Rituale der Motorradszene (Archivversion)

Mein Brauch gehört mir

Bölkstoff vernichten, Mädels gucken, Hand zum Gruße, Kutten verschönern, Pokale einheimsen, Moped segnen, Rasten schleifen, Gummi verbrennen - das sind nicht nur Biker-Bräuche. Das gehört zum kulturellen Erbe der Menschheit.

Zwölf Uhr mittags. Ein Mann sieht rot - und neben seiner Fireblade einen Carrera frech und breit. Ampel gelbt, ergrünt. Und tschüs. Was der Mensch braucht, das ist das immer wieder Sinnige in einer immer widersinnigeren Welt. Porsche versägen gehört unbedingt dazu. Zwölf Uhr nachts. Sturzbesoffen grölt eine schwerbelederte Biker-Meute Stripperinnen zur entblößenden Tat. Was der Mensch braucht, das ist das immer wieder Sinnliche in einer immer unsinnlicheren Welt. Mädels gucken gehört unbedingt dazu. »Mein Gott, wie primitiv«, mögen die feinsinnige Dame von Welt und der gestopfte Herr mit Geld da einverständig sinnen. Um alsdann, der Entrüstung voll, zum guten Buch zu grapschen. Wo sie schwarz auf weiß und beim Beaujolais primeur, dem obligatorisch genippten, justament das prima, wenn nicht sogar primissima finden, was ihnen in ihrer stinklangweiligen Wirklichkeit gar übel aufstößt. Orgien vom Säuischsten erhalten auf einmal die höchsten Weihen. Freilich nur zwischen zwei Buchdeckeln: wenn auf Homers Olymp, im »Satyricon« des Petronius oder beim frühen Goethe geschweinigelt wird. Dagegen verblassen die Strip-Darbietungen auf Biker-Lustbarkeiten zum harmlosen Ringelpietz mit ganz wenig Anfassen. Auch den abstrusesten Rennereien sind die besseren Stände nicht abhold. Etwa wenn Achill den Hektor mit seinem Streitwagen um die Mauern von Troja jagt, ihn einholt, abmurkst und als Bremsklotz an seinen Einachser hängt. Unter Hochkultur läuft so was, da ist Porsche verräumen doch ein klein bißchen humaner. Wilde Jagden, dazu delikate Fleischbeschauereien - das zieht sich durch die gesamte Kulturgeschichte. Von der Bibel - Eva im Paradiese, Susanna im Bade - bis hin zu Kafkas aberwitzigen Hetzereien von Arschgesicht zu Arschgesicht und von Amtsstube zu Amtsgericht. Die Geschichte der Menschheit vom Neandertaler bis zum Neander-Fahrer (Kräder von Neander gibt’s nicht mehr fabrikfrisch, das Unternehmen machte 1929 dicht) - sie lebt. Und wie sie lebt! Freilich nicht in verstaubten Wälzern, sondern auf den verstaubten Gesichtern der Motorradfahrer. Nicht nur bei den Burnouts vor roten Ampeln und Blackouts beim Peepen. Die Humanitas - sie kreucht und fleucht in allen Ritualen der Szene. Weswegen die UNESCO, jene Organisation der UNO, die für die Erhaltung des Guten, Schönen und Wahren hienieden zuständig ist, verdammt gut daran täte, die Bikerszene schleunigst in die Liste der schätzenswerten Kultursubjekte aufzunehmen. Denn sie hat alles, was der Mensch braucht, wovon er und sie aber immer weniger abbekommen. Freundlichkeit zum Beispiel. Wo gibt’s das denn noch, daß jeder jeden und jede freundlichst grüßt? Früher, in romantischeren Zeiten, war das noch gang und gäbe. »Hört, wie heiter die Nachtigallen wieder tirilieren«, begrüßten sich die fahrenden Gesellen zu Zeiten, als der deutsche Wald noch so prall war wie die Mädels, die in den leider ebenfalls dahingegangenen Waldschenken funkelnden Roten und hausgemachte Haselnußtafeln kredenzten. »Hört, wie munter mein Boxer wieder blubbert«, winkt der Motorradfahrer, letzter Romantiker, der er nun mal ist, seinem Freudensgenossen zu. Und der läßt sich ebenfalls nicht lumpen: »Wohl an, Bursche, gut gebrummt, aber das Surren meines nipponesischen Vierzylinders ist auch nicht ohne«, schnippt er schnippisch zurück. Ja, Humor haben sie auch, die Biker. Und wieviel von einer ansonsten schon längst verlorenen Leichtigkeit des Seins liegt in dieser lässig galanten Bewegung der Hand vom Lenker weg! Diesem zarten Grüßen, das sich so angenehm von den Gepflogenheiten der vierrädrigen Zunft unterscheidet, wo man sich stumpf den Vogel und spitz den Mittelfinger zu zeigen pflegt. Daß Motorradfahrer den Blechkastentreibern auch evolutionstechnisch meilenweit voraus fahren, beweist die edle Kunst des Wheelies. Während Käfer, Polo, Mondeo und Testarossa dumpf auf allen Vieren durch die Lande schlurchen, so wie Ochs, Meerschwein, Nilpferd und Salamander, erhebt sich der Biker dank dieses Liftens des Vorderrads in lichtere und höhere Entwicklungssphären. Erst als die Primaten sich auf ihre hinteren Extremitäten stellen konnten, kam es zur Menschwerdung des Affen. Das Wheelie - was könnte es anderes sein als das sich jederzeit Auslauf verschaffende Sinnbild des aufrechten Gangs in hochtechnisierten Zeiten. Es soll aber auch Biker geben, die