Reporter-Motorrad (Archivversion)

Ätherische Mühle

Der Sender Freies Berlin schickt seine Reporter per Motorrad auf Nachrichtenjagd.

Der wichtigste Vorteil: »Man kommt einfach schneller vom Hof.« So bringt Samir Ibrahim, freier Mitarbeiter beim Sender Freies Berlin (SFB), die Qualitäten des Reportermotorrads auf den Punkt. Seit September 1996 gehört das schmucke Stück zum Fuhrpark und hat sich seitdem schon mehrfach bezahlt gemacht - was allerdings auch nicht allzu schwer fiel, denn der finanziell eher schmalbrüstige Hauptstadtsender erhielt das Bike mitsamt Ausstattung praktisch für Lau: Eine »Behördenversion« des Supertourers R 1100 RT überließ das Berliner BMW-Werk als Dauerleihgabe, Sony Deutschland stiftete die Reportagetechnik, und die Firma Wachs übernahm den Einbau eines Funktelefons mitsamt Modifikation zur digitalen Signalübertragung. Schon 1988 raste der erste SFB-Reporter - damals mit einer Vierzylinder-BMW K 100 RT - zur »Stauberichterstattung«. Per C-Netz-Telefon berichtete er der Sendezentrale, wo und warum die Stadtautobahn wieder mal zum Parkplatz mutiert war. Im April 1996 dann stieß Samir Ibrahim auf den in der Garage vor sich hindämmernden betagten Berichterstattungs-Boliden. Dem bikenden Reporter war sofort klar: Es muß was Neues her. Mit Eifer machte er sich daran, den diversen Entscheidungs- und Bedenkenträgern vom Nutzen eines modernen Reporter-Bikes im allgemeinen und den inzwischen verfügbaren technischen Neuerungen im besonderen vorzuschwärmen, bis er grünes Licht erhielt. Die nagelneue BMW stand bald bereit. Den Rest erledigten die Techniker, die wochenlang an Kabelbäumen, rüttelsicheren Steckverbindungen und anderen Details herumfeilten. Das Ergebnis ist mittlerweile besonders unter denjenigen Berlinern, die noch immer mit dem Auto zur Arbeit fahren und also mindestens zweimal täglich im Stau stehen, als »Silberpfeil« bekannt und beliebt. Auch wenn Samir Ibrahim die Bezeichnung »Ü-Wagen auf zwei Rädern« für übertrieben hält, so hat seine Sende-Mühle doch weit mehr auf dem Kasten als das Ausmessen von Auto-Kolonnen. Anders als beim Vorgängermodell erlaubt die moderne - vor allem weitaus kompaktere - Ausstattung nämlich auch das Einsammeln und Zurechtschneiden von ein bis zwei »O-Tönen«, vulgo: Interviews, die nach der Überspielung zum Sender von dort aus weiterverbreitet werden. Somit läßt sich überall dort, wo der ungleich personal- und kostenintensivere Einsatz eines »richtigen« Ü-Wagens nicht lohnt, eine Blitz-Reportage zusammenbasteln - oder die Zeit überbrücken, in der die automobile Sendeeinheit mal wieder im Stau steht.
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