Stuntfrau Daniela Stein (Archivversion)

Eine Frau für alle Fälle

Sie sieht aus wie ein Engel, fährt aber wie der Teufel. Wenn Regisseure das Unmögliche wollen, ist Daniela Stein dran. Jeder hat sie schon gesehen, doch keiner kennt sie. Das ändert sich jetzt.

Das Seil, das sich gerade noch auf dem schneebedeckten Feldweg geringelt hat, spannt sich mit einem Ruck. Millimeter bevor der Crosser mit einem Mitsubishi zusammenkracht, wird er blitzartig abgebremst. Das Motorrad fällt ohne größere Blessuren um - Daniela Stein schlägt unsanft auf der Kühlerhaube ein, rollt sich dann geschickt ab und flucht leise. »Das war«s noch nicht.« Als sie die Polster unter ihren Jeans zurechtrückt, klimpern ihre Glückspfennige in den Schnee. Sie stopft sie wieder in die Hosentasche und probiert«s gleich noch mal für MOTORRAD. Obwohl die Fotos im Kasten sind. »Das mache ich für mich. Es muß richtig klappen, sonst behalt ich«s in schlechter Erinnerung.« Mit der gleichen Hartnäckigkeit verdingt sich Daniela Stein seit acht Jahren als Stuntfrau. Wenn die Kamera läuft, stürzt sich die gelernte Sportlehrerin aus Fenstern, fällt Treppen runter, überschlägt sich mit Autos, wird von Betrunkenen angefahren, geht in Flammen auf oder kracht mit dem Motorrad gegen ein Auto. Kein stinknormaler Beruf. Besonders nicht für Frauen, von denen sehr wenige in Deutschland Kopf und Kragen als Schauspieler-Double riskieren. »Das ist mein Traumjob«, sagt Daniela Stein. »Mit 14 habe ich zum ersten Mal erzählt, ich werde Stuntfrau.« Schon als Kind war sie mutiger als ihre Freunde, empfand beim Ski-Springen nie Angst, sondern Lust, mehr zu wagen. »Warum sollte ich nicht mein Geld damit verdienen, wenn«s mir so leicht fällt.« Aber zuerst mal zahlte sie kräftig Lehrgeld bei einem halbjährigen Kurs in einer Stunt-Schule. Weiterempfehlen kann sie die nicht. »Der Leiter war ein Spinner, der die Leute abzockt.« Ihr erstes Engagement bei einer Stunt Show in Bayern brachte auch nicht das ersehnte Glück: »Das ging auf die Knochen, war schlecht bezahlt. Und weil du ständig das gleiche machst, wirst du leichtsinnig.« Also nichts wie zum Film. Zuerst nach München, wo sich, wie sie fand, zu viele Schickimickis tummelten. Dann nach Berlin. Dort läßt sie sich seit einigen Jahren beim Stunt Team Buff Connection nicht mehr bluffen. Ihren Kollegen Leo Plank und Volkhart Buff vertraut sie. »Wenn du bei einer Actionszene mit dem Auto direkt auf einen Menschen zurast und sollst nur ein paar Zentimeter vor ihm anhalten, und der steht vor einer Mauer, dann müssen sich beide hundert Prozent aufeinander verlassen.« Deshalb halten sich blinde Draufgänger oder bloße Muskelprotze auch nicht lange im Job. Übrig bleiben eher die ruhigen, besonnenen Typen, die sich selbst einschätzen können. Vor allem bei Autoüberschlägen, die technisch kompliziert über Schienen und Rampen gefahren werden, hilft bei der Vorbereitung nur Berechnung, Erfahrung. Und die richtige Ausrüstung, die die Buff Connection Francois Doge, einem Spezialisten für Autostunts, der schon bei James Bond-Filmen mitmischte, abkaufte.Köpfchen eben. »Guck dir die zwei Milchbubis doch an«, scherzt sie und deutet auf ihre durchtrainierten Mitstreiter Leo und Volkhart. »Sie hat ein breiteres Kreuz als wir«, kommt prompt die Retourkutsche. »Und sie ist gnadenlos.« Leo muß es wissen. Schließlich sind die beiden seit fünf Jahren ein Paar.Wobei Daniela das gar nicht so ideal findet. »Ich habe einfach Schiß um ihn. Ich hasse es total, wenn ich bei einem Stunt von ihm zugucken muß.« Verständlich. Denn die Beziehung lief von Anfang an nicht in wohlgeordneten Rollen-Bahnen. »Jeder sagt, ach dein Freund ist Stuntman. Dann bist du halt so dazugekommen.« Pustekuchen. Andersrum stimmt«s. Und wie sieht´s Leo? Der ist voll des Lobes: »Sie setzt sich durch.« Frauen haben«s eben auch in diesem Job nicht immer leicht. Da sagen Regisseure schon mal, nur nicht so heftig, das ist doch nur »ne Frau. Aber Daniela Stein stört´s nicht: »Weil ich weiß, daß ich«s kann. Wenn ich vorher skeptische Blicke ernte, dann denke ich mir, denen zeig´ ich«s.« Eine knallharte Frau, die sich nie selbst in Frage stellt? Nein. Zweifel kommen ihr schon: »Manchmal überlege ich, ob ich mir nicht zuviel zumute. Aber bei Männern ist es, glaube ich, nicht anders. Die geben´s nur nicht zu.« Der kleine Unterschied scheint nicht sehr groß. Selbstüberschätzung ist der schlimmste Feind in diesem Job: »Halbherzig funktioniert kein Stunt. Wenn du mal angefangen hast, gibt´s kein Zurück mehr.« Stürze kosten Daniela Stein jedes Mal Überwindung. Obwohl sie besonders stolz darauf ist, daß ihr niemand die Nervosität und Anspannung vor dem bodenlosen Fall in aufeinander gestapelte Pappkartons anmerkt. Und sie ein besonderes Faible dafür hat, rückwärts aus Fenstern zu fallen. Was Leo kalte Schauer über den Rücken jagt: »Sprünge sind schwierig. Wenn du einen Moment zögerst und nicht gut abspringst oder dich nicht richtig in der Luft drehst, kannst du schon blöd aufkommen. Da gibt´s auch die meisten Verletzungen.« Nicht bei der Buff Connection. »Bei uns ist alles sorgfältig geplant.«Trotzdem bleibt ein Restrisiko. So sehen´s jedenfalls die Unfallversicherungen. Obwohl in acht Jahren nichts Folgenschweres passierte, findet Daniela Stein keine unter 5000 Mark Prämie im Monat. Indiskutabel. Wer längere Zeit ausfällt, hat als Freiberufler eben Pech. Was reizt sie an einem Job, der kaum bürgerliche Sicherheiten bietet? »Ich bin nicht süchtig nach Gefahr. So mit 20 habe ich vielleicht noch den Adrenalinschub gebraucht und wollte mich selbst beweisen. Aber wenn du´s ein paar Jahre machst, ist es einfach dein Beruf. Und dabei gibt´s immer Höhen und Tiefen. Wenn du oben auf einem Haus stehst, denkst du, was mache ich nur für einen Scheiß. Wenn du unten angekommen bist, denkst du, das ist ein geiler Job.«Für den sich frau fithalten muß. Mit Power Dance im Sportstudio, beim Windsurfen auf tosenden Meeren. Oder mit Moto Cross. »Danach bin ich wirklich süchtig. Das ist das beste Konditionstraining. Nach einigen Runden bin ich völlig fertig. Auch für die Koordination ist es super. Jeder Muskel wird trainiert. Und wenn´s dich mal hinhaut, übst du gleich Fallen und Abrollen.«Aber Körperbeherrschung allein reicht nicht aus. »Ich bin gut. Ich verletze mich nicht«, sagt Daniela Stein selbstbewußt. Das stimmte auch. Jahrelang stürzte sie mit traumwandlerischer Sicherheit ab. Doch dann war´s plötzlich soweit. Ohne daß sie was dafür konnte: Sie saß in einem Auto, dessen Fensterscheibe durch eine Sprengladung zerbarst. Teile der Zündkapsel durchschlugen ihr Helmvisier, und die Splitter drangen zwischen den Augen in die Nasenwurzel ein. »Ich hätte blind werden können. Im Endeffekt war´s nicht schlimm. Aber am Anfang habe ich gedacht. Das gibt´s doch nicht. Ich bin doch unverwundbar.«Ein Schock. Aber einer, den sie überwand: »Vor schwierigen Stunts sehe ich immer einen Leichenwagen. Dann weiß ich, es klappt.« Daniela Stein glaubt an Wiedergeburt, beschäftigt sich mit Mystik und Esoterik. »Ich bin ein bißchen abergläubisch. Aber ich nehme solche Sachen nicht allzu ernst. Das ist so eine Art Spiel, das ich mit mir spiele. Vielleicht suche ich so ´ne Art zusätzlicher Sicherheit.« Dabei lauern nicht bei jedem Auftritt Gefahren. Ab und an müssen Stuntleute einfach hinfallen oder baden gehen. »Das ist erniedrigend. Als Schwimmdouble im Winter habe ich gefroren wie ein Schwein. Die Schauspielerin hätte sich ja erkälten können. Aber ich bin auch ein Mensch. Außerdem kann jeder rumplanschen. Und niemand würdigt dann deine Arbeit.«Mehr Anerkennung. Das könnte sie gut brauchen. Denn in Deutschland zählt Action beim Film immer noch nicht viel. »Ein Dialog mit Schauspielern wird einen ganzen Tag lang gedreht, und der Stunt soll dann oft nach stundenlanger Warterei in fünf Minuten drin sein«, klagt sie. Immer wieder finden sich Leute, die für wenig Geld alles hopplahopp hinschludern und schon mal Kameras zu Bruch fahren. Gegen diese unnötige Konkurrenz schützt keine Gewerkschaft und kein Berufsverband. Trotzdem: »Die acht, neun professionellen Stuntteams in Deutschland haben ganz gut zu tun.« Dabei behaupten durchaus bekannte Schauspieler, sie werden gar nicht gedoubelt. »Manche denken eben, daß man ihnen die Show stiehlt.« Was nicht sein kann. Schon weil das Gesicht des Doubles nie im Film auftaucht. »Genau das ist doch das Leid der Stuntleute, daß sie immer im Hintergrund bleiben.«Wer Lust hat, die Buff Connection in vordergründiger Aktion zu sehen, kann sich die Serien »Die Straßen von Berlin« auf RTL, »Freundinnen« und »Mona M.« im ZDF anschauen. Oder die neuen Kinofilme »Männerpension« von Detlev Buck und »Ex« von Marc Schlichter. Und wie soll´s weitergehen? Schließlich arbeiten Stuntleute ständig auf ihren Abgang hin, weil der Druck irgendwann zu groß wird. »Es gibt Ältere, so um die 40, die können zwei Nächte vorher nicht schlafen. Das ist das Traurige. Wenn du endlich genug Erfahrung hast, bist du körperlich und psychisch nicht mehr in der Lage. Das ist zwar frustrierend, aber gegen das Altern kann man nichts machen.«Deshalb will die 29jährige auch aufhören, wenn´s soweit kommt. Vielleicht ein kleines Windsurfer-Hotel irgendwo am Strand bauen. Oder ein eigenes Drehbuch schreiben, auf jeden Fall weiterhin malen. Klingt beschaulich. Doch dann kommt´s: »Ich möchte unbedingt noch mal einen Formel Eins-Wagen fahren.«
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