Porträt Undaunted MC (Archivversion)

Die Freiheit nehm´ ich mir

Seit mehr als zwei Jahren machen die Undaunted, die Wagemutigen, auf ihren Harley die Straßen von Los Angeles unsicher. Sind Frauen etwa gar die besseren Rocker?

Eine Straßenecke in Los Angeles. Aufheulende Motoren, quietschende Reifen, schrille Hupen, Hip Hop-Getöse dringen auf den jungen Mann ein, der gelassen an der roten Fußgängerampel wartet und sich die Krawatte zurechtzupft. Plötzlich übertönt tiefer Baß den Lärm. Sechzehn Harley-Davidson donnern in Formation die Avenue entlang. Der Mann erstarrt. Eine Motorradgang in Kutten. Er weicht einen Schritt zurück. Doch dann weiten sich seine Augen. »Jesus«, entfährt es ihm ungläubig. »Lauter Weiber.«Wenn die Unerschrockenen durch Kalifornien brummen, reagieren Durchschnittsamerikaner geschockt, verwundert - manchmal auch ehrfürchtig angesichts geballter Frauenpower. Bei der traditionellen Bürgerschreck-Fraktion, den Rockern mit Vereinsabzeichen, verschafften sich die wilden Sechzehn inzwischen so etwas wie Respekt. Einfach war das nicht. Schließlich gebührt einer Frau auf dem Motorrad nicht der Lenker. Die verwegene Idee mit dem Club erntete anfangs nur eisige Ablehnung oder müdes Lächeln. Unbeirrt redete Buffy Aikens zweieinhalb Jahre lang auf die Repräsentanten der wichtigsten US-Motorradclubs ein, bis die schließlich entnervt in die Neugründung einwilligten. Jetzt ist die Mutter von fünf Kindern President of the Undaunted MC, Präsi der Unerschrockenen. Die höheren Rocker-Weihen erhielten die Kuttenträgerinnen, die Türkis als ihre Farbe auserwählten, von den Engeln der Hölle. »Als die Hells Angels uns vor zwei Jahren der Gemeinde vorstellten, war das eine sehr große Ehre«, sagt Pepper Massey-Swan stolz, Secretary of the Undaunted MC.Unzählige Motorradvereine mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern - von der Hausfrauenvereinigung Women on Wheels bis zu den frauenliebenden Athenas - existieren in den USA, aber die meisten hegen kein Faible für hardcore Biker. »Ein Club wollte mal dazugehören, aber die Jungs haben die Frauen so schikaniert, daß die sofort aufgaben«, erzählt Buffy Aikens. »Mich werden die aber nicht mehr los«, stellt sie fest und lacht schadenfroh. Wer ein T-Shirt mit dem Aufdruck »bitch« - zart umschrieben: Miststück - so stolz zur Schau trägt, zeigt, daß sie keine Angst kennt. Schon seit Jahren ist Buffy Aikens von der wehrhaften Welt derer, die sich mit Emblemen umgeben, fasziniert: »Zuerst bin ich bei meinem Mann im Motorradclub mitgefahren, dann haben einige gesagt, sie wollen keine Frau dabei.« Buffy, die nie lange fackelt, suchte sich ganz einfach ein gleichgeschlechtliches Gefolge, hielt sich aber loyal an die Spielregeln der Männer. »Sonst hast du keine Chance, von ihnen respektiert zu werden.«Dabei glaubt die 43jährige an den Ehrenkodex der Clubs. Sie erduldet nicht, wenn irgendein Dahergelaufener die Unerschrockenen oder ihre Präsidentin zu beleidigen trachtet. Sollte es tatsächlich einer wagen, setzt es schon mal Schläge. Sagt jedenfalls Pepper. Die selbst ganz anders denkt: »Ich will mich nicht prügeln. Auch nicht um ein Stück Kleidung.« Für Buffy dagegen ist die Kutte ihre zweite Haut, die sie verteidigt. Notfalls auch mit Gewalt. Genauso denken die meisten Wagemutigen. »Wir kennen die Etikette«, erklärt Pepper. Viele haben Freunde, die Mitglieder in Motorradclubs sind, und wissen, wie frau sich benimmt. Sie liebt zum Beispiel Männer. Lesben sind unerwünscht: »Es gibt keine bei uns, und ich hoffe, es wird nie welche geben«, sagt Buffy knapp. Pepper sieht´s anders: »Für mich wäre das kein Problem.« Aber der Club entschied, daß Männer so etwas niemals tolerieren, weil es auf sie abscheulich wirke. »Wir verdienen Achtung. Schon weil wir uns nicht benehmen, als seien wir minderwertig«, kommentiert Pepper selbstbewußt. »Was immer du tust, wenn du deine Kutte trägst, fällt auf den Club zurück.« Wer sich sinnlos betrinken will, kann das als Privatperson, aber nicht, wenn sie ihr Wappen spazierenfährt. »Wir wollen nicht, daß irgend jemand den Respekt vor uns verliert.«Das wäre das Schlimmste. Um es zu verhindern, braucht frau neben Wissen manchmal auch prophetische Gaben, die Biker-Empfindlichkeiten vorauszuahnen. »Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat.« Bei der letzten Fete warfen einige Rockerinnen gutgelaunt mit wassergefüllten Ballons um sich, was ihre männlichen Pendants gar nicht lustig fanden. Im Gegenteil. In Neumexiko weigerten sich Mitglieder eines Motorradclubs sogar, mit ihnen auch nur im selben Raum zu verweilen. »Wir arbeiten daran«, erklärt Pepper und setzt hinzu: »An der Toleranz der Männer.« Buffy hat für die Ablehnung, die sie ins Mark getroffen hat, eine andere Erklärung: »Die haben gedacht, wir sind irgendwelche Juppie-Frauen, die Harley fahren - wie die Ladies of Harley - und keinen blassen Dunst haben, was abgeht.« Nur in einem Punkt stimmen Buffy und Pepper vollständig überein: »Wir wollen Spaß. Manche Clubs sind so ernst und feierlich bei der Sache, daß es fast schon an Militärdienst erinnert.« Lieber lachen sie. Schließlich fahren die vereinigten Frauen zum Vergnügen Motorrad. Im Berufsleben sind sie genügend eingespannt: Von der Elektrikerin über die Busfahrerin, Schmuckdesignerin, Buchhalterin bis zur Lehrerin und Krankenschwester reichen die Alltagsbeschäftigungen der Wagemutigen, die in ihrer Freizeit am liebsten auf zwei Rädern dem Sonnenuntergang entgegenrollen. Nur Pepper hat Job und Leidenschaft glücklich verbunden: Sie arbeitete jahrelang als Funktionärin für eine Biker-Rechtsorganisation, die National Coalition of Motorcyclists (NCOM). Als sie merkte, daß die Rechtsanwälte, die die NCOM finanzieren, Motorradhersteller verklagen, weil die keine Beinprotektoren anbringen, kündigte Pepper. Konsequent. Denn seit Jahren kämpfen Motorradfahrerverbände gegen die sinnlosen Protektoren.Derzeit plagt die Undaunted nur ein drängendes Problem. Darlene, Sergeant at Arms, was hierzulande auch mal salopp der Henker genannt wird, ist ihrer Aufgabe, Recht, Gesetz und Ehre durchzusetzen, nicht mehr gewachsen. Jedenfalls rollen die Jungs mit den Augen, wenn Buffy scherzhaft mit ihrem Henker droht. Weil die im sechsten Monat schwanger geht. Pepper freut sich schon: »Unser erstes unerschrockenes Baby."
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