Superbike-WM in Hockenheim (Archivversion)

Goldener Reiter

Im Goldregen des unglücklichen Gregorio Lavilla (35) feierte Aaron Slight (2) seinen Sieg in Hockenheim. Doch im zweiten Lauf stürzte er.

Die langen Vollgas-Waldgeraden von Hockenheim und der reifenmordende Straßenbelag zwingen die Ingenieure der Superbike-WM-Werksteams alljährlich zu speziellen Lösungen.Die Honda-Techniker hatten ihrer RC 45 die in Hockenheim siegbringenden Eigenschaften jedoch schon früher anerzogen. Brachiale Leistung, Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit sowie eine vom CBS-Systems in der CBR 1100 XX abgeleitete Integralbremse trugen wesentlich bei zur Dominanz der ungleichen Brüder Aaron Slight und John Kocinski im ersten Rennen. Vor der Motodrom-Eingangskurve in der letzten Runde konnte Slight letztlich mit seiner Wunderbremse besser umgehen als Kocinski, zog vor 27000 Zuschauern als Erster ins Motodrom und gewann, während Little John heftigst Selbstkritik übte: »Ich bin absoluten Mist zusammengefahren, jeder andere hätte mit diesem Motorrad gewonnen.« Im zweiten Rennen half die überlegene Honda-Technik nicht mehr. Slight stürzte gegen Rennmitte in der zweiten Schikane, und Kocinski endete tieftraurig auf Platz 14. »Fogarty fuhr mir in der zweiten Runde in die Kiste. Danach hing rechts die Verkleidung weg, das Ding war kaum noch fahrbar.«Mit neuen Teilen war Ducati nach Hockenheim gekommen. »Wir haben grobe Fahrwerksprobleme mit dem 1997er Motorrad. Die Gabel ist einfach zu steif«, eröffnete Teamchef Virginio Ferrari. Dem wollten die Italiener mit einer neuen Öhlins-Gabel und Brembo-Bremsen begegnen, was nur bedingt gelang. Nach den Plätzen vier bis sechs im ersten Rennen klagten Carl Fogarty, Pierfrancesco Chili und Neil Hodgson unisono über unwillige Fahrwerke, aber Foggy relativierte: »Das Haupthindernis war ein schwächlicher Motor. Wir werden für das zweite Rennen einen Mix aus neuen Fahrwerksteilen und einem hoffentlich starken Motor zusammenstellen.«Im zweiten Lauf führte denn auch Hodgson in elf der 14 Runden an der Ziellinie die bis zu achtköpfige Infight-Spitzengruppe an. »Ich hatte das schnellste Motorrad und konnte die Sache steuern«, erinnerte sich Hodgson, »um so schlimmer, daß es so enden mußte.« Er führte auch in der letzten Runde das Feld aufs Motodrom zu, Kawasaki-Werksfahrer Akira Yanagawa griff innen an, und plötzlich pfeilte Fogarty von Platz drei ab durch die Mitte nach vorn und zum Sieg. Hodgson wurde dadurch nach außen gedrängt und so sehr verwirrt, daß er wenige Sekunden später beim Anbremsen der Sachskurve erneut Mist baute und als geschlagener Achter ins Ziel schlich.Zweiter hinter Fogarty wurde der glückliche Kawasaki-Reiter Yanagawa vor dem noch viel fröhlicheren Suzuki-Werksfahrer Jamie Whitham. Auch diese beiden Hersteller hatten Neues nach Hockenheim mitgebracht. »Wir haben einen Motor, der unterrum mehr Dampf hat und auch einige hundert Umdrehungen höher dreht. Aber das ist eine neue Entwicklungsstufe und keine Hockenheim-Spezialrakete«, erklärte Kawa-Pilot Simon Crafar, der mit seiner ersten Pole Positon glänzen konnte, im ersten Rennen aber mit einem kapitalen Schaden an eben einem solch neuen Motor und im zweiten als Sechster mit dem herkömmlichen Triebwerk nicht mehr bester Laune war.Bei Suzuki löste erst der überglückliche Whitham nach dem zweiten Rennen das Rätselraten um den neuen, stirnradgesteuerten Motor. »Ja, wir haben den neuen Motor gefahren. So sind wir endlich mal dort, wo wir hingehören. Beim nächsten Rennen in Monza traue ich uns wieder sehr viel zu.«Yamaha sah das Thema Hockenheim-Präparation eher konservativ. Scott Russell, im ersten Rennen Dritter, hätte das zweite »eigentlich gewinnen müssen. Gegen Rennende regnete es kurz, da hielt ich mich zu sehr zurück und habe den Anschluß verpaßt«. Aber sonst war er einig mit seinem Kollegen Colin Edwards, der den Verzicht auf spezielle Maßnahmen begründete: »Du mußt auf den Geraden halt im Windschatten mitkommen. Wichtig ist nur, was im Motodrom passiert.« Aber da hatte Edwards zweimal nichts mehr zuzusetzen.Das beste Ergebnis der Superbike-DM-Fahrer holte Red Bull-Ducati-Mann Andreas Meklau mit zwei zehnten Plätzen vor Kawasaki Deutschland-Fahrer Jochen Schmid als 13 und Zehnter. DM-Tabellenführer Gregorio Lavilla fackelte im ersten Rennen publikumswirksam unmittelbar vor Sieger Slight ab, wurde aber wenigstens im zweiten Lauf 13.
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Parc fermé (Archivversion)

