Speedweek Oschersleben (Archivversion)

Der Renner

Gibt es eine größere Herausforderung, als 24-Stunden lang schnell zu fahren, bei Tag und Nacht? Für Endurance-Freaks keine Frage, und wenn man sie nach der besten Adresse in Deutschland fragt, lautet die Antwort: Motopark.

Sie läuft zwar erst vier Jahre, die Speedweek in Oschersleben, und hat, wie die große Raceparty vom 9. bis 12. August bewies, doch schon so was wie Tradition. Freiwillig versäumt die »24 Stunden von Oschersleben«, den Höhepunkt der Veranstaltung, keiner der großen internationalen und deutschen Endurance-Stars. Die Franzosen, Engländer, Belgier und sogar ein Team aus China – alle sind sie da. Und auch die Zuschauer strömten wieder, viele davon, ganz treue Seelen, jetzt schon zum vierten Mal. 56 000 sind’s heuer gewesen. Die freuten sich über die Stars der Super-Moto-Szene, hatten am Boxer-Cup mit Cracks wie Fernando Cristobal oder der Ring-Legende Helmut Dähne sowie den vielen anderen Rennen, den Stunt-Shows und dem Burnout-Wettbewerb einen Riesenspaß. Der Bol d’Or ist das ganz große Vorbild, und die Organisatoren arbeiten daran. Sie wollen den Zuschauern außer Sport eben auch noch Unterhaltung und Zerstreuung bieten.Vive la France. An Oschersleben wusste VFR-Fahrer Dieter aus Blomberg eigentlich nur zu kritisieren, dass es geographisch nicht ganz so reizvoll wie Le Castellet liegt, wo lange Zeit der Bol d’Or lief »Die alljährliche Fahrt über die Alpen war einfach klasse. Und dann nur ein paar Kilometer von der Rennstrecke ans Meer.« Die Motopark-Besitzer empfehlen zunächst den Harz statt der Autobahn zur Anreise, den zweiten Wunsch zu erledigen könne, laut unbestätigten Quellen, noch etwas länger dauern. Der Rennarzt erzählt. Dr. Christoph Scholl und seine Mannen behandeln außer Rennfahrern auch malade oder malträtierte Besucher. Häufigste Diagnose in letzterem Patientensegment: Alkoholvergiftung oder Prügelei. »Einem ist das Ohr abgebissen worden, ein anderer von der Tribüne gestürzt. Als er wieder sprechen konnte, nuschelte er was von 40 Pils.« Worauf Scholl bewusst auf Anästesie verzichtete: »Zu schlecht zu dosieren bei so viel Promille.« Worauf er nächstes Mal garantiert nicht verzichtet, sind getrennte Warteräume. »Ich kann’s den Fahrern nicht zumuten, im Alkoholdampf auf ihre Verarztung zu warten.« Der Sieger. Für den Triumph bei den 24 Stunden von Oschersleben kann sich das Team Whirley Phase One bei Stéphane Mertens vom chinesischen Zongshen Team bedanken. Das liegt insgesamt etwa 13 Stunden lang in Front, bis der Hasardeur aus Belgien seinen Wahnsinnsritt wagt. Während die schärfste Konkurrenz sich mit Rundenzeiten um 1.36 oder 1.37 Minuten begnügt, brennt Mertens vier bis fünf Sekunden schneller dahin. Nicht lange freilich, dann lag er im Kiesbett und sein Team zurück. Und vorn Peter Linden, Kampfpilot und Rennsportlegende aus Schweden, der in Oschersleben, sagt er, sein letztes Rennen bestreitet.Vive la Trance. Einen lieben langen Tag Motorräder im Kreis fahren zu sehen mag sogar den größten Langstreckenfan langweilen. Obwohl eine Überdosis garantiert tranceartige Anwandlungen provoziert. Zu solchen durchaus angenehmen Halluzinationen gehört es, die an- und abschwellenden Motorgeräusche der Maschinen im Infield des Motoparks nach einiger Zeit für genau so elementar wie das Rauschen des Meeres zu halten. Hören die Motoren auf zu lärmen, kommt es einem vor wie das Ende der Welt. Camping. Wunderschön liegt ein Campingplatz nördlich vom Infield. Doch den Motorradfahrer zieht’s in sein