Sicher ohne Bitumen (Archivversion)

Einfach<br /><br /> Beschissen

Das antwortet Max Peter Knoblach auf die Frage nach seinen Lebensumständen.
Nach einem Unfall auf Bitumen sitzt er im Rollstuhl, soll demnächst zwangspensioniert werden, weiß nicht, wie er seine Familie durchbringen soll.

Beschissen«, sagt Max Peter Knoblach, obwohl er eigentlich kein Mann ist, der sich so ausdrückt. Besser wäre
zu sagen, er war kein Mann, der sich so
ausdrückt. Aber die Schmerzen, die Verzweiflung, mit denen er leben muss, haben ihn verändert. »Ich bin seit dem Unfall
nicht nur körperlich ein Krüppel, sondern auch seelisch.«
Er ist von der Brust abwärts gelähmt, kann Kopf und Rumpf nicht mehr richtig drehen, den rechten Arm nicht mehr bewegen und es in seinem Körper nur noch mit starken Medikamenten aushalten.

»Ich bin so um 20.30 Uhr an die Unfallstelle gekommen, fuhr mit etwa
50 bis 60 km/h. Es hat leicht geregnet.
Ich habe vor einer Linkskurve das Gas weggenommen und am Ende wieder
leicht beschleunigt, dabei ist das Hinterrad ausgebrochen und weggerutscht. Ich versuchte noch, das Motorrad zu halten, aber sieben Zentner waren nicht mehr zu kontrollieren. Die Maschine hat mich abgeworfen, dann ging der Vorhang zu. Erst hinter den Bäumen setzt die Erinnerung wieder ein. Ich war nicht in Eile, habe
vor dem Unfall unter der Autobahnbrücke Gebsattel noch gewartet, bis der Regen nachließ, bin anschließend angepasst weitergefahren. Der Bitumenfleck war nicht zu erkennen wegen der Nässe und der Dämmerung.«
Max Peter Knoblach, Kläger, Landgericht Ansbach, 18. Februar 2004

Das passierte am 8. Juni 2001 auf der Staatsstraße 2249 zwischen Rothenburg und Leutershausen in Bayern. Am 8. März 2002 kam Max Peter Knoblach nach Ansbach zurück. In der Zwischenzeit hatte er mehrere Operationen an der Wirbelsäule, Hautverpflanzungen, Nerventransplantatio-
nen und einen Aufenthalt in der Reha-
Klinik hinter sich gebracht. Er wohnt seitdem nicht mehr bei seiner Familie, weil
der Vermieter einem behindertengerechten Umbau der Wohnung nicht zustimmt. Alle Versuche, ein gemeinsames Zuhause für sich und seine Familie zu finden, schei-
terten. Deshalb lebt er in einem Wohnpark, in dem ältere und pflegebedürftige Menschen untergebracht sind.
An einem Fenster der ebenerdigen Wohnung klebt eine fliegende Gans aus Tonpapier, über und über bedeckt mit kindlichen Unterschriften. Max Peter Knoblach ist Lehrer, war Rektor an der Volksschule Burgoberbach. Vor einigen Wochen hat er von seinem Arbeitgeber, dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, ein Formblatt erhalten mit Vorschriften und Paragraphen aus dem Bayerischen Beamtengesetz. Es war einem Schreiben beigelegt, das seine Zwangspensionierung zum Gegenstand hatte.
»Herr Rosenbauer war Fahrer des Sankas. Er hatte sich zuerst verfahren, weshalb er aus Richtung Jochsberg kam. Er hielt im Unfallbereich und sprang mit einer frisch aufgezogenen Spritze aus seinem Fahrzeug. Die Straße war so glatt, dass es ihm sofort die Füße wegzog. Die Spritze fiel ihm aus der Hand. Er selbst fiel auch hin. Er konnte sich deshalb noch so gut daran erinnern, weil ihm dies in seiner 15-jährigen Tätigkeit als Rettungssanitäter das erste Mal passierte. Die Stelle, an der der Sanka stand, war ungewöhnlich glatt.«
Aussage Gerhard Rosenbauer, Zeuge, aufgezeichnet von Alexander Scholl, Anwalt des Klägers

