Sicher ohne Bitumen (Archivversion)

Den Bogen raus

Mit dem Meldebogen gegen die Ignoranz vieler Straßenbauämtern ankämpfen: Weil Bitumenflickerei Motorradfahrer gefährdet, muss diese Reparaturmethode weg.

Schmieren zwei Motorradwanderer - rüstige Pensionäre mit gemächlichen Japanchoppern - auf großflächiger Bitumenpfuscherei in einer Kurve Richtung Leitplanke ab. Bei Tempo 30! Als sie den Schrott begutachten, der einmal zwei Motorräder war, eilen zwei Biker auf sie zu. An derselben Stelle abgestiegen. Ebenfalls nicht ganz freiwillig und nur ein paar Minuten zuvor. Nix wie hin zur nahen Notrufsäule! Und was murmelt der Polizist am anderen Ende der Leitung? »Ach so, Motorradfahrer! Die sind sowieso immer zu schnell.« Weswegen es die Ordnungsmacht nicht mal für nötig hält, den Unfallort zu besichtigen. Zwei der vier Motorradler klagen, verlieren ihren Prozess. Von sich widersprechenden Gutachten werten die Richter lediglich das, welches Straßenbaufirma und Behörde, die es in Auftrag gaben, von aller Schuld reinwäscht. Und wie in einem schlechten Film verschwinden urplötzlich alle Bohrproben des Belags. Keine neue Untersuchung mehr drin (mehr über diese Justizposse demnächst in MOTORRAD).Es erschreckt immer wieder, wie selbstgefällig und von aller Sachkenntnis frei Justiz, Straßenbauämter und Polizei mit der Gesundheit von mehr als fünf Millionen Menschen in diesem Land umgehen. »Die motorisierten Zweiradfahrer sind keine zu vernachlässigende Minderheit mehr, sie haben ein Recht auf verkehrssichere Straßen«, argumentiert der bayerische Landtagsabgeordnete Ludwig Wörner. Doch dieses Recht auf körperliche Unversehrtheit – es steht in Artikel 2 Grundgesetz – müssen Motorradfahrer sich erst noch erkämpfen. Auch mit Hilfe des »Meldebogen für Bitumenschäden«. Im Internet – www.motorradonline.de – lief die Aktion bereits an. Mit Erfolg. Bis zu zehn Meldungen über Bitumenflickerei pro Tag, die meisten äußerst präzise und informativ. Einige Verkehrsministerien haben reagiert. Zunächst nur formal: Eingang der Faxe von MOTORRAD bestätigt. Je mehr Post sie bekommen, desto stärker wird der Druck, endlich inhaltlich Stellung zu nehmen. Dazu, wie es sein kann, dass in ihrem Zuständigkeitsbereich noch immer pures Bitumen aufgespritzt und danach lediglich abgesplittet wird, statt das Bindemittel reibwerterhöhend vorab einzuarbeiten. Technisch kein Hexenwerk und - mit wohlfeilen Maschinen (MOTORRAD 14/1999) - kaum teurer als Bitumenpfusch. Apropos Kosten: Motorradfahrer, die auf Straßenabschnitten stürzen, die bereits in der via Internet einsehbaren MOTORRAD-Datenbank registriert sind, dürften bessere Chancen haben, ihre Ansprüche vor Gericht einzuklagen. Damit könnte sich auch in der Justiz die Auffassung durchsetzen, dass der »allgemeine Erkenntnisstand«, wonach die Ausbesserung mit Bitumen »ein zulässiges Verfahren« sei, nicht mehr haltbar ist. Der Meldebogen ist nicht alles, aber er ist ein Anfang. Zu dem jeder Motorradfahrer beitragen kann. Verbände und Clubs dürfen aber noch mehr tun: den nebenstehenden Meldebogen kopieren, auslegen, selbst initiativ werden, gefährliche Stellen der Polizei mitteilen, sich dies bestätigen lassen. Und dann abchecken, was sich tut. Reagieren die Behörden oder schlafen sie weiter den Schlaf der Selbstgerechten? MOTORRAD wird über solche Aktionen vor Ort berichten.
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