Rennsport in den Tropen (Archivversion)

Manche mögen Eis

Die Äquatorsonne beim Malaysia-Grand Prix ist für Fahrer und Maschinen eine Extrembelastung. Wer cool bleibt, hat die Nase vorn.

Bei Sonnenaufgang in Malaysia herrschen 28 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Zu Mittag zeigt das Thermometer 36 Grad im Schatten, in Zelten wie dem von Steve Jenkner steigen die Werte auf 45, und in praller Sonne könnte man Spiegeleier auf dem Asphalt braten. Am Nachmittag sinkt die Luftfeuchtigkeit auf 60 Grad, aber noch immer schlägt einem die Luft im Freien wie ein nasses, heißes Handtuch ins Gesicht.Einen hochgezüchteten Rennzweitakter bei solchen Bedingungen auf den flimmernden Asphalt hinauszutreiben ist nicht besser, als einen Schlittenhund in die Wüste zu jagen. Damit sie halbwegs frei ausdrehen, werden die Motoren um vier Nummern magerer bedüst. Andere Rezepte gegen die Hitze gibt es kaum. Die modernen 500er sind so kompakt gebaut, daß es keinen Platz für größere oder zusätzliche Kühler gibt. Der Hitzestau ist so gewaltig, daß die Honda-Mechaniker ihre NSR 500 nach den Trainings nur mit Wollhandschuhen anfassen, weil sie sich an den Aluminium-Rahmenprofilen sonst die Finger verbrennen.Auch die 250er erreicht Rekordtemperaturen und büßt rund vier PS Leistung ein. Bei Tohru Ukawas Werksmaschine steigt die Wassertemperatur auf 76 Grad. Nur der findige deutsche Techniker Sepp Schlögl hat mit einem Zusatzkühler am Verkleidungsbug von Peruginis Motorrad wieder einmal die perfekte technische Lösung im Gepäck und erreicht akzeptable 60 Grad.Dafür bläst dem Fahrer ein zusätzlicher heißer Fön gegen den Helm und verstärkt die Atemnot, die bei den Backofentemperaturen des Cockpits und bei Pulsfrequenzen von bis zu 210 Schlägen pro Minute auftritt. Die meisten Piloten haben ihr Visier, manche sogar den Verkleidungsbug mit zusätzlichen Luftlöchern durchbohrt, doch unter der Äquatorsonne ist das ebenso wie die perforierten Lederkombis ein Tropfen auf den heißen Stein. »Es geht, solange du fährst. Doch sowie du zu einem Boxenstopp stehenbleibst, fällst du fast in Ohnmacht vor Hitze«, schildert Valentino Rossi.Erst in letzter Sekunde marschieren die Fahrer zu ihren Maschinen und setzen sich bei Pausen sofort vor den Ventilator. Am Startplatz, wo sie zehn Minuten in der Sonne ausharren müssen, gehören Eispacks ebenso zur Grundausrüstung wie die Sonnenschirme der Grid-Girls. Tadayuki Okada läßt sich sogar einen halben Eimer Eiswasser in den Kragen kippen.Das wichtigste Rezept, um die Hitze zu bewältigen, ist fettarme, leichte Kost - und so viel zu trinken wie irgend möglich. Hauptsächlich Wasser, aber auch Isotonic-Drinks, um den Verlust an Mineralsalzen wieder auszugleichen. »Vier Liter pro Tag sind das mindeste«, fordert Grand Prix-Arzt Caudio Costa.Weil die Fahrer allein im Rennen drei bis vier Liter Flüssigkeit verlieren, lassen sich etliche von ihnen, vor allem die Italiener, vor dem Start einen zusätzlichen, intravenösen Mineralsalzcocktail verpassen. »Mir reicht ein kaltes Handtuch«, winkt dagegen Ralf Waldmann ab. »Denn ich bin schon oft genug am Tropf gehangen...“
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