Spiegel-Tipps: Alpenpraxis (Archivversion)

Kradwanderung

Motorradfahren in den Alpen, das ist eine Herausforderung mit einem ganz besonderen Reiz – ganz neue Fahrerlebnisse, aber auch ganz neue Probleme! Wie die zu meistern sind, erklärt Professor Dr. Bernt Spiegel in einer weiteren Folge seiner populären Serie.

Was ist in den Alpen fahrerisch anders? Klar, die Bremswege werden bergab empfindlich länger. Da ist ja immer noch einer, der schiebt! Der Berg. Doch auch die veränderte Achslastverteilung macht sich bemerkbar: Das Hinterrad kommt bergab spürbar leichter zum Blockieren, dafür kann man die Hinterradbremse bergauf schon ganz ordentlich einsetzen, erst recht mit dem üblichen Urlaubsgepäck und einem Sozius auf der Hinterachse.Überhaupt die Bremsen: Sie sind bei Paßabfahrten unverhältnismäßig stärker beansprucht, und wenn durch Dampfbildung (wegen überalterter Bremsflüssigkeit) die Bremswirkung plötzlich gegen Null geht, dann passiert das mit Sicherheit ausgerechnet bei einer Paßabfahrt. Pumpen mit dem Bremshebel mag helfen. Dann aber sofort Pause machen zum Abkühlen.Und niemals mit leicht angelegter Bremse ins Tal fahren. Das hält die beste Bremse der Welt nicht aus, weil dann der Belag nur punktuell anliegt und es zu einer ganz ungleichmäßigen Erhitzung der Bremsscheibe kommt. Nicht dauernd schwach bremsen also, sondern nur kurz und dafür kräftiger.Weiter: Die Straßen sind meistens schmaler als gewohnt und vor allem ungleich unübersichtlicher. Rechts und links der Fahrbahn ist viel weniger Platz, und es gibt jede Menge Geländer oder Mauern am Streckenrand. Bei Paßstraßen ist mindestens eine Seite so gut wie immer durch Felsen, einen Steilhang oder eine Stützmauer begrenzt, und die andere Seite verlockt auch nicht dazu, im Notfall die »Flucht ins Gelände« zu wagen (siehe Heft 13). Schon daraus ergibt sich eine besonders vorsichtige Fahrweise. Aber auch der Fahrbahn ist nicht blind zu vertrauen. Selbst auf den bestausgebauten und ständig kontrollierten Alpenstraßen ist mit unvermutet auftauchendem Splitt, mit Geröll, Steinen und Felsbrocken zu rechnen. Ein einziger Stein in Faustgröße, dem man nicht mehr ausweichen konnte, reicht schon aus, die Felge zu beschädigen. Deshalb nach einem solchen Schlag unbedingt auf schleichenden Luftverlust achten!Das alles erfordert exaktes Fahren: eindeutiger Bewegungsentwurf und präzise Umsetzung (siehe Heft 14). Wie immer gilt: weit vorausschauen, nirgends wichtiger als gerade da, wo man meistens gar nicht so weit vorausschauen kann. Noch betonter als sonst spät einlenken, erst recht in Kehren. Im Kurvenausgang nie auf die Gegenfahrbahn kommen, jedenfalls nicht unbeabsichtigt. Nicht um jeden Preis den Scheitelpunkt ganz nach innen legen wie sonst, denn bei 180-Grad-Kurven bringt das volle Ausnutzen der Fahrbahnbreite nach innen keine Vergrößerung des Kurvenradius mehr. Ebenfalls nicht ganz innen soll man die Kehren fahren auf kleinen, »wildgewachsenen« Sträßchen; einige können nämlich enorm steil abfallen, oft nur für wenige Meter, aber häufig hart an der Grenze der Fahrbarkeit. Muß man an einer solchen Stelle wegen eines Entgegenkommenden anhalten - egal, ob bergauf oder bergab -, dann findet der Stützfuß (den man automatisch immer einigermaßen querab vom eigenen Schwerpunkt setzt) keinen Boden, und schon fällt das Motorrad um – viel heftiger und auch gefährlicher als ein Umfaller in der Ebene.Zum Schluß der Alptraum eines jeden Bergfex: Sonne, trockene Fahrbahn, eine schöne Kurve - dahinter aber im Schatten plötzlich eine festgefahrene Schneedecke bergab! Jetzt gibt es keine Vorderradbremse mehr! Rechte Hand unter strengster Aufsicht halten! Blitzschnell entscheiden: Wird die Fuhre mit Hilfe der Hinterradbremse langsamer? Wenn nein: Wird das Gefälle vor der nächsten Kurve deutlich geringer? Wenn wieder nein: Sofort das Motorrad ablegen, so wie in Heft 13 beschrieben, auf keinen Fall schreckgelähmt in die nächste Kehre hineinrauschen.Nächste Folge: Das Standardwerk »Die obere Hälfte des Motorradfahrers« von Bernt Spiegel ist für 48.15 Mark erhältlich im MOTORRAD SHOP, Fax 0711/182-1756 oder im Internet www.motorradonline.de
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