Spiegel-Tipps: Mentales Training (Archivversion)

Denken und Lenken

Professor Dr. Bernt Spiegel, Psychologe und Senior-Instruktor des Perfektionstrainings, sagt, warum mentales Training vor Stürzen und Unfällen schützt.

Mental trainieren heißt: einen Handlungsablauf oder eine Verhaltensweise nicht körperlich-real, sondern gedanklich vollziehen; gern benutztes Schlagwort: »Training im Kopf«. Mentales Training ist in so hochprofessionellen Bereichen wie dem Spitzensport oder der Raumfahrt heute nicht mehr wegzudenken.Die bekannteste Anwendung im Motorsport dürftedas geistige Trainieren des Streckenverlaufs sein. Der Fahrer läßt die Strecke durch »Abspielen eines Handlungsfilms« wie auf einer inneren Leinwand -zusammen mit seinen Empfindungen und den jeweils dazugehörigen Handlungen - gedanklich ablaufen. Gut Trainierte »fahren« ziemlich genau die gleichen Zeiten wie in Wirklichkeit. Joe Dunlop, der 22fache Sieger der Tourist Trophy auf der Isle of Man, verblüfft seine Fans durch sekundengenaue, haarkleine Beschreibung des 61 Kilometer langen und für Außenstehende schier unbegreiflichen Straßenkurses. Das Thema Renntraining interessiert uns freilich in diesem Zusammenhang weniger, aber eines können wir aus dieser Zeitgleichheit lernen: Ein kurzes Darandenken an ein bevorstehendes Ereignis oder an diese oder jene Einzelhandlung stellt noch kein mentales Training dar, sondern es kommt auf ein kontinuierliches »Sich-Hindurchdenken« an - Schritt für Schritt, möglichst anschaulich und realistisch und in einem ähnlichen Zeitablauf wie in der Realität. Je entspannter der Trainierende sich dabei fühlt, desto erfolgreicher wird das mentale Training sein. Es ist deshalb kein schlechter Vorsatz, abends vor dem Einschlafen mental zu trainieren. Welche Situationen bieten sich am ehesten an? In erster Linie solche, bei denen es erwünscht ist, daß im Bedarfsfall ein Handlungsprogramm fix und fertig bereitgestellt wird, das blitzschnell komplett abgerufen werden kann. Häufig steht auch gar nicht die notwendige Zeit zur Verfügung, um sich die richtige Handlungskette zurechtzulegen und diese dann »abzuarbeiten«, denn es handelt sich dabei oft um Notsituationen. Als gutes Beispiel kann die Flucht ins Gelände herhalten, die nötig werden kann, weil die Straße plötzlich versperrt ist und der Bremsweg nicht reicht. Oder wenn einem wegen grober Schätzfehler »die Straße ausgeht«. Es genügt nicht, daß wir wissen, wie das geht: erstens voll bremsen, zweitens Bremse vor Verlassen der Fahrbahn aufmachen, drittens sich zugleich aufstellen, dabei Gewicht nach hinten verlagern, viertens vorsichtig weiterbremsen. Kupplung die ganze Zeit gezogen halten. Sondern wir müssen die Handlungskette als Automatismus draufhaben. Nun hat die Flucht ins Gelände immerhin noch den Vorzug, daß man sie gelegentlich etwa bei einem Fahrertraining halbwegs real üben kann - wenn auch aus Sicherheitsgründen nur mit reduziertem Tempo. Es gibt jedoch einige Situationen, die viel zu gefährlich sind, als daß sie ein vernünftiger Mensch je freiwillig ausprobieren würde. Deshalb geht da nur mentales Trainieren. Beispiel: das richtige Verhalten bei einem Aufprall auf einen Pkw, der die Vorfahrt genommen hat. Es kann tödlich sein zu versuchen, sich gegen den Lenker zu stemmen, um das Unheil noch irgendwie abzuwenden. So sieht leider das übliche Verhalten bei diesem häufigen Unfalltyp aus. Richtig ist Aufspringen, damit der Kopf möglichst hoch über das Hindernis kommt; ein Überflug ist nichts Angenehmes, aber er hat schon so manchem das Leben gerettet und endet tausendmal besser als der platte Aufprall, der nahezu aussichtslos ist. Wer das nicht oft genug mental durchgespielt hat, hat im Ernstfall wenig Chancen.Weitere Beispiele für nur mental trainierbare Situationen: das ganz bewußte Legen des Motorrads, auch über die häufig nur vermeintlich schon erreichte Schräglagegrenze hinaus, wenn man dadurch in einem Kurvennotfall die Gegenfahrbahn vermeiden kann. Oder das ganz bewußte »Ablegen« des Motorrads, wie es beschönigend gern genannt wird, indem man eine leichte Kurve einleitet und nahezu gleichzeitig hinten voll überbremst - aber bitte wirklich voll! Auch das kann das Leben retten, aber nur bei Fahrern, die das genügend oft mental - oder auch einmal real in der Kiesgrube - geübt haben.Es gibt natürlich auch angenehmere, harmlosere Dinge, die sich mental üben lassen, sogar während der Fahrt: etwa das allmähliche Scharfwerden auf Fluchtwege und auf Lücken, die man im Notfall nur dann im gleichen Augenblick findet, wenn man darauf mental »abgerichtet« ist. Nächste Folge: Drinsitzen, draufsitzen, locker werden.Der Verfasser hat sich in seinem Buch »Die obere Hälfte des Motorrads« ausführlich mit dem mentalen Training auseinandergesetzt. Zu beziehen im MOTORRAD-Shop.
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