Report: die phänomenalen Maier-Bikes (Archivversion)

Wie im Kino

Tagsüber stylt er Karossen mit Stern, doch nach Feierabend lässt Maier die designerische Sau raus und baut und fährt Motorräder, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Es sei denn im Science-Fiction-Film.

Wenige Dinge gibt’s, die den Schwaben auf die Palme bringen können. Die Frage »Fährt die überhaupt?« gehört unbedingt dazu. Weil Hans-Joachim Maier nie ein Motorrad bauen würde, das nur rumsteht, allenfalls zum Angaffen gut. Und wenn das Monsterbike, das er auf Basis einer Yamaha FJ 1200 so fulminant hingeknallt hat, dass jeder Betrachter sich verblüfft die Augen reibt, auch einen Radstand hat wie ein Lkw - was soll’s?»In Spitzkehren musst du halt ausholen wie ein Truck.« Die Alpen gehören übrigens zu Maiers bevorzugtem Revier. »Die Kumpels, mit denen ich unterwegs bin, haben’s natürlich leichter, aber abgehängt haben sie mich nicht.« Auch wenn ihn jede Tour ein Paar Stiefel kostet. »Mir schleift’s in den Kurven die Schuhspitzen ab.« Mangelnde Bodenfreiheit hat eben ihren Preis. Doch was Maier in Leder investiert, holt er beim Gummi wieder rein. 25 000 Kilometer lang hat er fast alles dafür getan, den fetten Goodyear auf der De Tomaso-Felge seines Profils zu berauben, Burn-outs inklusive. Um dem quadratisch, praktisch, guten Schlappen seinen Hang auszutreiben, behäbig sich breit zu machen, wenn’s serpentint, turnt Maier wie wild auf dem Moped rum, um dem Pneu die Kante zu geben. »Eine ziemliche Action, aber das macht mir Spaß.« Dass die Aufstandsfläche im gekippten Zustand dann doch stark ins Mickrige tendiert, stört ihn nicht: »Früher sind Agostini und Co. mit, für heutige Verhältnisse, verdammt schmalen Reifen gefahren.«Außerdem: Der Mann ist Designer. »Ein moderner Niederquerschnittsreifen hätte von den Proportionen her nicht gepasst.« Nicht zu dem mächtigen Tank, nicht zu dem Klotz von Motor und schon gar nicht zu dem futuristischen Heck, das mit seiner Flimmerkiste, die als Rück-, Bremslicht und Blinker amtiert, an ein abgespacetes Raumschiff erinnert. Im Unterschied zu anderen Sensationen, die seiner Werkstatt entfleuchten wie der märchenhafte Geist der Flasche, wundersam, zauberhaft eben, verschwendete Maier »bei der Konstruktion der Silbernen nicht einen Gedanken an den TÜV«. Sein Konstruktionsprinzip: der Keil. Besser wäre: der Donnerkeil. Keine waagrechten Linien, statt derer: sich wiederholende Schrägen. »Gern auch gegenläufig.« Da machen dann sogar Krümmer und Endrohre eine brachial-elegante Biege. Obwohl Hartliniges dominiert, sogar den Alu-Mutantentank - »Das ist dann leichter zu schweißen« -, mutet die Maschine seltsam organisch an. Wie ein aggressives Tier. Da war doch noch was? Richtig, der TÜV! Maier, auch in dieser Beziehung sehr hellsichtig, beschloss, das Vorfahren dortselbst zu meiden. Es ist doch schön, wenn man in England auch einen Wohnsitz hat.Und da war doch sicher noch was? Korrekt, die Polizei! Köstlich amüsierte sich die Ordnungsmacht. »Bin ich hier im Kino, oder was?« Dass ein putzig kleines englisches Nummerschild das Schutzblech-freie Hinterteil zierte, ignorierte sie schlicht und sperrte das Monster hinter Gitter. »Eine Woche brauchte mein Anwalt, um die Beschlagnahmer davon zu überzeugen, dass die EU auch ihre angenehmen Seiten hat.