Preisverfall auf dem Motorrad-Markt (Archivversion)

Heiße Preise

Im Laufe der Saison purzeln die Preise. Die Frühjahrskäufer sind die Dummen, die Händler gucken in die Röhre. Und die Motorradbranche bekommt arges Bauchweh.

Seit zwanzig Jahren vertraut Bernhard Heyer auf seinen Motorradhändler im Ruhrpott. Beide wissen, was sie aneinander haben. Der Nürburgring-Liebhaber Heyer guten Service, der Händler einen treuen Kunden. Diese Saison wäre das prima Verhältnis der beiden beinahe über die Wupper gegangen. »Im März 1998 hatte ich eine Kawa ZX- 9R gekauft. Ein Super-Motorrad. Da kann ich richtig mit über den Ring braten”, freute sich der Waltroper anfangs. Doch als er sich dieses Jahr nach was Neuem umschaute und von seinem Händler ein Angebot für die ZX-9R wollte, war Heyer zunächst ziemlich sauer auf den guten Mann. »Als er mir für mein schönes Moped geschlagene 11000 Mark bot, ging mir der Hut hoch«, berichtet der Kawa-Freund. Fast 10000 Mark in den Schornstein gesteckt. »Die Kawa war erst 10000 Kilometer gelaufen. Kein Kratzer dran. Das kann nicht wahr sein!«Ist es aber doch. Denn der Kawasaki-Importeur hatte diesen Sommer eine Verkaufsaktion gestartet. Neuer Preis des Superbikes: 16990 statt 20870 Mark. »Mein Händler kann da nichts dazu. Aber die Marke Kawasaki ist für mich gestorben«, wettert der Handwerksmeister. »Der neue Preis liegt unter meinem Einkaufspreis. Was macht es da noch für einen Sinn, Neumaschinen zu verkaufen?« fragt ein ehemaliger Kawasaki-Vertragshändler, den der Importeur gerade gefeuert hat. Und hält das für eine Sanktion, weil der seinen Mund aufgemacht hat. »Die Angst geht um in der Händlerschaft«, weiß Jürgen Weinrich, Yamaha-Händlerverbandsvorsitzender, zu berichten, der kürzlich auf einem Händlerforum des Branchenmagazins Bike + Business in Kassel unter dem Titel »Quo vadis Händler 2000« mitdiskutierte. Nicht nur aus Angst vor der Kündigung, sondern weil vielen das Wasser ohnehin bis zum Hals steht. »Immer, wenn ich durch unseren Verkaufsraum laufe und sehe, für welchen Preis wir derzeit die Honda CBR 900 anbieten, kommen mir die Tränen«, sagt der Geschäftsführer einer großen süddeutschen Honda-Niederlassung. Die dauernden Preisreduzierungen zehren am Eingemachten.»Wir haben ein Überangebot am Markt. Und wenn dann noch neue Modelle rauskommen – bald ist die neue ZX-9R, ZX-6R und dazu die ZX-12R auf dem Markt, können wir die Preise der alten Modelle nicht halten. Außerdem bringt uns die Preispolitik von Honda, aber auch von anderen Konkurrenten in Zugzwang. Mit den Tageszulassungen vom letzten Jahr hat Honda ebenfalls Schindluder getrieben«, versucht Jürgen Naue, Mitglied der Geschäftsleitung der Kawasaki Motoren GmbH, den schwarzen Peter loszuwerden. In der Tat hatte Honda den Preiskampf in diesem Frühjahr eingeläutet. Ende April kostete die supersportliche CBR 900 RR plötzlich nur noch 16990 statt 20490 Mark. Um ein Modell zu nennen. Und das war natürlich lediglich als Empfehlung zu verstehen. »Es gab Zuschüsse vom Importeur für jedes verkaufte Exemplar, für 1998er- und 99er-Versionen,« sagt Bernhard Gaidosch, Chef des Honda-Händlerverbands. Den Honda-Händlern geht es dennoch nicht besser als der Konkurrenz, denn Zuschüsse und Boni seitens der Importeure sind gang und gäbe, mildern die prekäre Lage aber höchstens ein wenig. Honda bringt etliche attraktive neue Motorräder raus, und die Lager beim Handel sind noch mit diesjährigen und Vorjahres-Modellen gut bestückt. Wohin damit? »Es geht nur über den Preis, das ist nicht anders wie im Automobilsektor«, erklärt Jürgen Weinrich. »Aber wir sind selbst schuld. Nicht der Importeur, nicht das Finanzamt, nicht der Grauhandel. Wir als selbständige Unternehmer müssen lernen, betriebswirtschaftlich zu denken.«Die Honda Deutschland GmbH will es der Händlerschaft mit dem Holzhammer beibringen. Mittelfristig möchte man das Zahlungsziel von 90 Tagen känzeln. Auf deutsch: Abnahme von Neumaschinen nur gegen Cash. Das wird – so schätzen Insider – 30 Prozent der Händler den Kopf kosten. Kawaski möchte dagegen angesichts des BGH-Urteils (siehe Interview) den Händlern neue Chancen geben. Neben anderen Erleichterungen müssen sie nun nicht mehr Motorräder vorab ordern, von denen sie nicht wissen, wie gut sie zu verkaufen sind. Auch wird es keinen Bonus mehr geben nach dem Motto: Je mehr ihr ordert, desto billiger wird es. Ob unser Ex-Kawafahrer Heyer jetzt auf BMW umsteigt, wissen wir nicht. Immerhin gibt`s bei den Blauweißen inzwischen die R 850 GS und die R 850 C ohne Aufpreis mit ABS . Wer sich im Frühsommer verlocken ließ, ist heute der Dumme.
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