Streit Pro Superbike/OMK (Archivversion)

Kraftmeier

Wer hat mehr Power im Kampf um die Macht in der Straßen-DM: Pro Superbike oder der Dachverband OMK? Der Ausgang des leidigen Streits ist ungewiß.

Der deutsche Superbike-Champion Christer Lindholm muß sich nach dem Ausstieg seines DNL-Ducati-Teams einen neuen Job suchen, bei Yamaha Deutschland ist das Engagement in der wichtigsten DM-Klasse fürs nächste Jahr noch in der Schwebe - nur zwei von vielen Punkten, die im Hinblick auf die Straßen-Inter-DM 1997 unklar sind. Am spannendsten ist allerdings die Frage, wie es mit der Meisterschaft überhaupt weitergeht. Mag sein, daß es nach wie vor eine DM-Serie gibt, mag sein, daß sich die Szene in zwei konkurrierende Lager spaltet. Ausschlaggebend für das gegenwärtige Tohuwabohu war der Beschluß der deutschen Motorradsport-Föderation OMK, die TV- und Marketingrechte an der DM ab 1997 nicht mehr wie bisher an die Pro Superbike-Initiative und deren Promoter Moto Motion zu vergeben, sondern auch andere Bewerber zuzulassen. Jetzt soll die am 18. November von der OMK als neuer Partner präsentierte DEWE-Mediengruppe und deren Firma Datavision für zunächst drei Jahre das Heft in die Hand nehmen und für eine Vermarktung sorgen, die den Verbandsoberen wesentlich besser gefällt als das hauptsächlich auf den Superbikes basierende Pro Superbike-Konzept. Bei DEWE, einer Multimedia-Firmengruppe mit acht Einzelunternehmen, stehen die Superbike-Live-Übertragungen ebenfalls weiterhin im Mittelpunkt. Darüber hinaus sollen in jeweils einstündigen Magazinsendungen aber auch die anderen Inter-DM-Klassen 125 cm3, 250 cm3 und Supersport 600 sowie diverse Rahmenrennen ins Bild gerückt werden. Verhandlungen laufen derzeit mit dem Deutschen Sportfernsehen (DSF) und Eurosport. Desweiteren will DEWE einen umfangreichen Service aus einer Hand bieten: von intensiver Pressebetreuung über Transponder-Zeitnahme bei allen Rennen und einheitlichem Ticket-System bis zur Unterstützung und Beratung der einzelnen Veranstalter. Kostenpunkt pro Saison: zwischen drei und vier Millionen Mark. Das Konzept klingt gut, läßt im Detail aber noch viele Fragen offen, vor allem die der Finanzierung. Um die Ideen umsetzen zu können, muß DEWE die Industrie und speziell die Partner der Pro Superbike-Initiative (JF Motorsport, Kawasaki, Metzeler, Michelin, Pirelli, Suzuki, Yamaha) mit den Spitzenteams ins Boot bekommen. Doch die DEWE-Pläne haben die Pro Superbike-Mannen bislang nicht besonders überzeugt. Sie stehen weiter hinter ihrem langjährigen Partner, Moto Motion-Chef Franz Rau, und wollen1997 ihre eigene Rennserie inszenieren - unabhängig von der OMK. Nach Scheitern eines von Yamaha angeregten Vermittlungsgesprächs am 14.November zwischen der Industrie und Moto Motion auf der einen und der OMK auf der anderen Seite haben sich die Fronten weiter verhärtet, und das Tuch zwischen Franz Raus Firma und dem nationalen Dachverband ist endgültig zerschnitten. Bei der Antwort auf die Frage, warum die OMK nicht mehr mit Moto Motion zusammenarbeiten will, kommt Generalsekretär Werner Haupt richtig in Fahrt. Da fällt dem Häuptling der Frankfurter OMK-Zentrale eine lange Liste von Negativpunkten ein. Stichpunkte sind der Pro Superbike-Boykott des DM-Rennens im Mai am Nürburgring oder die mangelhafte