Hockenheim-ReifenSchwarzes GoldAuch die Reifenindustrie macht für das Rennen in Hockenheim spezielle Hausaufgaben. Dunlop-Renndienstleiter Reinhard Berier: »Wir fahren in diesem Jahr hier erstmals Reifenmischungen, die nicht härter sind als auf anderen Strecken, allerdings auf grundsätzlich anderem Unterbau. Damit wächst der Reifen unter Last weniger und läuft kühler. Diese Reifen sind nur sinnvoll in Hockenheim und Monza. Auf anderen Strecken erreichen sie nicht die notwendigen Temperaturen.«Superbike-EMGeisterfahrerDas Wort Schattendasein wärer eine glatte Übertreibung für die Superbike-EM. Ein quantitativ wie qualitativ dünnes Fahrerfeld, das innerhalb der WM-Rennen startet, halten die Serie bedeutungslos. Aber in Hockenheim gab es wenigstens einen zweifachen deutschen Erfolg. Udo Mark auf Suzuki wurde mit Platz 15 in beiden Rennen Sieger der EM-Wertung; Anton Gruschka, der ernsthaft um den Titel fährt, übernahm als 18. und 17. mit zwei zweiten EM-Rängen die Tabellenführung.Supersport 600-WeltcupRenaissanceMit dem Sieg nach begeisternder Windschattenschlacht übernahm der zweifache Ex-Europameister Michael Paquay aus Belgien auf Honda auch die Weltcup-Gesamtführung. Wieder gebeutelt dagegen wurde Titelverteidiger Fabrizio Pirovano. Der noch punktelose Ducati-Werksfahrer donnerte in der letzten Runde in den Notausgang der Motodrom-Eingangskurve und mußte zuschauen, wie sein Teamkollege Stéphane Chambon hinter Paolo Casoli, ebenfalls auf Ducati, Dritter wurde. Pirovano hatte sich aber nicht verbremst, sondern rettete sich mit Motorschaden gerade noch als Elfter hinter dem deutschen Thomas Körner ins Ziel.Supersport-600-EMRain ManDurch das fast komplett antretende DM-Startfeld wurde das Supersport-EM-Rennen erstmals vom Ruf der Farce befreit. Und es war auch das verrückteste Rennen des Tages. Unmittelbar nach dem Start begann es zu regnen. Und es schlug die Stunde von MOTORRAD-Redakteur Gerhard Lindner. Mit weit über 20 Sekunden Vorsprung ging der Yamaha-Laaks-Fahrer übers Wasser. Auf abtrocknender Bahn aber stürmte Ex-Europameister Stefan Scheschowitsch heran und schlug Lindner im Ziel um zwei Zehntelsekunden.SupermonoEnd-RundeAuch beim Einzylinder-Rennen passierte alles Wesentliche in der letzten Runde. Michael Rudroff verabschiedete sich im Wald mit Motorschaden an der BMR-Suzuki aus dem Fünfer-Windschattenzug an der Spitze, und in der Sachskurve ging die MuZ-Stallregie nur bedingt auf. Elli Bindrum bremste sehr früh, um ihrem in der Gesamtwertung besser plazierten Teamkollegen André Friedrich den zweiten Rang hinter Sieger Makoto Suzuki auf Over-Yamaha zu überlassen. Dies klappte auch. Aber Ex-Moto Crosser Valter Bartolini auf Rang vier witterte dadurch noch die Chance auf Rang drei. Der Italiener bremste jenseits von Gut und Böse, stürzte und nahm die arme Elli gleich mit ins Kiesbett. Den dritten Rang erbte ein verduzter Steve Ruth auf Yamaha.

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