Die Zwangspensionierung hänge wie ein Damoklesschwert über ihm, sagt Max Peter Knoblach. Mit seinem gegenwärtigen Gehalt kommt er momentan gerade so zurecht: doppelte Mietausgaben, doppelte Haushaltsführung, Fahrtkosten. Für Pflegekosten zahlt er jeden Monat einige hundert Euro drauf. Letzthin bekam er von seiner Krankenkasse einen Hinweis: Wenn er das nächste Mal ins Krankenhaus müsse, dann solle er bitte vorher fragen, ob er das auch dürfe. Allein für sein Decubitus-Kissen (eine Unterlage gegen das Wundsitzen im Rollstuhl), Wert 600 Euro, habe er ein halbes Jahr mit seiner Pflegekasse gestritten.
Als Frühpensionär bekäme Max Peter Knoblach nur noch 70 Prozent seiner bisherigen Bezüge. Dabei war er mit seinem Vorgesetzten beim Schulamt übereinge-
kommen, dass er von zu Hause EDV-
Probleme im Schulwesen analysieren und lösen könne. Dafür ist er sehr gut qualifiziert, hatte er doch mehrere EDV-Fortbildungen an der Lehrerakademie in Dillingen geleitet. Von der Regierung in München erhielten Knoblach und sein Vorgesetzter zur Antwort, dafür sei kein Bedarf, es gebe genügend Fachleute. »Ich will kein Geld umsonst, ich will ja dafür arbeiten. So aber bleibt mir wahrscheinlich kein anderer Weg als der zum Sozialamt.«
»Als wir an die Unfallstelle kamen, lag Herr Knoblach noch im Straßengraben. Er war ansprechbar und hat uns darauf hingewiesen, dass er an dem Bitumenflecken zu Sturz gekommen ist. Ich meine auch, dass die Kratzspuren in Richtung dieses Bitumenfleckens gingen. Ich habe sie aber nicht eingemessen und auch keine Skizze gemacht. Ich habe mich auf den Bitumenflecken gestellt. Ich konnte feststellen, dass es dort schmierig glatt war, etwa in der Art, wenn auf der Straße Kühlflüssigkeit ausgelaufen ist. Die darumliegende Straße war normal griffig. Der Bitumenfleck befand sich dort, wo man normalerweise als Motorradfahrer eine Linkskurve durchfährt. Ich meine, dass der Unfall für Herrn Knoblach nicht vermeidbar war.«
Polizeihauptmeister Bertram Körber, Zeuge, Landgericht Ansbach, 18. Februar 2004

»Dieser Unfall hat drei Existenzen vernichtet«, sagt Max Peter Knoblach. Er selbst leidet nicht nur an körperlichen Folgen, sondern mehr noch unter der seelischen Belastung, seine Familie nicht mehr versorgen zu können. In der Nacht liege er oft wach da und weine, tagsüber verfolgten ihn Angstzustände und Depressionen, die er nur unter Psychopharmaka ertrage. Schon wenn er ein Motorrad sehe, löse das bei ihm Missempfindungen in den Beinen aus. »Das fühlt sich an, als liefen mir Ameisen die Beine hoch und als wären meine Füße in einem Eisblock festgefroren. Ich habe schon, das können Sie glauben, den Tag meiner Geburt verflucht und den Tag, an dem ich den Motorradführerschein gemacht habe.«
Sein Sohn leidet seit einer Hirnhautentzündung an motorischen Störungen, braucht entsprechende Zuwendung und Pflege. Seine Frau sei seit dem Unfall ebenfalls mit den Nerven am Ende, sie kann sich kaum um die Absicherung der Familie kümmern. Weil sie selbst schwer krank ist, an Morbus Bechterew, einer entzündlichen Wirbelsäulenkrankheit, sowie beginnender Osteoporose, einer Knochenschwäche, leidet.

»Ich bin als Motorradfahrer auch viel auf solchen Straßen unterwegs, habe aber einen so großen Bitumenfleck noch nicht gesehen. Dieser Fleck war besonders glatt. Ich bin bewusst darauf ge-
treten, um dies festzustellen, und wäre beinahe hingefallen. Dem Polizeibeamten erging es ähnlich.
Ich kenne Herrn Knoblach als Motorradfahrer schon sehr lange. Wir sind öfter zusammen mit dem Motorrad weggefahren, so auch an diesem Tag. Ich würde Herrn Knoblach als einen eher überlegten und defensiven Motorradfahrer schildern. Auch sein Motorrad ist nicht dafür geeignet, sehr schnell zu fahren oder sehr schnell zu beschleunigen. Es handelt sich eher um ein gemütliches Reisemotorrad (Kawasaki Voyager, die Redaktion).«
Unfallseelsorger Klaus Gruber, Zeuge, Landgericht Ansbach, 18. Februar 2004

Einige Tage nach dem Unfall hat Pfarrer Gruber Bilder von der Unfallstelle gemacht. Alexander Scholl, Knoblachs Anwalt, meint, »hätte Pfarrer Gruber diese Bilder nicht gemacht, hätte es diesen Bitumenflecken nie gegeben«. Denn die Kamera der unfallaufnehmenden Polizisten erwies sich als defekt, eine Ersatzkamera kam erst, als es schon dunkel war. Entsprechend dunkel gerieten denn auch die Aufnahmen. Zudem wurde schon am 27. August 2001 genau diese Stelle der Straße, und zwar nur diese Stelle, neu asphaltiert. Eben dort, wo Knoblach stürzte, war bereits ein knappes Jahr zuvor, am 6. August 2000, ein Motorradfahrer auf Bitumen zu Fall gekommen. Der hatte mehr Glück als Max Peter Knoblach.

