Reportage: eine alte GS im Rennen (Archivversion)

Der Kempfer

Schotter, Schlamm, Steilhänge – egal. Der Allgäuer Robert Kempfer prescht mit seiner 25 Jahre alten Boxer-BMW locker mit, wenn die Enduro-Meute mit feinstem Maschinenmaterial zum Vier-Stunden-Rennen bläst.

Was ist jetzt das? Mitten im tiefsten Schlamassel, hoffnungslos eingegraben in knietiefe Spurrillen, vom Schieben und Paddeln dem Kollaps näher als dem Ziel – und dann: prescht dieses Ding an mir vorbei, als ob’s nix wär. Einfach so, pöttel, pöttel und ab, dass der Morast nur so spritzt. Eine Gummikuh, meine Damen und Herren. Eindeutig. Zwei Zylinderwarzen, Kardan, Trommelbremsen. Was fehlt, sind die Packtaschen. Und ich? Japan-Hightech-Enduro, drei Meter Federweg, jede Menge Ventile, Wasserkühlung, messerscharfe Cross-Reifen. Als sich mein Enduro-Bolzen endlich freischaufelt, ist der Boxer über alle Berge. Doch nur ein schlechter Traum – hoffe ich.»So, so, hat dich die Kuh gebügelt, ja?« Mein freundlicher Mechaniker klatscht sich auf die Schenkel vor Lachen, äfft einen Klapphelm-bewehrten Boxer-Fahrer nach und kriegt sich nicht mehr ein. Was für ein mieser Tag, was für ein mieses Rennen, was für ein mieser Mechaniker. Lauter miese Menschen um einen herum. Und wo, verflucht, kommt dieser mysteriöse BMW-Treiber her?Eine kleine Runde durchs Fahrerlager – da steht er. Verschwitzt und grinsend, stochert der drahtige Kerl die Schlammbrocken von seinem Oldtimer, witzelt mit seiner Clique und hat die morastige Vier-Stunden-Tortour allem Anschein nach bestens überstanden. Robert Kempfer, Startnummer 85.Wie kommt’s, dass sich einer mit so einem 170-Kilo-Brocken durchs Gelände quält? »Die BMW isch mir beim 75-jährigen Jubiläum zur Geländefahrt Isny übern Weg g’laufen, die musst i ham«, beginnt der Landwirt, der neben der BMW noch 50 weitere Kühe im Stall hat, seine Geschichte. Und weil ein paar Kilometer entfernt, in Wangen/Allgäu, der legendäre Enduro-Haudegen Herbert Scheck seine BMW-Werkstatt betreibt, hat sich der Kreis schnell geschlossen. Dort knattert Robert Kempfer vor, wenn seine Kuh nicht mehr muht. Aber das hat Seltenheitswert. Der Boxer, der unter dem ehemaligen BMW-Werksfahrer Kurt Fischer in den 70er und 80er Jahren selbst die mörderischen Scottish Sixdays überstand, ist immer noch kerngesund.Robuste Technik. In der Maico-Gabel steckt ein Sachs-Trommelbremsen-Rad, um den 1000er-Motor schlingt sich ein verstärkter Stahlrahmen, zwei simple Bilstein-Federbeine stemmen sich gegen die Stahlschwinge, fertig. Nur beim Kardanantrieb und Hinterrad griffen die Allgäuer Boxer-Buben auf edle Magnesium-Teile aus den Restbeständen der BMW-Werke zurück. Trocken 155 Kilogramm leicht, 70 PS stark und dank E-Starter immer und überall zur Stelle, ist die aufgebohrte R 80 GS (Baujahr 1977) für Robert Kempfer das ideale Geländemotorrad.»Am besten ist’s, wenn der Schlamm meterhoch steht. Denn die Gelände-Kuh hält nix auf«, lobt Kempfer sein Urviech, mit dem er tatsächlich manch heißblütigen Enduro-Racer zur Weißglut treiben kann. Wenn die wassergekühlten Motoren seiner Mitstreiter am schlammigen Steilhang im eigenen Saft vor sich hin köcheln und die aggressiven Hightech-Crosser unberechenbar aus der Spur keilen, schlägt die Stunde des Boxers. Weil die ausladenden Zylinder in den tiefen Spurrillen aufsetzen, ist der BMW-Reiter gezwungen, ständig nach neuen Linien Ausschau zu halten, und die sind meist schneller und griffiger als die eingefahrenen Pfade.Es ist schon eine kleine Sensation, wie der Allgäuer Bauer seine Kuh daher reitet. Fast immer stehend, die Knie fest wie ein Schraubstock an den Alutank gepresst, zischt er einem Trial-Artisten im Zeitraffertempo gleich über den glitschigen Parcours. Nie den Schwung verlieren, immer am Gas, einfach laufen lassen. Nur in engen Kehren läuft der Boxer gerne aus der Spur, zumal der breite Motor den Piloten zur klassisch gestreckten Sitzhaltung zwingt. In exakt dieser Position reißt der Allgäuer in seiner abenteuerlichen Fahrt den Boxer über Sprunghügel und Kuppen, drischt beim Aufschlag mit dem Motorschutz tiefe Krater in die Erde und verunsichert mit solchen Eskapaden seine Verfolger nachhaltig. Kaum einer kommt am Boxer-Mann vorbei. Allein seine eigenwillige Ideallinie macht das Überholen zum Lotteriespiel.Eine eindrucksvolle Demonstration seines Durchhaltevermögens lieferte Robert Kempfer beim Enduro-Rennen in Betra 2001. Aufgeweicht im strömenden Regen wurde die Strecke zum schier undurchdringlichen Sumpf, und die Fahrer – völlig entkräftet – drängten die Rennleitung zum Abbruch. Die aber blieb eisern. »Solange der Kempfer mit seiner BMW noch im Kreis herumfährt, wird garantiert nicht abgebrochen«, ließ der Streckensprecher Akteure und Zuschauer wissen. Mit Platz 23 von über 100 Starten sicherte der Allgäuer damit seine bislang beste Platzierung beim ADAC-UPAD-Cup, in dem sich jeweils zwei Mann als Team durch dick und dünn kämpfen. Hätte das Duo Robert Kempfer/Hubert Dieing mehr Chancen auf eine Top-Ten-Platzierung, würde der Landwirt seinen Boxer gegen ein aktuelles Sportgerät eintauschen. »Aber solang’ i mit der GS net langsamer bin als der Hubert mit der Husaberg, bleibt’s dabei.« Und dafür kassiert er in schöner Regelmäßigkeit den ersten Platz in der Zweizylinder-Wertung. »Des isch aber au koi Kunststück, da bin i nämlich meist der einzige Starter.«Wer die sehenswerte Fahrt von Robert Kempfer und der GS-BMW verfolgt, kommt schwer ins Grübeln und fragt sich: Warum knüpft BMW in München nicht an die erfolgreiche Geländetradition an und stellt eine robuste Sixdays-Klassik-Enduro auf die Beine? Applaus dafür käme sicherlich nicht nur aus dem Allgäu.
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