Zeitnahme in Most. Um die mangelnde Kooperationsbereitschaft von Moto Motion zu verdeutlichen, sagt Haupt, man habe der Firma Ende September nach der Kündigung der bisherigen Vereinbarung gebeten, Vorschläge für eine weitere Zusammenarbeit zu machen. Als Antwort sei ein nicht diskussionswürdiger Forderungskatalog gekommen, nach dem Pro Superbike wesentliche Punkte wie Terminkalender, Rennstrecken, Ticket-System und technisches Reglement künftig selbst bestimmen will. Franz Rau kontert natürlich in der Sache und reklamiert die erfolgreiche TV-Vermarktung der Superbike-DM zu Recht für sich und die Pro Superbike-Initiative, die dafür seit 1991 nach eigenen Angaben rund zehn Millionen Mark investiert hat: »Nicht die OMK, sondern wir haben aus einem Ruderboot mit Schlagseite ein Flaggschiff gemacht.« Man kann den gegenwärtigen Streit durchaus auch auf zwei Personen konzentrieren: OMK-Vizepräsident Dieter Herz und Franz Rau. Auf der einen Seite der Sohn des ehemaligen NSU-Werksfahrers und Weltrekordlers Wilhelm Herz, im Hauptamt Berufsschullehrer und im Ehrenamt ein geradliniger, eher konservativer Funktionär. Auf der anderen Seite der ehemalige Rennfahrer Franz Rau, ein innovativer, durchaus auch risikofreudiger Unternehmer mit Ecken und Kanten, der schon bei manchem Geschäftspartner Porzellan zerschlagen hat - auch bei Herz und dessen Badischem Motorsportclub. Daß sich die beiden nicht mögen, ist ein offenes Geheimnis in der Szene. Wie das Kräftemessen der zerstrittenen Parteien ausgeht, ist derzeit nicht zu erkennen. Die DEWE-Mediengruppe hat ein gutes Konzept vorgelegt, kann bislang aber weder die Industrie noch andere Sponsoren präsentieren, die das Budget für 1997 decken. Dazu Sven Hohnecker von Datavision: »Wir geben zu, es wird fürs erste Jahr Probleme mit der Finanzierung geben, doch wir stehen für das Budget gerade.« Andererseits wird Pro Superbike bei der Organisation einer eigenen Serie heftiger Gegenwind der OMK ins Gesicht blasen. Die Verweigerung von Fahrerlizenzen und das Blocken von Rennstrecken und Veranstaltern sind die schwersten Geschütze, die der Dachverband auffahren kann. Laut OMK-Pressemitteilung vom 25. November stehen alle Inter-DM-Veranstalter hinter dem DEWE-Konzept. Was sich allerdings relativiert, wenn man bei Ulrich Knipp, dem Veranstalter des diesjährigen DMV-Siegerlandpreises am Nürburgring, nachfragt. Knipp, im übrigen Mitglied in der OMK-Sportkommission, will erst noch prüfen, welches Konzept für seinen Club das bessere ist. Das letzte Wort in dieser leidigen Sache ist sicher noch lange nicht gesprochen. Obwohl die Zeit drängt und in gut vier Monaten die neue Saison beginnen soll, existieren bislang weder Fernsehverträge noch Terminkalender. Einig sind sich viele Protagonisten aus beiden Lagern nur darin, daß zwei konkurrierende Serien auf Dauer ohne Chancen sind. Aber wie ist die drohende Spaltung zu verhindern? Womöglich muß die OMK am Ende gar einen hochpeinlichen Rückzieher machen. Vielleicht löst sich der gordische Knoten aber, wenn DEWE die Industrie mit einem finanziellen Zuckerl auf ihre Seite ziehen kann. Dann würde Franz Rau der tragische Verlierer sein und müßte sich nach neuen Betätigungsfeldern umsehen - wie Meister Christer Lindholm.
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