Porträt Willy Bauer (Archivversion)

Über Mut

Querschnittslähmung - Ex-Crosser Willy Bauer meistert sein Leben mit beeindruckendem Mut

Verbitterung? Reue? Willy Bauer winkt ab. »Was gestern war, ist vorbei. Wozu soll ich Vergangenem nachhängen?« Und es klingt ehrlich, wenn Willy das sagt. Sentimentalität ist sein Ding nicht. War es noch nie. Schon damals nicht. Genauer, in der Zeit nach dem 18. Juni 1978. In einer Besichtigungsrunde beim Zeittraining zum 250er-Motocross-WM-Lauf in Schottland. Ein suchender Blick nach den Mechanikern, ein Moment der Unachtsamkeit, und das Vorderrad blieb in einer sumpfigen Bodenwelle stecken. Die Maschine überschlug sich und schleuderte Willy Bauer kopfüber zu Boden. »Und ich dachte noch: Mensch, jetzt verbiegst du die Maschine so kurz vor dem Rennen. Mir selbst tat überhaupt nichts weh«, erinnert sich der heute 52-Jährige, »bis ich plötzlich merkte, dass ich meine Beine nicht mehr bewegen konnte.« Doch der Notarzt beschwichtigte. Ein Bluterguss im Rückenmark, der auf die Nerven drückt. In drei Wochen stünde er wieder hinter dem Startgatter. Doch das sportliche Comeback von Willy Bauer sollte nie mehr stattfinden. Diagnose: Querschnittslähmung. Für viele Menschen die Horrorvorstellung schlechthin. Und Willy? »Natürlich war die endgültige Nachricht der Ärzte bitter, doch es gab nur zwei Alternativen: Entweder will ich so weiterleben – oder nicht«, schildert der Schwabe emotionslos seine Situation. Und er wollte weiterleben, war sich sicher, »das packst du«. So, wie er alles bisher gepackt hatte. Den Nachwuchspokal-Titel in seiner allerersten Motocross-Saison, im Jahr darauf auf Anhieb den Sprung unter die besten Fünf der DM. Immer auf seine Art. Ärmel hochkrempeln, Schaffen. Im August 1973 klettert die Erfolgskurve ganz nach oben. Beim 500er-WM-Finale im niederländischen St. Anthonis geht´s um die Wurst. Nur zwei Punkte trennten ihn damals vom belgischen Tabellenleader Roger de Coster. Ein einziger Laufsieg hätte für die Meisterschaft gereicht. Und tatsächlich führte der damals 26-Jährige den ersten Lauf mit weitem Vorsprung an. Der Titel war so gut wie sicher – bis eine defekte Zylinderfußdichtung den Traum platzen ließ. Die allerletzte Chance auf die WM-Krone vermasselte im zweiten Heat ein hängengebliebener Schwimmer im Vergaser. Bauer fiel wiederum aus, der neue Champion hieß de Coster.Enttäuschung? »Nein. Das war eben so.« Willy Bauer glaubte schon damals an Vorbestimmung. Glaubt an das unabänderliche persönliche Schicksal. Und daran, »dass man dennoch aus jeder dieser Situationen das Beste machen muss«. Erst recht nach dem Tag X in Schottland. Auch wenn manche Strohhalme der Hoffnung allzu schnell abknicken. Wie die Versuche Anfang der achtziger Jahre in Jugoslawien, die ihm über elektrische Impulse das Gehen ermöglichen sollten. Das System funktionierte unzuverlässig. Noch heute liegt ein Teil der Stromkabel ungenutzt unter der Haut. Seitdem ist der willensstarke Schwabe nüchterner geworden, glaubt nicht mehr jeder neuen medizinischen Sensationsmeldung. Den Blick nach vorn, den pragmatischen Umgang mit der Behinderung gibt Willy auch an andere weiter. Nicht wenige Querschnittsgelähmte holten sich im Lauf der Jahre bei ihm die Kraft, mit ihrem Schicksal konsequenter und positiver umzugehen.Der Renndienst, den er seit 1979 zunächst für den Mineralöl-Hersteller Bel Ray und heute für Yacco betreibt, bleibt Signal dieser Einstellung. Gemeinsam mit guten Freunden päppelte Willy seitdem so manchen maladen Flitzer mittels Drehbank oder Schweißgerät wieder auf. Nicht wegen der Finanzen - der Schwabe ist materiell gut abgesichert - ,sondern weil es ihm »Spaß macht und das Gefühl gibt, gebraucht zu werden«.Und auch weil nebenbei noch Zeit bleibt für das tägliche Ritual. Mit Stützprothesen eine Stunde zu stehen, gehört zu seinem Leben wie Zähneputzen. Denn wenn Willy auch gelernt hat, gut mit seiner gesundheitlichen Situation zu leben, akzeptieren wird er sie dennoch nie. Und wenn es eines Tages – so seine feste Überzeugung - die Medizin schaffen wird, per Gentechnik oder Microelectronic die durchgetrennten Nerven wieder zu verbinden, »haben nur die eine Chance wieder zu gehen, die ihre Beinmuskulatur erhalten haben« – erst recht, wenn sie wie Willy längst mit beiden Beinen im Leben stehen.
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