Reportage Biketoberfest (Archivversion)

Ur-Werke

Beim Biketoberfest drehten berühmte Fahrer mit legendären Motorrädern ihre Runden.

Manchmal ist ein Auspuff mehr als eine gewundene Metallröhre, durch die Verbrennungsgase des Motors ins Freie entweichen. Bei einer 1952 gebauten Moto Guzzi etwa gleicht er vielmehr einer Fanfare: Wie ein Trichter verbreitert er sich bis zu einer handtellergroßen Öffnung. Fasziniert starren Umstehende auf die alte Rennmaschine und lauschen dem donnernden Einzylinderstakkato.Doch nicht nur die Guzzi verwöhnte die Augen und Ohren der Enthusiasten beim ersten Biketoberfest. Die Besitzer von über 100 historischen Rennmaschinen – Solo wie Gespanne – und zahlreiche Hobbyrennfahrer mit modernen Wettbewerbsmotorrädern gaben sich auf dem Eurospeedway Lausitz am ersten Oktober-Wochenende ein Stelldichein. Während die Hobbypiloten in sechs verschiedenen Cup-Klassen Finalläufe austrugen, drehten die Fahrer mit den alten Maschinen nur Demonstrationsrunden. Darunter etliche berühmte Rennfahrer vergangener Tage, so etwa die einstigen Weltmeister Jim Redman, Phil Read und Giacomo Agostini. Für die Zuschauer an der 130 Kilometer südlich von Berlin gelegenen Rennstrecke gab es Motorsport zum Anfassen – Fahrerlager und Boxengasse waren für Besucher geöffnet.»Eigentlich sind wir ja schon alte Männer, aber wir spielen herum wie kleine Kinder«, kommentiert der 68-jährige Redman lachend. Unvergessen sind seine Rennen auf Norton, vor allem aber die als Honda-Werksfahrer. Sobald der sechsfache Weltmeister im Fahrerlager auftaucht, ist er von Fans umringt. Stets lächelnd und ohne jegliche Starallüren lässt der noch immer jugendlich wirkende Ex-Champion den Ansturm über sich ergehen, während seine leuchtenden Augen echte Freude verraten: Vergessen ist er wahrlich nicht!So viel Aufmerksamkeit wird den Fahrer, die am Lausitzring mit modernen Rennmaschinen um Punkte und Pokale fahren, freilich nicht zuteil. Im Gegensatz zu den meisten historischen Motorrädern, die unter Zeltdächern im Fahrerlager stehen, werden ihre Maschinen in den Boxen der im vergangenen August eröffneten Anlage für die rennen vorbereitet. Gleißendes Neonlicht, das sich auf dem grauen Boden spiegelt, erleichtert den Mechanikern die Arbeit an den Maschinen. Sorgfältig befüllte Werkzeugcontainer werden zu Motorrädern gerollt, die auf kleinen Bühnen ihrer Wartung harren. Die Campingtische, auf denen Tassen mit dampfendem Kaffee stehen, oder die vom Regen durchnässten Lederkombis, die zum Trocknen aufgehängt sind, wirken wie Fremdkörper in dieser klinisch anmutenden Atmosphäre.Viele Fahrer der klassischen Motorräder und Gespanne bevorzugen die Unterbringung wie in früheren Zeiten. Offene Zelte im Fahrerlager, auf deren Dächer am Samstag pausenlos der der Regen trommelt, und die Kälte, die langsam auch unter den dicksten Overall kriecht, können sie nicht schrecken. Einige üben sich in der Kunst, die Vergaser ihrer Pretiosen richtig einzustellen, andere prüfen mit Argusaugen, ob ihre mit Ruß zugesetzten Kerzen noch zum Zünden taugen. Manch ölverschmierter Schraubenschlüssel sieht so aus, als hätte er schon vor vierzig Jahren der einen oder anderen Norton zu technischer Genesung verholfen.Nebenbei wird mit den Kollegen gefachsimpelt. »Der Zusammenhalt unter uns Gespannfahrern ist einfach klasse«, erklärt Holger Christian aus Arlewatt, der ein 1967 gebautes Gespann mit BMW-Motor pilotiert. In Jim Redmans Ära, also gegen Ende der fünfziger und in den sechziger Jahren, war solch eine familiäre Stimmung im Fahrerlager selbstverständlich. »Heutzutage trennen die Profifahrer und Fans allerdings Welten«, bedauert er. »Die Fans kommen doch gar nicht mehr an die Stars heran.