.
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