Porträt Streetfighter-Mechanikerin Sigrid Müller (Archivversion)

Nuss-Knackerin

Eine junge Frau, die liebevoll Streetfighter baut. Und den Jungs vom TÜV zeigt, was sie davon zu halten haben.

Für eine Handvoll Nüsse hat Sigrid Müller früher alles gegeben: auf der Motorshow in Essen zum Beispiel. Auf dem Stand von BBS war ein Formel-1-Renner aufgebaut. Für den schnellsten Reifenwechsel winkte ein Nusskasten als Gewinn. Sigrid gab alles, machte sämtliche männlichen Möchtegern-Reifenwechsler nass und schraubte Tagesbestzeit.Auf der Motorradmesse in Dortmund dasselbe in Grün: Das Hinterrad an einer Honda sollte gewechselt werden, inklusive Kettenspannen und Bremsanlage installieren. Erneut ein Nusskasten. »Die Jungens guckten dann immer so doof und waren richtig sauer«, freut sich die gutaussehende Blondine noch heute. Knarrenkästen hat sie nun genug. Und auch eine kleine Werkstatt im sehr, sehr ruhigen Meerhof, ein Dörfchen unweit von Paderborn im Westfälischen.Jetzt schraubt die 31-Jährige mit ihrem Freund Wolfgang »Wollie« Gerlach wilde Streetfighter zusammen. Die haben schon manchen TÜV-Prüfer um Jahre altern lassen. Drei Monate lang, fast jeden Tag, werkeln die beiden, bis so ein Gerät komplett mit Zulassung ihre Firma verlässt. Der Rahmen mit Einarmschwinge ist eine Sonderanfertigung, das Lenkkopflager eine Eigenkonstruktion, der Kühler mit seiner halbrunden Form eine Spezialanfertigung, die Lenkverkleidung eine Eigenentwicklung, und die Fußrasten sind selbst entworfen. 40000 Mark Materialkosten gehen dafür drauf. Sigrid Müller hält einen beachtlichen Stab an Zulieferern auf Trab: Lackierer, Schlosser, Sattler und Verchromer. Und wehe, da ist doch noch eine Nase auf einer frischen Lackierung oder die Fußraste ist nicht hunderprozentig nach Vorlage gefräst. Wer die Frau aufgrund ihrer Haarfarbe in die falsche Schublade steckt, macht einen Fehler. Da kann Siggi ganz schön ungemütlich werden. Sie hat die Hosen an.»Vielen Kerlen fällt es sehr schwer, eine Frau um einen technischen Gefallen zu bitten. Und manche kriegen es ja nicht einmal hin, eine Mosgummidecke für die Sitzbank auszuschneiden«, sagt sie und lächelt. Aber sie weiß mit Kerlen umzugehen. Spektakulär müssen auch ihre ersten Auftritte beim TÜV gewesen sein. Die Prüfer hatten vorher noch nie einen Streetfighter gesehen. Und schlugen fassungslos die Hände über dem Kopf zusammen, um dann vor lauter Hilflosigkeit die Abstände der Blinker zu monieren. »Das war spannender und herausfordernder als die Schrauberwettbewerbe auf den Motorshows. Die mussten wir erstmal behutsam an diese Thematik heranführen. Hat doch keiner Ahnung von so was«, erzählt die gelernte Dreherin. Ein westfälischer Dickkopf und ein nettes Äußeres haben da wohl geholfen.Und eingebrockt hat das alles ihr großer Bruder. Dem durfte sie früher, noch minderjährig, das Motorrad putzen. Einmal hat er ihr zur Belohnung angeboten, mal `ne Runde »schwarz« zu drehen. »Aber nur, wenn du sie ankriegst«, hat er gesagt. Die Batterie war leer, für Siggi schon damals keine Hürde. Mit einem Autoakku hat sie den Bock gestartet.Ihr erstes Motorrad mit 18 hieß GSX 500, sah aus wie eine »Große«. Die war »pattenschwer«, und Madame Müller kommt heute noch ins Schwitzen, denkt sie daran zurück. Danach hat sie sich eine Unfallmaschine, eine GPZ 600, aufgebaut. Für kleines Geld ergattert, umlackiert, bisschen gefahren und wieder verkauft. Ein Jahr später legte sie sich eine nagelneue FZR 1000 zu. Mit 22 fuhr sie mit einer CBR 900 nach Hockenheim auf den Dragstrip und belegte den 15. Platz, als einzige Frau am Start. Sie leckte Blut und beendete ihr erstes Rennen in der Superbike-B-Lizenz-Klasse im Hockenheimer Kiesbett. Rennen im Ladys-Cup gaben erste und zweite Plätze ab. Dann kam die Zeit der Langstrecken- und Offene-Klasse-Rennen. Es gingt zu Rennstrecken quer durch Europa. Fast jedes Wochende. Und danach immer wieder pleite. Wollie immer mit, schrauben, Daumen drücken, Händchen halten.Und dann kam die Allergie gegen das Kühlmittel. Diese milchige Zeug, das an Drehbänken und Bohrmaschinen benutzt wird. Vielleicht ein Wink des Schicksals, Sigrid hat es dankbar angenommen. Sie ließ sich als Werbetechnikerin umschulen, während Wolfgang seinen Job als Schlosser an den Nagel hängte. Jetzt fabrizieren sie die Tuning-Kisten. Mit Nusskästen braucht man Siggi heute nicht mehr zu kommen. Sie träumt von einer richtig großen Werkstatt ohne nervende Nachbarn.
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