Streetfightermesse Fighterama (Archivversion)

Ich rauche gern

Erfunden haben sie die Engländer. Die viel größere Streetfighter-Szene gibt es heute aber in Deutschland. Auf der Fighterama trifft sie sich einmal im Jahr, lässt’s ordentlich qualmen und feiert sich selbst.

Alkfrei kostet einen Euro, die Flasche Lager zwei. Gegen elf Uhr in einer berauschenden Samstagnacht bedeckt das Leergut den nackten Zementboden der verrauchten Halle fast knöcheltief. Dass da kaum eine Bleifrei-Pulle drunter ist, versteht sich von selbst. Die Stimmung ist entsprechend heiter. Vor der Bühne mit der Live-Band schunkeln sie an den Biertischen. Zwar trifft keiner mehr den Rhythmus der alten Whitesnake-Nummer, aber egal. Streetfighter-Fans sehen das nicht so eng.Rheinberg am Niederrhein, irgendwo zwischen Moers und Wesel: Zum zweiten Mal veranstaltet das Team von »Fighters«, dem Insider-Blatt der Szene, die Fighterama, die größte Streetfighter-Messe in Deutschland, wahrscheinlich sogar in Europa. Denn obwohl es ursprünglich ein paar Engländer waren, die aus der Not ihrer zerstürzten GSX-R die Tugend des billigen, weil einfach nur komplett gestrippten Streetfighters gemacht hatten, sind’s die Deutschen, die heute international im Straßenkampf den Ton angeben.»Diese geilen, steil gestellten Hecks gibt’s bei uns gar nicht«, sagt Blue Cundliff bewundernd. Er hat seine 900er-Kawasaki daheim auf der Isle of Man gelassen und ist mit Freundin Lorraine extra wegen der Fighterama rüber »to the Continent« gekommen. »Zum Gucken, Spaß haben und Teile kaufen.« Auch wenn’s am Ende bloß ein paar Miniblinker für seine Z 900 sein werden. Zum Gucken gibt’s jedenfalls genug: Über 120 Aussteller bieten hier vom Helm-Airbrush im Ich-bin-böse-Look über den Kunstfellbezug für den Tank bis zum kompletten Streetfighter im polierten Spondon-Alurahmen für rund 25000 Euro alles, was das Kämpferherz begehrt. GSX-R-Lampenverkleidungen im Gasmasken-Design zum Beispiel. Oder gleich eine komplette Lachgas-Einspritzung. Den stilisierten Schlagring, der Fetisch der Szene, tragen sowieso fast alle der am Ende rund 30000 Besucher der Wochenend-Messe. Entweder fett aufgenäht hinten auf der Bomberjacke oder dezent durch die Brustwarze gepierct. Dass man sich diesen Fetisch auf der Fighterama gleich live und in Farbe tätowieren lassen kann, ist so selbstverständlich wie die Leberknödelsuppe auf der Intermot. »Der Schlagring ist kein Aufruf zur Gewalt, er ist einfach bloß unser Logo«, sagt Marcus Broix, Messeorganisator und Verleger von »Fighters«.Flagge, wenn auch ohne Schlagring, zeigen hier selbst renommierte Hersteller und Tuner wie Bremsen-Spezialist Spiegler oder BMW-Experte Wüdo. Besonders der BMW-Tuner tut sich mit seiner eher bodenständigen Produktpalette schwer, auf der Messe aufzufallen. Was neben Szene-Größen wie Bimbo’s Fighters mit seinen CBR im Abgenagte-Knochen-Design kaum verwundert.Für Nachmittag, 16 Uhr, steht die Burnout-Show auf dem Programm. Die ist draußen und interaktiv, was heißt, dass auf der eigens dafür abgesperrten Fläche jeder, der will, seine Reifen nach Herzenslust vor einem johlenden Publikum vernichten darf. Der Reifen-Montageservice ist gleich daneben. So wie amerikanische Biker einst das »Show your tits« zum Kampfruf der Biker-Szene gemacht haben, ist’s hier ein vergleichsweise bescheidenes »Zeig uns deine Felge!« Tun manche dann auch.Nachdem die letzte Pelle mit Gestank und einem Trommelfell-zerfetzenden Paff übern Rhein gegangen ist, steht der Messe-Höhepunkt an: die Party. Streetfighters Samstagnacht, im Messe-Eintritt von sieben Euro bereits enthalten. Wegen ihr sind Wolle und Stefan von den Streetfighters Schwaben 600 Kilometer weit an den Niederrhein gefahren. »Weil’s einfach am geilsten ist! Die Bikes sind cool, und alle sind gut drauf.« Bis vier Uhr früh wird die Halle mit der Live-Bühne offen sein. Auf der stehen um 17 Uhr zwar noch die TÜV-Experten und klären per Mikrofon auf, warum Blinker schon irgendwie sein müssen. Doch eine obligatorische Pokalverleihung, eine Cover-Rock-Band und drei Stunden später interessiert die Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung keinen mehr. Wer jetzt noch in der Halle ist, der will’s wissen. Zum Beispiel, wie viel Bier er verträgt oder wann endlich die Erotik-Show los geht. Letztere bekommt sogar noch mehr Beifall, als es für die Burnouts gab, lässt dafür aber auch kein anatomisches Detail aus. In der Halle ist Männer-Überschuss, die meisten sind um die 30, viele tragen Tarnfleck und Springerstiefel. In der Luft liegen Promille. Trotzdem entschuldigt sich fast jeder, wenn er aus Versehen seinen Nachbarn anrempelt. Oder schmeißt ihn gleich lauthals lachend liebevoll ganz um. Programm gibt es längst keines mehr. Die Szene ist sich Programm genug.
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