Revier, also direkt an die Straße hin. Auf Grasnarben am Bordstein schlägt er sein Gemach am liebsten auf. Und in Nachbarschaft des Partyzeltes »Chapiteau«. Morgends wundert er sich dann, dass er nicht schlafen konnte wegen lauter Musik und Burnout-Gebrüll. Frauen. Obwohl es sich sogar bis nach China herumgesprochen haben sollte, dass in Sachsen und Sachsen-Anhalt die schönsten Mädels wachsen, fliegt das Zhongshen Team zu jedem Lauf der Endurance-WM eigens zwei Damen aus China ein. Und RTL2, der knallharte Enthüllungskanal, brachte für seine sicher hochinteresssante und ausgewogene Enthüllungsgeschichte gleich ein blondes Enthüllungsopfer mit. In zwei Party-Zelten und bei Treffen der Fans von Buell darf Mann Gogo-Tänzerinnen zappeln sehen. Der Motor. Außer durch Sturzeinwirkung war der Motor der GSX-R 1000 nicht kaputt zu kriegen. »Wir haben die noch nicht einmal aufgemacht«, freut sich Boxenchef Kai vom chinesischen Team Zongshen. GSX-R auf den Plätzen eins und zwei – wenn die Konkurrenz nicht aufpasst, mutiert die Endurance-WM zum Suzuki-Markenpokal. Der Alte. Mit seinen 49 Jahren ist Harald Rössler vom HMK Racing Team der älteste Teilnehmer des 24-Stunden-Rennens. Für die Erfüllung seines Traums löhnen er und seine zwei Mitkombattanten 15000 Mark. 2500 Mark verlangt der Veranstalter als Obolus, der Rest geht drauf für Reifen, Ersatz- und Verschleißteile, Benzin sowie für die Verpflegung der 18 Leute im Team. Auf zirka 800 000 Mark laufen die Kosten professioneller Teams auf, doch die wuchern mit Schnellwechselanlagen für die Räder, hochkomplizierten Tankanlagen und bezahlen ihren Fahrern sogar ein gutes Honorar – vierstellige Beträge im oberen Bereich. Fahrstil. Beim Boxer-Cup im Rahmenprogramm steht der Fahrer der BMW mit der Startnummer 12, MOTORRAD-Testchef Gerhard Lindner, auf der langen Geraden in den Rasten auf und knickt den Oberkörper im rechten Winkel dazu ab: »Wenn ich auf der BMW normal sitze, mache ich wegen meiner Größe einen Buckel, und das ist aerodynamisch gar nicht gut. Da strömt der Wind über die neue Abrisskante viel besser ab.« Sechster Platz im Boxer-Cup. »Hab’ zu langsam angefangen, kann nicht mehr so richtig explodieren wie früher, bin wohl zu viel Langstrecke gefahren.« Da kommt es auf gleichmäßig schnelle Runden und materialschonendes Pilotieren an. In seinem Team, Schäfer Devil Racing, geht Lindner als Startfahrer raus, verliert zunächst fünf Plätze – ja, ja, die Explosivität –, macht dann aber gleich deren zehn gut. Stundenlang läuft alles bestens – kurz vor Beginn des Feuerwerks landet die Maschine im Kies -, danach nur noch Weizenbier. Super Moto. Nicht nur vom Zeitumfang – zwei Läufe zu je 15 Minuten plus zwei Runden – eine Alternative zum 24-Stunden-Marathon. Was die Spitzenstars der europäischen Szene bei der Internationalen deutschen Meisterschaft den Fans an unglaublichen Drifts, Zweikämpfen in Kurven, Einradartistik und schier unglaublichen Schmankerl der immer harten, aber fairen Art ihren Fans bieten, das ist schon Motorsport der allerrasantesten Art. Der amtierende Meister Thierry van den Bosch gewinnt den ersten Lauf vor seinem schärfsten Rivalen Jürgen Künzel und Klaus Kinigadner, fighted dabei aber so stark, dass eine alte Schulterverletzung, die wieder aufbricht, ihn am Start zum zweiten Heat hindert. Den gewinnt Jürgen Künzel vor Kini und Achim Trinkner. Die Meisterschaft wird nach den zwei wilden Ritten in Oschersleben also erst beim Saisonfinale in Stendal vergeben.
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