Streckensperrung Teutoburger Wald (Archivversion)

Westfälischer Unfriede

Ausgerechnet eine der raren Serpentinenstraßen Norddeutschlands belegte der Kreis Steinfurt kürzlich mit einer Streckensperrung. Da heißt es wieder mal: trotzig sein.

Wer einen echten Westfalen mit einer Neuerung konfrontiert, der muß erst mal mit einem »Nein« rechnen. Heinrich Bienhüls ist ein echter Westfale, wohnhaft in der 2000-Seelen-Gemeinde Westbevern-Vardrup, doch er hat unlängst ein Ding erlebt, dem mit dieser gemäßigten Trotzreaktion allein nicht mehr beizukommen war. Da hatte sich der engagierte Fahrlehrer Anfang August mal just eine Woche fortgebildet. Und was mußte er nach seiner Rückkehr entdecken? Die von ihm auch als Schulungsstrecke geschätzte Kreisstraße 31 zwischen Lienen und Bad Iburg, nahe Osnabrück an der Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen gelegen, war gesäumt von Verbotsschildern. An Samstagen, Sonn- und Feiertagen für Motorräder gesperrt.»Nein, das gibt’s doch gar nicht«, entfuhr es Bienhüls, und noch während dieses im weiten Münsterland selten gehörten Redeschwalls schwor er sich, gegen das Verbot anzugehen. Gleich mehrfach fühlte er sich von dem Behördenakt betroffen. Erstens als Ausbilder, der auch an Samstagen von seiner Fahrschule im platten Telgte mit Zweirad-Schülern anreiste, um die kurvenreiche Strecke zu nutzen. Zweitens als Motorradfahrer, der seit über 30 Jahren bemüht ist, nicht dumm aufzufallen und andere zu provozieren. In aller Unschuld also zählt Bienhüls die K 31 auf ihrem - sogar mit Serpentinen geschmückten - Weg über die letzten Ausläufer des Teutoburger Waldes auch zu seinen persönlichen Hausstrecken. Einfach zum Schwingen. Und für die Schüler wahrhaft lehrreich: »Wo gibt’s denn sonst bei uns Kurven, die zumachen und die man so eng und langsam fahren muß?« fragt er ratlos.Bienhüls legte also beim Kreis Steinfurt Widerspruch gegen die zunächst bis 31. Oktober befristete Sperrung ein. Was den 54jährigen besonders erbost: »Andere Maßnahmen wie verstärkte Polizeikontrollen hat’s hier nie gegeben.« Das haben ihm auch Anwohner bestätigt, die sich seit langem über einige Raser aufregen, deren Ruf nach verstärkter Präsenz der Ordnungshüter aber ungehört verhallte. Das jetzt gesperrte, vier Kilometer lange Teilstück der K 31 gehört zur Verbindung Lienen - Bad Iburg, hat aber noch attraktive Zufahrtswege aus anderen Richtungen. Andererseits zählt es zu einer Rundstrecke, die eine weiter südlich verlaufende kurvenreiche Verbindung zwischen den beiden Orten komplettiert. »Und da hat es wohl tatsächlich einige Verrückte gegeben, die auf dieser Rundstrecke oft viel zu schnell gefahren sind«, weiß Bienhüls.So wunderte er sich nicht, als vor einigen Monaten selbstgemalte Schilder vor den Höfen von Holperdorp auftauchten. »Keine Motorradrennen« oder »Wir wollen keine Raser« stand darauf zu lesen, und Bienhüls hat durchaus Verständnis für die Leute. »Aber«, ergänzt er, »ich kann doch nicht für die Sünden einer verschwindend kleinen Minderheit büßen.« Dann verweist er auf einen Artikel aus der Neuen Osnabrücker Zeitung, der beschreibt, wie die Polizei im benachbarten Kreis Osnabrück vorgeht. »Die haben auf ähnlichen Strecken Kontrollen durchgeführt und bereits einen drastischen Rückgang der Vergehen verzeichnet. So muß das gehen.« Der Kreis Steinfurt dagegen habe nicht einmal versucht, die in einer mündlichen Begründung angeführten Lärmbelästigungen zu prüfen. Auch der zweite Punkt, die Unfallzahlen, taugt nach Bienhüls’ Meinung wenig: »Bei ganzen vier Unfällen waren Motorradfahrer im letzten Jahr beteiligt.«So darf also vermutet werden, daß letztlich die Beschwerden einiger Anwohner reichten, um die Motorradfahrer tageweise auszusperren. Wieso aber dabei noch Scherze auf dem Rücken der Biker ausgetragen werden, bleibt wohl ewig das Geheimnis der lokalen Behörden: Obwohl das Verbot nur an Wochenenden sowie Feiertagen gilt, prangt mitten im Ort ein Verbotsschild mit dem lapidaren Satz: Zufahrt bis Hallenbad frei. Unkundige Kradler, die unter der Woche gemütlich ihre Runde drehen - oder womöglich einen Holperdorper besuchen möchten - kehren also ratlos um.Heinrich Bienhüls freilich bestärkt dieser Unsinn nur in seinem Zorn. Über die Bundesarbeitsgemeinschaft der Motorradfahrer (BAGMO) hat er sich informiert, wie gegen Streckensperrungen vorzugehen ist, ein erfahrener Anwalt wurde ihm dort ebenfalls vermittelt. Und weil Westfalen nicht nur trotzig, sondern auch stur sein können, geht er voller Zuversicht in die Auseinandersetzung mit den Behörden. Einen Erfolg verbucht er bereits. Weil noch keine Geräuschmessungen stattgefunden haben, kann der Kreis das Fahrverbot im nächsten Frühjahr nicht einfach erneuern. Die Sperrer suchen verzweifelt nach den Argumenten, die ihnen die Motorradfahrer nicht liefern sollten.
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