Schlammrennen in Frankreich (Archivversion)

Dreckster

Das archaische Duell reizt noch immer: Mann gegen Mann, Maschine gegen Maschine. 85 Meter Vollgas geradeaus. Wer zuerst durchs Ziel prescht, gewinnt. Drag-Racing? Nein, Dreck-Racing.

Wenn’s um die Konsistenz geht, ist mit Jean nicht zu spaßen. Zumindest nicht an diesem Wochenende. Wie ein Fischreiher stapft er mit seinen überhohen Gummistiefeln in der knietiefen Kloake herum. Die Einfahrt, ja, die sei so in Ordnung, nur in der Mitte werde die Drecksuppe zu zäh. »Trente secondes, dreißig Sekunden«, weist er die Jungs am Rand der Strecke an und deutet mit dem Zeigefinger auf das zu behandelnde Areal. Kurz darauf weicht ein Platzregen aus dem Feuerwehrschlauch die zäh gewordene Pampe eine halbe Minute lang ein. Passt perfekt. Die nächsten beiden Starter können kommen.Das tun sie auch. Und wie. Der auf der rechten Spur will’s offensichtlich wissen. Mit maximalem Schwung sticht er in den 40 Zentimeter tiefen Morast. Doch bevor das Hinterrad die ersten Schlammfontänen hochwirbelt, taucht die Front viel zu tief in den dickflüssigen, braunen Schlabber ein. Blitzartig schnellt das Heck hoch und wirft den armen Kerl kopfüber in die Brühe. Das Volk tobt – für den Mann von rechts. Kaum einer registriert, dass der Kollege auf der linken Bahn in kontrollierter Wühlarbeit den Zielstrich und damit die nächste Qualifikationsrunde erreicht.Drag-, pardon Dreck-Racing auf Französisch. Eine Mischung aus Hillclimbing, Mofa-Cross und Schlammcatchen. Warum nicht? Das Rezept ist einfach. Man flute eine Wiese, 85 Meter lang und 20 Meter breit, ziehe mit dem Kreidewagen vorn und hinten einen Start- respektive Zielstrich, und fertig ist der Dreck-Strip. Fehlen nur noch die Akteure. Die kommen aus allen Disziplinen. Den Löwenanteil stellen Motocrosser älteren Baujahrs – was häufig ebenfalls auf die Besatzung zutrifft – und mäßigen Zustands. Außerdem hoch im Kurs: ausrangierte Hillclimbing-Boliden mit langen Radständen und kurzen Krümmern. Und – in der Grande Nation unvermeidlich – ein paar Velosolex, deren Reibrollen sich meist schon viele Meter vor dem Schlammbad den Elementen geschlagen geben. Vor Mutter Erde in ihrer feuchten Ausgabe kapitulieren aber auch ganz andere Kaliber. Immer dann, wenn sich Herrchen nicht dem Gespött des Pöbels preisgeben und gaaanz, gaaanz vorsichtig die Suhle zerteilen will. Doch Jean hat vorgebeugt. Den Zaghaften legt sich das Moor erbarmungslos um die Felgen, verklebt binnen Sekunden jeden Spalt zwischen Rädern, Schwinge oder Vorderradgabel und erwürgt selbst die stärksten Vierzylinder im Handstreich. Jetzt sind Jean und seine Mannen wieder an der Reihe. Eine Stange durchs Vorderrad, eine durchs Hinterrad, vier Mann auf jeder Seite, und die Moorleiche wird schmählich per Muskelkraft aufs Trockene befördert. Starkult ist schon eher den anderen Geschlagenen der Schlammschlacht beschieden, die, wie der Herr auf der rechten Spur, alles geben – und alles verlieren. Die wohlwissend vorab schon die Regenkombi übergestreift haben und nach dem Bad im Schlamm das in der Menge umso mehr genießen.Freilich, einmal im Jahr besitzt selbst die primitivste Art des Motorradsports ihren Reiz. Und das Bac de Boue, das Schlammbecken, wie die verbal sonst so erfindungsreichen Franzosen die Sauerei nüchtern umschreiben, ist bislang wirklich einzigartig. Außerdem lässt sich das glibbrige Happening gut vom Süden Deutschlands aus erreichen. Denn Saint-Maurice-sur-Moselle, wo das Schmodder-Festival in diesem Jahr am 4. und 5. August (Veranstalterkontakt: Telefon 0033/329258742) stattfindet, liegt am Fuß des Ballon d’Alsace, gerade mal 40 Kilometer nordwestlich des deutsch-französischen Grenzübergangs Mühlhausen. Und das findet jeder – einfach nur nach der Schlammfontäne schauen. M
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