Spätfolgen des Motorradfahrens (Archivversion)

Mit 66 Jahren

Hatte Udo Jürgens recht? Fängt das Leben tatsächlich erst mit 66 Jahren an? Zumindest hört es noch lange nicht auf. Auch nicht, wenn man bis dahin Motorrad gefahren ist.

Motorradfahren schadet der Gesundheit. Basta! Wenn nicht heute, dann aber auf jeden Fall morgen. Alles Quatsch? Abwarten. Über düstere Visionen und Prophezeiungen der Ärzte lacht man nur bis Mitte 40. Dann ist Schluß mit lustig. Mit dem Kilometerstand erhöht sich auch das körpereigene Reparaturbedürfnis. Im Gegensatz zum geliebten Zweirad sind die Verschleißteile jedoch nicht austauschbar. Aus medizinischer Sicht ist alles glasklar: Der bikende Rebell à la James Dean oder Peter Fonda ist potentieller Patient par exellence. Jeans, T-Shirt, Turnschuhe, Stirnband, sonnenbebrillt, auch im Dauerregen - eine göttliche Kombination aus Freiheit und Frühinvalidität. Dieser Typus wirkt nicht nur cool, ihm ist es auch.Für alle anderen Biker gilt. Kältespezifisch sind die Gefahren heute kalkulierbar, sogar fast verbannt. Rainer Brendicke, Leiter des Instituts für Zweiradsicherheit: »Mit aktueller High-Tech-Bekleidung können zumindest rheumatische Beschwerden, Erfrierungen sowie Blasen- und Nierenschädigungen verhindert werden.« Heimtückischer äußert sich dagegen der schleichende Hörverlust durch übermäßige Geräuschentwicklung im Helm. Bis zu 115 dB (A) wirken je nach Geschwindigkeit, Aerodynamik des Helms oder der Verkleidung auf das Ohr ein. Zum Vergleich: »Ein startender Düsenjet vom Typ Airbus A320 erzeugt einen Geräuschpegel von zirka 70 dB (A) an der Rollbahnbegrenzung,« so Dipl.-Ing. Volkmar Krämer vom Flughafen Stuttgart. Der Arbeitsschutz legt für eine achtstündige Dauerbelastung 85 dB (A) als Grenzwert fest. Abhilfe schaffen hier Ohrenstöpsel (Test in MOTORRAD 20/1998).Mit dem Motorradboom forcierte die Industrie auch die Weiterentwicklung der Schutzmöglichkeiten. Protektoren gehören mittlerweile zum Standard, abriebfeste und schwer entflammbare Materialien schützen bei Stürzen. Die Membrantechnologie bietet guten Nässe-, Microfasern guten Kälteschutz. Die Spätfolgen der heutigen Generation Motorradfahrer werden daher weniger klimatisch, sondern eher orthopädisch bedingt sein und aus Sturz- oder Haltungsschäden resultieren. Letzteres vor allem beim Chopper-Fahren im Bereich der Wirbelsäule. Dr.Siggi Hägele, Leiter des Instituts für Ambulante Rehabilitation in Stuttgart: »Die aufrechte, oft nach hinten gebeugte Sitzhaltung erlaubt es nicht, einen Teil des Körpergewichts über die Arme auf den Lenker zu übertragen. Die gesamte Last wird über die Wirbelsäule abgefangen.« Hinzu kommen harte Stöße durch puritanische Federung und Muskelverspannungen, hervorgerufen durch die »Fallschirmsprung«-Sitzposition. Bemerkenswerterweise bescheinigen Ärzte den Sportbike-Piloten ein relativ entspanntes Fahren. »Voraussetzung hierfür ist jedoch eine durchtrainierte Nackenmuskulatur und körperliche Fitneß«, gibt Dr. Hägele zu bedenken. Ein Teil des Körpergewichts wird in Beugeposition durch Fahrtwind kompensiert. Der Haken bei Sportlern: Fehlende Befestigungsmöglichkeiten für Gepäck verführen oft zum Tragen eines Rucksacks. Dr. Peter Falb, Arzt für Allgemeinmedizin und Motorradfreak aus Stuttgart: »Dieser aerodynamische Frevel belastet Rückenmuskulatur und Wirbelsäule extrem.«Doch wieviel Unvernunft führt zur Spätfolge? Tatsächlich existieren hierüber lediglich medizinische Hypothesen statt Gutachten. Kleine Sünden werden bekanntlich sofort bestraft. Mit Genickstarre, Verspannung, Schmerzen. Hier hilft das Wundermittel Zubehör: verstellbare Lenker oder Sitzbänke, optimal positionierte Fußrasten, verbesserter Federungskomfort, Gepäckbrücken oder Koffer. Das Bike sollte sich dem Fahrer anpassen, nicht umgekehrt. Über 350 verschiedene Motorradmodelle stehen zur Wahl.Fast kein Spaß ohne Sucht: Motorradfahren kann auch süchtig machen. Der suggestive Virus, der den Biker befällt, nennt sich »Bike-Bock«. Die Heilung ist nur durch Fahren möglich. Absoluter Mythos einiger vielfahrender Glatzköpfe: Das Tragen von Helmen beschleunigt den Haarausfall. Ein Alibi für Warmduscher. Oder sehen alle Biker in Ländern ohne Helmpflicht aus wie Wolfgang Petry? Freiheit ist lediglich das Gefühl eines Augenblicks, die Diskreditierung der Warnungen von Ärzten oder Banken deshalb legitim. Carpe diem - nutze den Tag. Außerdem: Fast alles, was im Leben Spaß macht, ist gefährlich.Spätfolgen - das klingt so verdammt negativ. Wer denkt da nicht an Invalidität, an eine unsichtbare Gefahr, die uns schleichend dem Tod in die Arme treibt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Lebensfreude heißt das Zauberwort. Ältere Biker besitzen die Kraft der zwei Herzen. Eines schlägt in der Brust, eines unter ihrem Tank. Gesteigertes Wohlbefinden erzeugt ein positives Lebensgefühl. Vor allem, wenn das düstere Grau des Alltags durch eine sportliche Tätigkeit oder das Gefühl der Zusammengehörigkeit wieder farbenfroh wird. »Motorradfahren schult die Wahrnehmung, das Reaktionsvermögen und das Empfinden für die schönen Dinge im Leben. Kurz gesagt: Es hält mich jung«, berichtet der 69jährige Gerhard Nußbaum aus Remseck. Die Mischung aus Freiheit, Unbeschwertheit und Ausleben der Jugendträume verdrängt Einsamkeit und gibt dem Leben wieder einen Sinn. Wer die Leidenschaft zu lieben verlernt hat, findet sie oft in der Beziehung zu seinem Bike wieder. Und kann sie vielleicht sogar auf seine Mitmenschen projizieren. Glücksgefühle aktivieren die Hormonausschüttung, das verlorene Lächeln kehrt zurück. »Der therapeutische Effekt des Motorradfahrens überflügelt fast alle Arten von kleinen Wehwehchen, die das Altersboot im Schlepptau hat«, meint Manfred Rohde, 65 Jahre, aus Beuren. Was liegt also näher als Biken auf Rezept? Man ist immer so alt, wie man sich fühlt. Das beweist der Aufkleber auf dem Motorrad eines steinalten Amerikaners: Live your dreams, don´t dream your life! Dafür ist es nie zu spät.
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