«Also sitzt Maier auch fürderhin wie ein Dragster-Pilot auf seinem Ding, die Beine heftig abgewinkelt, abartig weit nach hinten gestreckt. »Man sollte keine superengen Hosen anziehen, sonst schneidet’s einem das Blut ab.« Drin im Motorrad will er sitzen, nicht oben drauf, und dem Motor möglichst nahe. Windschutz spendiert der nach vorne abfallende 26-Liter-Tank, beschriftet mit Hieroglyphen, wie man sie von den Raumschiffen der Klingonen kennt, und mit terrestrischem Schlafsack oben drauf. Draußen pennen gehört für ihn zum Motorradfahren wie der Stern auf den Mercedes. »Natürlich könnte ich mir die eine oder andere Übernachtung im Hotel leisten«, lacht Maier, der seit 15 Jahren designend für Daimler schafft.Dort meist nach strengen Vorgaben, in der eigenen Garage gerade, wie’s ihm passt. Fast wäre Maier nach seinem Studium bei BMW gelandet. Als Diplomarbeit an der Pforzheimer Fachhochschule für Gestaltung hat er die K der Zukunft gebaut, dies zumindest war sein Plan. Und auch BMW von seinen Visionen höchst angetan. MOTORRAD hievte seine Studie anno 1987 formatfüllend auf den Titel. Die Zukunft des Motorrads sollte dann allerdings doch etwas anders aussehen als diese futuristische Adaption der Annehmlichkeiten des Harley-Fahrens auf Hightech-Manier. Und wie immer bei Maier, alles auf tiefstem Niveau. »Der Größenvergleich mit einer normalen K 100 RS zeigt, wie niedrig auch ein komfortables Motorrad werden kann«, resümierte MOTORRAD freudig erregt.BMW hatte damals keinen festen Job für Maier, wohl aber Daimler ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Ebenso das Ansinnen eines Kumpels, zusammen sechs abgetakelte Harley, die er aus den USA rüber geschafft hatte, heftig aufzupolieren. Eine Panhead im starren Rahmen griff sich Maier selbst ab, choppte, flexte alles Überflüssige weg. Was übrig blieb, hat Funktion. Sogar der Alu-Kochtopf als Kupplungsdeckel und die Edelstahltasse, hinter der sich der Ölfilter verbirgt. Schließlich sehen sie einfach hinreißend aus.Ganz und gar hingerissen war auch der Künstler Professor Wolfgang Flatz, als er eine weitere Kreation Maiers und seines Kumpels Micha Bachmaier, Survival-Bikes im Mad-Max-Stil, auf einem Motorradtreffen Anfang der 90er entdeckte. Flatz krallte sich die Endzeitgefährte, baute sie nach - machte aus seinem Epigonentum aber keinen Hehl -, erklärte sie alsdann zu Kunstwerken und verkaufte eines dann auch als solches. Für einen sechsstelligen DM-Betrag (siehe MOTORRAD 6/1998). Maier wundert sich. Über den Käufer, nicht über Flatz. Für ihn war »die Schwarze« einfach ein Riesenspaß. »Micha und ich haben geschaut, was in der Werkstatt so rumliegt und es dann eingebaut.« Der Scheinwerfer war früher eine Dose, der Tacho hockt in einem Schonkaffeepappbecher, die Sitzbänke tapezierten sie mit Mutters verschlissenen Vorhängen oder mit einem Kartoffelsack samt darin implantierten Waldmoos-Kulturen. Alles Trash, aber so stilsicher komponiert, dass dieser Müll technisch-futuristisch anmutende Fahrmaschinen gebiert. Als Daimler/Chrysler ihn für ein Jahr nach Los Angeles schickte, nahm er seine Schwarze mit. »Die Amis reagierten cool, dachten, das ist ein Überbleibsel aus einer Hollywood-Produktion.«
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