«Unterdessen werden die alten Rennmaschinen für ihre Demonstrationsfahrten vorbereitet. Motoren springen an, und mit fein dosierten Gasstößen wird ganz allmählich für die richtige Betriebstemperatur gesorgt. »Die alten Motorräder leben einfach«, meint einer der Zuschauer. Wie mit Röntgenaugen fixieren die Besucher die Norton, Gilera, Yamaha oder Ducati so, als gelte es, jede Bewegung von Kolben und Ventilen noch im Innern des Motorblocks zu erahnen.Auch Redman auf Norton Manx, im schwarzen Rennanzug und mit modernem silbernem Vollvisierhelm anstelle der klassischen Halbschale, bereitet sich auf den Start zu den Demonstrationsrunden vor. Für die vielen anderen Fahrer, deren Namen man vergeblich in den Listen der Grand-Prix-Sieger sucht, ist es eine Ehre, mit Idolen wie ihm, Agostini oder Read die Strecke zu entern, deren regennasse Ideallinie eine sensible Gashand verlangt.Wie Frösche, die zum Sprung ansetzen, sitzen die Fahrer auf ihren alten Motorrädern, wischen schemenhaft über die Zielgerade, bremsen früh und tauchen in die Links-Rechts-Kombination nach Start und Ziel ein, ohne zirkusreife Schräglagenakrobatik à la Rossi und Co. Etliche Zeit vergeht, bis sie erneut bei Start und Ziel vorbeikommen. »Heute sind die Motorräder viel einfacher zu handhaben«, erläutert Jim Redman den zurückhaltenden Fahrstil, »von so einer fantastischen Technik konnten wir damals nur träumen. Heute fahren die Piloten auch riskanter. Zu meiner Zeit hätte mich kein Werksteam genommen, wenn ich so halsbrecherisch gefahren wäre.«Für die Hobbypiloten gilt bei den Rennen an diesem Wochenende allerdings, das Gas der modernen Rennboliden so lange wie möglich stehen zu lassen – trotz überwiegend nasser Strecke. Den rund 2500 Zuschauern, die von Freitag bis Sonntag den Lausitzring besuchen, bietet sich daher vor allem am Samstag manch gespenstische Szene: Bei Aquaplaning auf der Zielgeraden haben die Fahrer alle Hände voll zu tun, um ihre aufschwimmenden Maschinen auf der Bahn halten zu können. Die aufgewirbelte Gischt hängt wie ein wabernder Schleier zwischen der steil aufragenden Haupttribüne und der Boxenanlage.Doch es gibt Piloten, denen selbst diese widrigen Umstände nicht die Freude am Fahren rauben können – im Gegenteil: »Es war geil, obwohl ich klatschnass geworden bin«, sprudelt es aus Alexander Bannert heraus. Noch in der Lederkombi, mit zerzausten Haaren und rot unterlaufenen Augäpfeln sitzt der 21-jährige Passauer am Abend im Pressezentrum und wartet auf die Siegerehrung. Gerade hat er mit seiner Aprilia RS 250 die Division eins der Zweitakt-Challenge gewonnen. Er kann sein Glück kaum fassen: Es war für ihn erst das dritte Rennen überhaupt. Da muss er erst einmal verarbeiten, was ihm gelungen ist.Der frisch gekürte Sieger ist ein echter Schrauber, das verraten seine nur notdürftig von Öl und Schmutz befreiten Hände. »Ein Freund, der helfen wollte, hat sich den Finger eingezwickt. Jetzt bin ich halt nur mit meiner Mutter da, wir haben einen alten Wohnwagen dabei.« Mit der Mutter? »Ja, sie meinte, bevor der Bub allein fährt, fahr´ ich lieber mit!« Von Regen und Kälte noch etwas steifbeinig, stapft er zum Treppchen, scheint gar nicht zu wissen, wie ihm geschieht. Zaghaft nimmt er den Pokal entgegen und betrachtet ihn mit einer Mischung aus stiller Freude und Ratlosigkeit. »Das muss er noch ein bisschen üben«, meint einer der Umstehenden lachend.Namen wie Redman, Read oder Agostini sind für Alexander Bannert kein Begriff. »Von den alten Fahrern hab’ ich keine Ahnung, aber ein altes Motorrad wäre vielleicht mal eine Alternative«, erklärt er trocken. »Schnell fahren kanns´t damit sicher auch.« Und dann holt ihn doch die Faszination ein, die von ungedämpften Motoren, offenen Ansaugschlünden und vor allem den »alten Fahrern« ausgeht. Auf seiner Kombi, rechts, unterhalb der Schulter, ist noch Platz für ein Autogramm. Am Sonntag holt er sich’s. Von Giacomo Agostini.Informationen zu den Rennergebnissen gibt es beim Veranstalter Art Motor, Telefon 02205/905797, oder unter www.art-motor.de.
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