Superbike-WM auf dem A1-Ring/Österreich (Archivversion)

Vier Hochzeiten und ein Trauerfall

Im düsteren, nebelverhangenen, nassen steirischen Herbst bahnten sich neue oder bislang unbekannte Verbindungen an in der Superbike-WM, aber auch ein unverständliches Trauerspiel.

Colin Edwards und HondaSeine WM-Chancen schienen in letzter Zeit kaum zu interessieren. Denn immerhin lag Honda-Werksfahrer Colin Edwards auch nach seinem Doppelsieg in Brands Hatch schon über 60 Punkte hinter dem unantastbaren Carl Fogarty zurück.Vordringlicher erschien da der bevorstehende Umstieg des Texas Tornado in die 500er Grand Prix-Klasse. Mehrere GP-Teamchefs lockten den Wirbelwind, allen voran der fünffache Weltmeister Michael Doohan für sein neues Honda-Werksteam.Der junge Held selber hielt sich aus den Greüchten um den Wechsel weitgehend raus. »Ich habe den WM-Titel noch keineswegs abgeschrieben«, rückte Colin Edwards seine Prioritäten zurecht, »es sind noch acht Rennen, in denen ich 60 Punkte auf Fogarty gut machen kann.«Sprach’s und dominierte in Österreich zunächst einmal alle Trainingssitzungen. Noch bevor Edwards am Sonntagmittag das verrückteste Superbike-Rennen seit langem gewann, sorgte sein Castrol-Honda-Teamchef Neil Tuxworth für Klärung: »Colin Edwards wird weiter für Honda die Superbike-WM fahren. Honda hat ihm dieses Angebot gemacht, und Colin hat akzeptiert.«Frisch vermählt mit seinem alten Team ging der Texaner entsprechend mutig ans Werk. Mit nur ganz wenigen Profilrillen im Vorderreifen und einem Slick hinten startete er auf abtrocknender Fahrbahn unter bedrohlichen Regenwolken ins erste Rennen auf dem A1-Ring. Am Ende war er der Glücklichste in der Rutschpartie und Sturzorgie. Pierfrancesco Chili, Aaron Slight, Troy Corser, Gregorio Lavilla stürzten wie Fahrschüler, vor allem als gegen Rennende der Regen zurückgekommen war. Colin aber eierte zum Sieg: »Es ging einfach darum, drauf sitzen zu bleiben.« Im zweiten Rennen unter durchgehendem Regen kam er nicht über den achten Rang hinaus und konnte keine Punkte auf Fogarty gutmachen. Ein weiterer Grund also, noch ein Jahr in der Superbike-WM zu blieben.Foggy und der RegenRegenrennen sind nicht die Welt des Carl Fogarty. Daher war der Weltmeister angesichts der schlechten Wettervorhersagen kaum begeistert in den Herbst der Steiermark gekommen. Aber Foggy ging übers Wasser wie noch nie, holte sich mit den Rängen zwei und vier genau so 33 WM-Punkte wie Verfolger Edwards. »Ich hatte überhaupt keine Rennstrategie mehr«, freute sich der neue Regenmeister, »am Ende habe ich die Bremse kaum noch anzufassen gewagt und die Geschwindigkeit fast nur durch vorsichtiges Runterschalten verringert.«Auch im gesamten Ducati-Team soll das Familien-Glück eine Fortsetzung finden. »Ich möchte das Team nicht verändern«, stellte Teamchef Davide Tardozzi klar, »mit Carl Fogarty und Troy Corser. Wir brauchen zwei Top-Fahrer, die zusammenarbeiten können und wollen - und die haben wir.« Dem Australier Corser, der nach seinem überflüssigen Sturz im ersten Rennen als Zweiter im zweiten Lauf den zweiten WM-Tabellenplatz knapp halten konnte, wird sein Ducati-Glück allerdings nicht gerade leicht gemacht. Von Aprilia über Honda und Suzuki - recht unverhohlen kommen die Avancen der möglichen neuen Bräute.Frankie und der Sieg»Frankie ist eine Ente, der schwimmt einfach übers Wasser.« Troy Corser erkannte neidlos den überlegenen Sieg Pierfranscesco Chilis im zweiten, völlig verregneten Rennen auf dem A1-Ring an. Der Italiener auf seiner Corona-Alstare-Suzuki surfte über die Wassermassen wie kein anderer. Schon im ersten Rennen fuhr er rund zwei Sekunden pro Runde schneller als der Rest. »Bei geschlossenem Gasgriff ist mir das Hinterrad weggerutscht, ziemlich peinlich. Ich hätte das erste Rennen auch gewinnen müssen.