Spiegel-Tipps: Fahrtipps zum Saisonanfang (Archivversion)

Frühlingserwachen

Neues Frühjahr, neues Glück. Psychologie-Professor Dr. Bernt Spiegel, Autor des Buchs »Die obere Hälfte des Motorrads« und langjähriger Instruktor des MOTORRAD-Perfektionstrainings, gibt Tips für die kommende Saison.

Wer rastet rostet, sagt der Volksmund, und tatsächlich tritt nach einer längeren Pause stets ein Fertigkeitsverlust ein, gleichgültig, um was für eine eingeübte Tätigkeit es sich handelt - Klavier spielen, Seiltanzen oder eben Motorrad fahren.Obwohl der Motorradfahrer sein Bike seit Jahr und Tag kennt, kommt es ihm nach der Winterpause ein wenig fremd vor, alles fühlt sich so komisch an, die enge Verbindung zwischen Mensch und Maschine, die ihm bei den letzten Fahrten im Herbst noch so selbstverständlich war, will sich nicht einstellen - kurz: Er sitzt nur drauf, aber nicht eigentlich »drin«.Was ist da über Winter geschehen? Als wir Motorrad fahren lernten, haben wir für die ganzen automatisierten Abläufe regelrechte Programme erworben. Lenken, schalten, Gas geben, bremsen, kuppeln geht von allein. Und obwohl diese Programme erworben und nicht angeboren sind, arbeiten sie, wenn sie erst einmal richtig »sitzen«, so stabil, daß sie nie mehr verlorengehen können. Nur: Diese Programme bedürfen einer gewissen »Pflege«, sie müssen oft genug benutzt werden. Es ist, als ob sie über Winter eingestaubt wären.Und nun ein paar Tips, wie diese Programme bei den ersten Ausfahrten rasch wieder auf den alten Hochglanz zu bringen sind.· Zunächst: nicht gleich auf eine stark befahrene Bundesstraße gehen, sondern erst einmal eine möglichst ruhige Gegend aufsuchen. Dort dann eine ganz einfache Bremsübung ein paarmal hintereinander machen: ungefähr im Sekundentakt die Vorderradbremse kurz und kräftig betätigen, so daß die Gabel möglichst weit eintaucht. Durch den beim Bremsen erhöhten Druck auf den Lenker bekommt man die mögliche Verzögerung rasch wieder »in die Handgelenke«. Und ohne es zu bemerken, lernt man wieder die genaue Lage des Druckpunkts und die Charakteristik der Bremse. Damit gewöhnt man sich zudem wieder an, rasch den erforderlichen Bremsdruck aufzubauen, denn gerade darauf kommt es im Ernstfall an.· Sodann mit etwa 60 km/h im Dritten daherrollen und Stufe für Stufe bis zum höchsten Gang raufschalten - möglichst weich und ruckfrei, wobei die Geschwindigkeit beibehalten wird. Dann ebenso sanft zurückschalten bis zum Ersten und wieder rauf bis in den höchsten Gang - und das mehrmals hintereinander, alles mit konstanter Geschwindigkeit. Hier geht es darum, sich mit der Getriebeabstufung wieder vertraut zu machen und das nötige Gefühl für die richtige Drehzahlanpassung für ein ruckfreies Zurückschalten zu gewinnen.· Als nächstes einen Wedelkurs mit Pylonen abstecken. Als Pylone eignen sich halbierte alte Tennisbälle. Bewährter Abstand: 15 große Schritte von Pylon zu Pylon. Diese Strecke durchfährt man im Zweiten mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Wichtig ist der schnelle Schräglagenwechsel.Ist keine abgesteckte Strecke möglich, lassen sich zumindest plötzliche Ausweichmanöver simulieren, immer mit möglichst rascher Rückkehr auf die alte Spur. Dazu Markierungen auf der Fahrbahn suchen - etwa Kanaldeckel oder Belagflecken -, vor denen man so spät wie möglich, aber ohne die Marke zu berühren ausweicht.· Neue Sicherheit vermittelt es schließlich auch, auf dem Motorrad bei Geschwindigkeiten so um die 50 regelrecht herumzuturnen. Allerdings hat das die Polizei gar nicht so gern, deshalb nicht auf öffentlichen Verkehrsflächen üben. In Betracht kommen: in die Fußrasten stellen, dabei leichte S-Kurven fahren; im Stehen rechtes und linkes Bein im Wechsel seitlich und schräg nach hinten abspreizen; beide Beine auf die gleiche Seite nehmen und im Damensitz auf dem Motorrad sitzen, ebenfalls wechselseitig; auf der Sitzbank knien.· Wer noch zu einer letzten Übung Lust hat, kann sich im extremen Langsamfahren üben, das ist fahren deutlich unter Fußgängergeschwindigkeit. Damit tut man sich wirklich etwas Gutes in puncto Koordinationstraining und Feinmotorik! Nicht umsonst - das zeigt sich immer wieder - sind die wirklich schnellen Fahrer auch beim extremen Langsamfahren ein bißchen besser als die anderen. Nächste Folge: Mentales Training.
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