Schutzkleidungs-Norm (Archivversion)

Rüstungs-Wahnsinn

Der Normierungswahn der EU könnte auch für die Klamotten der deutsche Motorradfahrer schaurige Konsequenzen nach sich ziehen. In England entstehen schon Kombis, die Ritterrüstungen verdammt ähnlich sehen.

Die fixe Idee, Motorradfahrer in der EU mit einer vorgeschriebenen Schutzkleidung zu beglücken, läßt das Europäische Normeninstitut CEN nicht müßig sein. Nach Plan der Brüsseler Bürokraten sowie dem britischen Normierungsinstitut BSI sollen eines gar nicht mehr so fernen Tages alle Biker vom Nordkap bis Sizilien in geprüfter Schutzkleidung dahinfahren. Erster Schritt: die Normierung von Protektoren. Obwohl die Richtlinie von Brüssel noch gar nicht abgesegnet ist, setzte das BSI in England zusammen mit einem agilen Prüfungsinstitut die kleinen nationalen Bekleidungshersteller so unter Druck, daß sie ihre Protektoren seit Juli 1995 freiwillig nach der vorläufigen CE-Norm prüfen und zertifizieren lassen. Wobei, wie die CEN in einem Papier zur Protektoren-Norm ganz offen formuliert, »das der erste Teil einer Norm für Schutzkleidung für Motorradfahrer« ist. Wie wird Teil zwei aussehen? Zu den Schutzanzügen nach EU-Normvorstellungen gaben laut Times vom 10. Juli 1995 einige Bobbies der Motorradstaffel von Scotland Yard ein Urteil von unfreiwilliger Komik ab: »Man konnte weder die Arme heben, um den Verkehr zu regeln, noch sich bei einem Angriff selbst verteidigen.« Wen wundert’s, wog der zweiteilige Lederanzug mit Protektoren an Schultern und Hüften doch stolze 12,7 Kilogramm, mehr als doppelt soviel wie deutsche Protektorenkombis erster Güte.Nicht nur der letzten Sommer noch so frohgemute IVM-Geschäftsführer Dr. Hubert Koch sieht jetzt Gefahren heraufdämmern. Wenn britische Bekleidungshersteller wie Branded Leather oder Scott Leather, die zusammen mit Triumph auch in Deutschland anbieten wollen, mit dem Zertifikat CE auf ihren Protektoren Werbung machen und Erfolg haben, zieht aus Wettbewerbsgründen aller Voraussicht nach die gesamte Branche nach. Kontinentaleuropäische Hersteller wie MPQ oder Rukka springen schon auf den englischen Zug auf. Werbung mit Sicherheit ist immer ein Verkaufsargument. Und zu guter Letzt könnten dann auch die Versicherungen nachziehen: Ohne Protektoren kein Schmerzensgeld, beispielsweise.Nächstes Szenario: Die CEN beschließt weitergehende Normenvorschriften, etwa Rücken- und Schienbeinprotektoren als weiteres Soll. Wer schützt uns vor der Bekleidungsnorm? Die EU und die Gesetze des freien Marktes sicher nicht.
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