»Wir wurden erst 14 Tage nach dem Unfall von der Polizei über diesen in Kenntnis gesetzt. Wir haben daraufhin die Unfallstelle untersucht und waren der Meinung, dass die Griffigkeit an dieser Straßenstelle zwar nicht optimal, aber immer noch ausreichend ist. Dies gilt auch für die Bitumenflecke. Mir ist durchaus bekannt, dass es wegen dieser Bitu-
menflecke Diskussionen gibt. Im Sommer 2001 war an der Unfallstrecke erhöhter Schwerlastverkehr, weil die Staatsstraße nach Rothenburg gesperrt war und dieser Straßenabschnitt Umleitungsstrecke war. Erhöhte Kontrollen wurden deswegen nicht gemacht.
Das Straßenstück von dem Bitumenfleck wurde noch einmal vollständig
saniert. Dies geschah von uns aus gesehen als Vorsichtsmaßnahme, obwohl nach meiner Meinung die notwendige Griffigkeit noch gegeben war. Auch
wenn die Straße heute noch unverändert wäre, sähe ich keinen Grund, das Schild »Schleudergefahr« aufzustellen, zumal hier schon auf die Engstelle durch Gefahrenzeichen aufmerksam gemacht wurde. Eine Griffigkeitsmessung fand in den Jahren 1997 und 2002 turnusmäßig statt.«
Robert Groth, Technischer Oberinspektor bei der Straßenmeisterei Rothenburg, Zeuge, Landgericht Ansbach, 18. Februar 2004

Eigentlich dürfte nicht wahr sein, was der Zeuge erzählt hat. Dass es 14 Tage braucht, bis die zuständige Behörde von einem Unfall erfährt, um dessen Ursachen sie sich sofort kümmern müsste. Dass es reicht, »der Meinung zu sein«, es gehe wohl schon in Ordnung mit der Griffigkeit der Bitumenflecke. Dass keine Extrakontrollen durchgeführt wurden, obwohl die Straße als Umleitungsstrecke auch für den Schwerlastverkehr diente. Dass man sich in der Folge keine Gedanken darüber machte, dass die erhöhte Belastung die Verkehrssicherheit der Straße ernstlich beeinträchtigen könnte, zumal sie ja nur provisorisch, nämlich durch »Anspritzen und Absplitten«, repariert worden war. Dass man seinerzeit darauf verzichtet
hatte, zumindest ein Warnschild an der
Unfallstelle zu platzieren. So dass man sich fragt, warum da heute, nachdem just dieses Straßenstück saniert wurde, gleich zwei Schilder auf die Schleudergefahr hinweisen. Schilder, von denen die zuständige Behörde nichts weiß, offenbar. Geradezu keck auch der Hinweis, dass die Straße anno 1997 zum letzten Mal vor dem Unglück 2001 turnusgemäß auf ihre Griffigkeit hin untersucht wurde. Zitat Zeuge Groth: »Dies geschieht alle fünf Jahre mit einem Gerät, das zentral angefordert werden muss. Die Auswertung hat damals ergeben, dass hier nichts zu veranlassen war.«

»Ich fahre die Strecke öfter mit dem Fahrrad. Ich kenne sie gut, alles uneben und gefleckt. Die ganze Straße ist vielfach geflickt, das ganze Stück schlecht. Man sieht hier teilweise Schlaglöcher, denen man mit dem Rad ausweichen muss.«
Gabriele Konrad, Zeugin, Landgericht Ansbach, 18. Februar 2004

Der Staat mauert. Immerhin hat er das Verfahren wegen, so die beamtendeutsche Formulierung, »unerlaubten Verlassens der Straße« gegen Max Peter Knoblach eingestellt, der Schwere der Verletzungen wegen. Sehr großzügig. Sehr großzügig erwies er sich auch sich selbst gegenüber. Ein Verfahren gegen den Freistaat Bayern wegen Verletzung der Verkehrssicherungspflicht wurde gar nicht erst eröffnet. Also klagt Max Peter Knoblach privat um Schmerzensgeld und um Schadenersatz. Allerdings muss er feststellen, dass die Beklagten genau so reagieren, wie sie das schon in vielen Fällen dieser Art getan
haben: »Man spielt auf Zeit und darauf, dass ich nicht das Durchhaltevermögen habe, diese Sache durchzustehen.« Sein Anwalt, Alexander Scholl, sagt dazu: »Ich glaube nicht, dass es am Gericht liegt, aber Motorradfahrer und ihre Angehörige werden in Privatprozessen niedergeknüppelt, und die Angelegenheit wird totgeschwiegen. Wenn der Staat den Prozess in erster Instanz verlieren sollte, fürchte ich, werden die den Rechtsweg ausschöpfen.« Für den Freistaat Bayern ebenso recht wie billig, im wahrsten Sinn des Wortes, für Max Peter Knoblach eine Belastung, der er schwerlich standhalten kann.
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