« Für das zweite Rennen gewarnt, hielt er seine Konzentration zusammen und entschwand am Horizont des Ozeans. »Am Anfang des Jahres durften wir nicht ernsthaft mit einem Sieg rechnen« erinnert sich Chili, »aber jetzt sind wir stark genug, um demnächst auch im Trockenen zu gewinnen.«Meklau und UlmAuf dem A1-Ring ist vieles anders. Fast 700 Meter Meershöhe und durch die umliegende Hügelkette oft ein eigenes, schwer vorherzusagendes Mikroklima. Ideale Bedingungen also für die lokalen Helden. Andreas Meklau wohnt am Rand des Dorfes Spielberg, keine 500 Meter von der Rennstrecke entfernt, und hat 1993, noch auf dem alten Österreichring an gleicher Stelle, sein bisher einziges WM-Rennen gewonnen. Auch 1999 stellte er seine Semi-Werks-Ducati in die erste Startreihe. Nach mässigem Start verlor die Meklau-Ducati im ersten Rennen gleich im Gerangel der Startkurve einen Lenkerstummel, und das Heimspiel war vorbei.Ganz hervorragend in die Bresche sprang der andere Superbiker aus der Steiermark. Kawasaki-Privatfahrer Robert Ulm wohnt zwar im rund 30 Kilometer entfernten Mürzzuschlag etwas weiter ab vom Schuss, ist aber schon länger als formidabler Regenfahrer bekannt. Und als in der Gischt die Zielflagge zu erkennen war, war Robert Ulm bravouröser Vierter hinter der ebenso sensationellen Yamaha-Nummer zwei Vittoriano Guareschi. Im zweiten Rennen drehte Meklau die Rangliste der Steirer-Buben als Siebter gegenüber dem elftplazierten Ulm zwar wieder um. Die lokalen Helden zeigten eine starke Heimvorstellung. Die Idee, die beiden in der nächsten Saison in einem gemeinsamen österreichischen Nationalteam in die WM zu schicken, hat sicherlich neue Nahrung bekommen.Der Traum ist ausJörg Teuchert auf dem zweiten Startplatz des Supersport-WM-Rennens auf dem A1-Ring, sein Yamaha-Deutschland-Kollege als Sechster in der zweiten Reihe - das Duo von Teamchef Udo Mark ging mit besten Chancen in das Regenrennen in der Steiermark. Dennoch war die Stimmung in der perfekt organisierten Box auf dem Nullpunkt. Denn aus der deutschen Yamaha-Zentrale in Neuß kam die rote Karte. Yamaha Deutschland wird in der Saison 2000 keinen Rennsport betreiben. Dem Pro Superbike-Team um Fahrer Christer Lindholm wird ebenso der Hahn abgedreht wie den erfolgreichen Neulingen in der Supersport-WM. »Die Nachricht traf mich am vergangenen Dienstag wie der Blitz«, so Teamchef Mark konsterniert.Im Wortsinne unglaublich erscheint die Begründung des einsamen Beschlusses der Yamaha-Deutschland-Geschäftsführer Ichizo Kobayashi und Hisashi Fuji. Die Zusammenführung des bisher auf die Standorte Neuß und Löhne verteilten Betriebes in einem Neubau in Neuß verschlinge zu viel Geld.Danach gab’s nur noch eins. Im strömenden Regen schwamm Jörg Teuchert der Supersport-Welt auf und davon, fuhr als überlegener Sieger durchs Ziel, vor Christian Kellner, der ebenso unangetastet den Doppelsieg für Yamaha Deutschland sicherstellte. »Wir haben unsere Antwort gegeben«, so der Sieger kämpferisch, »jetzt sind die hohen Herrn wieder dran.« Teamchef Udo Mark aber relativiert: »Die Entscheidung werden wir auch mit diesem Traumergebnis nicht rückgängig machen. Aber wir wollen das Team erhalten und, sei es mit einem anderen Hersteller oder mit einen Sponsor als Semi-Privatteam, weiter machen.« Wenn Mark seinen Laden zusammen halten kann und in neuen Farben auf die WM 2000 losgeht, dann hätte Yamaha Deutschland in großzügigster Weise das Lehrgeld für die Konkurrenz bezahlt und ein WM-Favoriten-Team auf dem Silberteller verschenkt.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote