Super-Moto-DM in Stuttgart (Archivversion)

Hoffnungs-Träger

Die beiden Führenden der Internationalen Deutschen Super-Moto-Meisterschaft waren abkommandiert zum WM-Lauf nach Belgien. Grund genug für die Verfolger, sich Chancen auf das Treppchen auszurechnen.

KTM-Pilot Jürgen Künzel stützt seinen Kopf auf die Hand. Schaut erst nachdenklich, dann verschmitzt. »Klar«, sagt er, »ich werde die Chance nutzen.« Das Ziel, von dem er spricht, ist die Führung in der Internationalen Deutschen Super-Moto-Meisterschaft. Der Schwabe, einziger deutscher Vollprofi im Feld der Quertreiber, liegt vor dem Stuttgarter Rennen mit 47 Punkten Rückstand auf den führenden Belgier Eddy Seel auf Platz zwei. Dieser startet jedoch, genau wie der derzeitige Meisterschaftsdritte, der Österreicher Klaus Kinigadner, beim WM-Lauf in Belgien. Künzel könnte mit einem Doppelsieg die Führung übernehmen. Doch nicht nur er sieht gleißendes Licht am Ende des Erfolgstunnels. Auch Husqvarna-Pilot Achim Trinkner, Vierter im Klassement, der wieder erstarkte Harald Ott und Stoppie-King Meik Appel wittern ihre Chance aufs Treppchen. Dies steht zum ersten Mal zentral in einer Stadt. Austragungsort des vierten Laufes zur Super-Moto-Meisterschaft ist der Cannstatter Wasen, Baden-Württembergs bekanntester Festplatz mitten in Stuttgart. Eine Premiere und Test zugleich. Bislang wurden die Rennen auf abgelegenen Flugplätzen oder Rennkursen gestartet. Das Gebrüll angriffslustiger Einzylinder hallte niemals von beseelten Wohngebieten wider. Aber es kristallisiert sich zu einem Lockruf heraus. Vor rund elftausend begeisterten Zuschauern degradieren die Quertreiber auf dem 1480 Meter langen Kurs Fahrschultheorie und Physiklehrbücher zu purem Nonsens.Zerschraddeln hoch positionierte Fußrasten wie Wunderkerzen und verbannen gelobte Formel-1-Beschleunigungen ins Reich der Lächerlichkeit. Schon am Samstag balgen sich 31 Recken im freien Training um jede Hundertstelsekunde. In Zeiten um 1.18 Minuten und mit einer Topspeed jenseits von 150 km/h schleudern sie ihre Bikes um den Kurs. Dieser weist einen Offroad-Anteil von 200 Meter auf. Jürgen Künzel lässt es zunächst besonnen angehen, liegt am Abend auf Position sieben. Meik Appel und Achim Trinkner führen das freie Training an. Kleine Überraschung: der erst 19 Jahre alte Husqvarna-Drifter Bernd Hiemer. Dabei besticht vor allem die Eleganz, mit der der älteste Sprößling einer Moto-Cross-Dynastie schnelle Zeiten auf die Piste zaubert: Spät gesetzte Bremspunkte, weiche Übergänge, immer vollen Schwung mit durch die Kehre nehmend. Bernd swingt. Während die meisten seiner Kontrahenten rocken. Und das mit einer unbefangenen, jugendlich-frischen Leichtigkeit, die an den Sonnyboy der MotoGP, Valentino Rossi, erinnert. Von dessen Erfolgen ist er jedoch noch weit entfernt. Das Zeittraining am Sonntagmorgen spricht eine klare Sprache. Lokalmatador Jürgen Künzel legt mit seiner 690er-Werks-KTM mit 1.10,726 Minuten die Latte hoch und unterstreicht einmal mehr seinen Hunger nach Erfolg. Harald Ott und Meik Appel reihen sich dahinter, Pechvogel Trinkner wird vom Plattfußteufel erwischt und landet auf Platz neun. Und Bernd Hiemer zementiert mit der sechstschnellsten Zeit, dass durchaus mit ihm zu rechnen ist. Um Punkt 13.30 Uhr ist es so weit. Einschüchternder Wolken, Startflagge, brüllende Motoren, Pulschläge wie Presslufthämmer. Eine Woge pures Adrenalin entweicht Zuschauern und Fahrern gleichzeitig. Die letzten fünf Sekunden sind angebrochen, die Blicke der Piloten verkrallen sich am Ende der 200 Meter langen Start- und Zielgeraden. In der Kurve, die über alles entscheidet. Denn wer danach vorn ist, hat die besten Chancen. Überholen ist schwierig. Noch einmal läuft der Bewegungsimpuls wie eine Yogaübung durch die Köpfe. 75 PS, sechs Gänge, Durchbeschleunigen. Bei 150 km/h zwei Gänge runterschalten und mit 60 Grad Schräglage quer durch die Kurve surfen. Dagegen mutieren die Könige der Rennstrecke in der MotoGP mit ihren 50 Grad fast wie Anfänger. Beim Super-Moto ist der Übergang vom Brems- in den Beschleunigungsdrift fließend und wirkt auf Gelegenheitsbiker wie die Landung eines Ufos. Ist für die Stars der Super-Moto-Szene reine Routinesache. »Nur eine Frage der Hinter- und Vorderradbremse, Kupplung, Gasgriffstellung und des Lenkimpulses«, sagen sie. Alles klar, Jungs. Das Knifflige an der Sache ist nur, dass fast alle Hebel dabei gleichzeitig bedient werden müssen.Die Flagge fällt, ein Orkan tobt in die erste Kurve, niemand muss zu Boden. Jürgen Künzel ist in Führung. Harald Ott ihm dicht auf den Fersen. Gefolgt vom Belgier Eric Delannoy. Aus dem Grau des Himmels lösen sich riesige schwarze Wolken heraus. Die Stars haben ausnahmslos auf Slicks gesetzt. Unter pechschwarzem Himmel ringen Künzel und Ott um den ersten Platz. Trinkner liegt an achter Stelle und versucht vergeblich am Schweizer Urgestein, dem 39-jährigen Beat Gautschi, vorbeizukommen. In der fünften Runde flutscht Ott an Künzel vorbei, dieser bremst ihn jedoch gleich wieder aus. Nieselregen setzt ein. Ott bleibt am Hinterrad von Künzel, attackiert ständig und geht kurz nach Start und Ziel vorbei. Doch Künzel setzt alles auf eine Karte und seine Bremspunkte trotz des beginnenden Nieselregens später. Dieser ist der Grund, warum das Rennen eine Runde vor Schluss zur Sicherheit der Fahrer abgebrochen wird. Zwischen Gewinner und erstem Verlierer liegen nur Zentimeter und ganze vier Hundertstelsekunden. Künzel gewinnt den ersten Lauf vor Harald Ott und Eric Delannoy. Achim Trinkner hat sich auf Platz sieben vorgearbeitet, Bernd Hiemer auf fünf. Hoffnung glimmt in aller Augen.Zweiter Heat, die Strecke ist abgetrocknet. Die Cracks setzen auf Slicks, rund ein Drittel der Drifter hat vorn Intermediate aufgezogen. Wieder ist es Jürgen Künzel, der den besten Start erwischt. Und wieder ist es Harald Ott, der ihm als Schatten folgt. Aber der Jubel der Zuschauer gilt in erster Linie Bernd Hiemer. Der Super-Moto-Neuling liegt auf Rang drei und schickt sich respektlos an, Harald Ott zu bedrängen. Aus dem Jäger wird ein Gejagter. Doch der Heidenheimer Fuchs macht sich breit wie ein Lkw, fährt jeden Zentimeter Kampflinie. Jungsporn Hiemer jedoch gibt nicht auf, »roadboardet« heißhugrig auf Sieg. Ein atemberaubendes Duell beginnt. Dabei war es gerade Ott, der dem jungen Husqvarna-Fahrer das Super-Moto-Fahren schmackhaft machte. Als beide sich im Winter vor zwei Jahren zum Training in der Halle trafen, und Hiemer, damals Moto-Crosser, spaßeshalber ein paar Runden auf dem Super-Moto-Kurs drehte, war er gleichauf mit Ott. Klar, dass er sich daraufhin mit den Besten messen wollte. Und es auch kann.In Runde acht presst er alles aus seiner Husky heraus, wirbelt am Lenkanschlag mit atemberaubender Schräglage durch den Schotter und geht im Sprung an Ott vorbei. Doch dieser macht zu, quetscht ihn in der nachfolgenden Linkskehre ein, Hiemer muss klein bei geben. Derweil baut Künzel seinen Vorsprung aus, Trinkner hat auf Platz fünf vorgekämpft und Eric Delannoy nähert sich den Kampfhähnen Ott/Hiemer. Hier treffen Fahrstil-Welten aufeinander. Otts Verbissenheit und Hiemers jugendliche Unbeschwertheit. Er fährt weicher als der Heidenheimer, schwungvoller, driftet schräger und ist später auf der Bremse. Doch nicht Eleganz zählt. In der letzten Runde verbeißt sich Eric Delannoy in Hiemers Rad, ein Dreikampf entbrennt. Als die Zielflagge fällt, jubelt Künzel als Erster. Ott wird Zweiter vor Hiemer und Delannoy. Jürgen Künzel fällt ein Stein vom Herzen. Er bekommt als zweifacher Laufsieger 50 Punkte gutgeschrieben und steht nun in der Meisterschaftstabelle ganz oben. »Ja, ja«, kommentiert ein Zuschauer lächelnd, »wenn die Katzen aus dem Haus sind, tanzen die Mäuse.« Egal. Es war ein schöner Tanz.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote