Streit um Jugendcross (Archivversion)

Kleinbürger

Der Deutsche Jugend-Moto Cross-Verband (DJMV) und die etablierten Motorradsport-Gralshüter streiten sich kleinlich um das Sorgerecht für den Moto Cross-Nachwuchs.

Wie heißt es doch so schön: Früh übt sich, wer ein Meister werden will. Wenn diese Redensart zur Zeit ihrer Entstehung wohl eher auf den beruflichen Werdegang gemünzt war, gilt sie mittlerweile längst für alle Bereiche des Lebens. Auch für den Sport. Denn ob Hänschen genug lernt, um als großer Hans einmal auf dem Siegerpodest zu stehen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie früh er mit seinem Steckenpferd vertraut gemacht wird. Kein Problem im Fußball, Tennis oder Schwimmen. Örtliche Vereine kümmern sich in der Regel schon im Grundschulalter um die Nachwuchsstars. Schwieriger wird´s in weniger populären Sportarten, wo Eigeninitiative die Verbandsarbeit oft ersetzen muß. Wie bespielsweise im Moto Cross. So geschehen Anfang der achtziger Jahre in Deutschland. Während die ausländischen Jung-Crosser bereits damals mit fünf oder sechs Jahren ihre ersten Flugstunden hinter sich brachten, mußten die Jugendlichen hierzulande nach dem Sportgesetzen der Obersten Motorradsportkommission OMK bis zum Alter von 14 Jahren warten - offiziell wenigstens. Denn eine Inititiative Off Road-begeisterter Eltern schaffte Abhilfe. Unter dem Namen KS-Serie organisierten sie Moto Cross-Rennen, die ausschließlich Jugendlichen zwischen fünf und 16 Jahren vorbehalten waren. Bis heute mit beeindruckendem Erfolg. Von Pit Beirer über Bernd Eckenbach bis hin zu Andy Kanstinger stammen alle derzeitigen deutschen Top-Crosser ausnahmslos aus der inzwischen zum Deutschen Jugend-Moto Cross-Verband (DJMV) umfirmierten KS-Talentschmiede. Seit Anfang letzten Jahres ist es aber aus mit der kreativen Ruhe im DJMV-Lager. Denn die Jugend-Bewegung hat in ihrer Entwicklung eines übersehen. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihres Erfolgs ist sie mit eigenen Lizenzen, Statuten und Sportgesetzen den machtgewohnten Sportverbänden ADAC und DMV ein Dorn im Auge. Zumal die beiden OMK-Trägerverbände mittlerweile nachgezogen haben und das Einstiegsalter für den Moto Cross-Sport auf sechs Jahre absenkten - und den DJMV auf die schwarze Liste setzten. Doris Dorsch, Schwester des Ex-WM-Spitzencrossers Rolf Dieffenbach und derzeit Chefin der DJMV-Truppe, kann davon erzählen: »Auf unsere DJMV-Meisterschaftstermine in Schnaitheim und Rudersberg wurden von den Verbänden wissentlich zwei Läufe zur württembergischen Jugend-Meisterschaft gelegt.« Will heißen: Der etwas teilnehmerschwachen OMK-Jugend-Serie sollte aus dem mehrere Hundert Jugendliche starken Fundus des DJMV auf die Sprünge geholfen werden. Und nicht nur dies. Auf der jährlichen Veranstaltertagung der OMK wurde den verbandseigenen Clubs gar von höchster Stelle nahegelegt, Amateurverbänden in Zukunft das Gastrecht zu versagen. Um dieses Ziel zu erreichen, läßt zumindest der ADAC die Muskeln spielen. Seine Vereine, in der Frage über finanzielle Zuwendungen oder der Vergabe von WM-Prädikatsläufen auf das Wohlwollen ihrer Obrigkeit angewiesen, machen gute Mine zum bösen Spiel und beugen sich den hoheitlichen Zielen - wenn auch verwundert und zähneknirschend. »Seit sich unser Jugendwart so einsetzt, hat die Zahl unserer aktiven Jugendlichen stark zugenommen. Doch engagiert sich dieser Mann genauso für den DJMV und erwartet natürlich Rückendeckung von unserem Club«, fühlt sich beispielsweise Sportleiter Hans Kern vom MSC Rudersberg durch diese Polarisierung in ärgstem Gewissenskonflikt. Eindeutig auf die Seite seines Verbands schlägt sich dagegen Werner Mann vom ADAC-Club RMC Reutlingen. »Der DJMV veranstaltet aus unserer Sicht wilde Rennen. Ein kontinuierliches Reglement, wie beispielsweise eine konstante Klasseneinteilung, fehlt«, erklärt der streitbare 52jährige, warum er dem DJMV die clubeigene Rennstrecke nicht mehr für dessen Veranstaltungen zur Verfügung stellen will. Doch genau dieser flexible, unkomplizierte Rahmen ist mit ein Grund, der die OMK-Crosser nicht nur in die Hände des DJMV, sondern generell in die Reihen der weiteren Amateursportverbände treibt. Wobei, genau genommen, den OMK-Oberen nichts besseres als die Aktivitäten des DJMV hätte passieren können. »Wir haben nicht die Absicht, unsere Jugendcrosser für immer im DJMV zu binden. Im Gegenteil. Spätestens im Alter von 16 Jahren wandern die Jungs in den Nachwuchspokal der OMK und später in die Deutsche Meisterschaft ab. Das ist doch unser Ziel«, bleiben Doris Dorsch die Feindseligkeiten der Verbände immer noch ein Rätsel. Verständlicherweise. Schließlich liefert ihre Organisation nicht nur Spitzenpiloten an die OMK, sondern reicht seit Jahren ihre Nachwuchstalente an die Junior-Teams des ADAC und DMV weiter. Daß die Verbände noch ein gehöriges Stück von einer koordinierten Jugendarbeit im Stil des DJMV entfernt sind, beweist die jüngste Entwicklung. Parallel zur bereits bestehenden Jugend-DM installiert der ADAC 1996 unter Protest des DMV einen sogenannten ADAC-Moto Cross-Junior-Cup. Und beweist nicht allein dadurch, worum es sich im Kampf um die Pfründe des Jugendcross eigentlich dreht: um Machtdünkel und Profilierungssucht der etablierten Sportverwaltung. Denn letztlich wird der DJMV ohne selbständige Clubs und eigene Strecken gegen die hierarchisch und straff strukturierte Motorradsport-Verwaltung einen äußerst schweren Stand haben. Doch egal, wer letztlich das Sorgerecht um die Cross-Youngster an sich reißen wird, der Verlierer steht jetzt schon fest - der deutsche Moto Cross-Nachwuchs.
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