das Wheelie-Wesen scheinbar ad absurdum führen, sich den Niederungen des menschlichen Daseins hingegeben und lustvoll in Kutten gehüllt im Schlamm vergnügen. Für solch erdverbundene Mannen gibt’s auf Spitzenparties allerorten Kuhlen zum Suhlen. Wo’s diese kuhlen Typen dann auch mit Freuden tun. Sieht unappetitlich aus, ist es aber nicht. Hinter diesem schmutzigen Brauch karfunkelt anderweitig längst Verdrängtes, Vergessenes, letzte Geheimnisse aus mythischen Epochen eben. Hat nicht erst neulich Blacky Fuchsberger in einer seiner aufwühlenden Reportagen vom fünften Kontinent sensationelle Bilder von australischen Ureinwohner in den Äther gejagt. Da war zu sehen, wie Aborigines sich im Staub rund um ihren heiligen Felsen, den Ayers Rock, wälzen. Und warum wälzen sie sich? Damit der Regengott sich ihrer erbarme, aus Staub endlich Schlamm werde und die Wüste lebe. Überhaupt: Was wäre Ägypten ohne den fruchtbringenden Schlamm des Nils? Ein Haufen Sand ohne Pyramiden. Außerdem: Steht nicht schon in der Bibel: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bist du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden« (1. Mose 3). Wenn Schweiß in Strömen erdwärts fließt, wie von Jahwe prophezeit, dann mutiert Erde zu Schlamm. Was übrigens dem rituellen Tauziehen zwischen Biker-Clubs auf Festivitäten einen geradezu sakrisch sakralen Touch verleiht. Körperliche Arbeit gerät - wenngleich unter Zugzwang - zum Selbstzweck, befreit von allen Beschwerungen des unmittelbaren Lebensunterhalts. Und dieses sich Einbuddeln in Schlamm - bei Motorradfahrerfesten sinnigerweise am Tag nach der großen Sause angesagt - darf getrost als Bußübung ersten Ranges gefeiert werden. Erst das Paradies - Mopeds, noch mal Mopeds, Bölkstoff, Mädels, Musik, Kumpels -, danach die Vertreibung aus selbigem. Und im Schlamm dann die alles entscheidende Frage: warum nur, warum? Darum: 1. Mose 3. Apropos Buße. Kutte taufen Biker mönchisch ihre Joppe. Die ist ihnen heilig. Weil da Patches dran sind, auf denen wiederum draufsteht, wo sie schon überall hingewallfahrt sind. Wer eine mopst, versündigt sich und kann deshalb schon zu Lebzeiten im Fegefeuer landen. Wohin er, so ist’s Brauch, vom Beraubten mit freundlicher Unterstützung einiger Mitstreiter höchstselbst und handgreiflich hinzuexpedieren ist. Denn mit der Kutte zeigt der Biker, der alsdann zum Rocker avanciert, vor allem Flagge, so wie die kriegerischen Haufen in wilderen Zeiten einst ihre Fahne im Wind flattern ließen, ohne sie gleich in den Wind zu hängen. Diesen Fetzen Stoff an den Feind zu verlieren kam einem Verlust der Ehre gleich. Das Beste aus Rittertum und Landsknechtswesen - in der Bikerszene feiert es fröhliche Urständ. Dort geht’s zwar auch hart zur Sache. Um Zehntelsekunden auf der Haus- oder Rennstrecke. Oder es gibt was auf die Mütze, wenn ein konkurrierender Club aufmuckt und Platzangst verbreitet. Doch im Unterschied zu früheren Bannerträgern ist die nicht Kutten tragende Bevölkerung bei solchen Stammesfehden schön brav außen vor. Man bleibt unter sich, auf daß die gebührende Exklusivität dieser schlagenden Verbindungen gewahrt bleibe. Sogar Frauen dürfen sich auf Biker-Parties hauen oder im Schlamm (siehe oben) catchen, wofür sie auch einen Obolus kriegen - ein Beitrag zur Emanzipation der Frau, den hartgesottene Feministinnen freilich noch immer nicht gebührend zu würdigen wissen. Schwer getrunken wird auf solchen Lustbarkeiten. »Hau wech«, prosten sich die Zecher aus alter Tradition zu. Der Alkohol, das verrät dieser Trinkspruch, ist ein Gegner, der vernichtet werden muß, damit er nicht in andere, unkundigere Hände fällt. Dieses aufopferungsvolle Tun macht die dionysischen Gelage des griechischen Altertums wieder lebendig. Wie die Biker legte Dionysos, der Gott des Weins, im Winter die Zügel an, um im Frühling dann voll auf die Tube drücken und was wegbechern zu können. Geradezu stupend die Parallelen seiner Bacchanale zu den Bikerparties von heute: Lediglich weil’s an Quell-, Baum- und andere Nymphen mangelt, müssen Stripperinnen ran, statt Wein, wie bei den alten Griechen, schluckt man Bier weg, und statt der Lyra wird die elektrische Gitarre zum ewigen Bluesrock gezupft. Aber ansonsten hat sich über die Jahrtausende kaum etwas geändert. Obwohl auch die Zentauren mittlerweile mehr als nur ein PS auf die zu Reifen mutierten Hufe bringen. Man muß das Land der Griechen also nicht nur mit der Seele suchen, da lag Hölderlin wieder mal schwer daneben, manchmal tut’s auch schon ein Veranstaltungshinweis in MOTORRAD (siehe Rubrik »Treffs und Termine«).
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