Superbike-WM in Laguna Seca /USA (Archivversion)

Wo die wilden Kerle wohnen

In den Dünen oberhalb der Monterey Bay in Kalifornien bezogen die Stars der Superbike-WM eine ordentliche Tracht Prügel von den lokalen Wild Card-Helden.

Anthony Gobert hatte noch nie Probleme mit mangelndem Selbstbewußtsein. »Es gibt Stellen hier in Laguna Seca«, stellte der 24jährige Australier vor den Rennen fest, »da bin ich einfach schneller als alle anderen. Deshalb ist es auch schwer, sich auf Dauer vor mir zu halten.«Das Supertalent mit bislang höchst kurvenreicher Karriere, in allen Trainingssitzungen dominant und im ersten Rennen tatsächlich überzeugender Sieger vor seinem Vance & Hines-Ducati-Teamkollegen Ben Bostrom und WM-Stammfahrer Akira Yanagawa auf Kawasaki, meinte damit vor allem »turn eight«. So nennen die Streckenbetreiber in völlig unkalifornischer Bescheidenheit die wahnwitzigste Kurvenkombination der Welt. Die Fans haben längst einen besseren Namen gefunden. »Cork screw - Korkenzieher« tauften sie äußerst treffend die achte Kurve der Dünenpiste hoch über der Monterey Bay, gut zwei Autostunden südlich von San Francisco, die mit Berg-und-Tal-Bahn nur äußerst unzureichend beschrieben ist.Das Spektakel beginnt mit einer leichten Bergauf-Rechtskurve, die gleich mal scheinbar Unsinniges von den Fahrern verlangt. Man muß sie nämlich extrem weit außen anfahren und auch im Kurvenverlauf außen bleiben. Denn zu diesem Zeitpunkt befindet sich sowohl der bedauernswerte Laguna-Neuling wie auch der Held mit Lokalkenntnis längst in der Bremszone für die Bergab-Linksecke, die einer Treppenstufe nicht unähnlich ist und ansatzlos in eine äußerst trickreiche, nach außen hängende Rechts übergeht. Wenn es dann so aussieht, als sei alles einigermaßen überstanden, geht’s zu allem Überfluß in eine überhöhte Doppellinks, weiterhin bergab, an deren Einlenkpunkt man ohne Cork Screw-Routine viel zu weit innen daher kommt.Selbst routinierte Top-Fahrer wie Pierfrancesco Chili auf seiner Werks-Suzuki oder Akira Yanagawa, die sich von der Stammbesetzung der Superbike-WM noch am besten aus der Affaire zogen, mußten sich dort oben, vor allem in der Bremszone, von den unbekümmerten Vance & Hines-Jung-Helden nachgerade vorführen lassen. Denn Gobert und Ben Bostrom sowie dessen älterer Bruder Eric, mit einer Honda als Siebter und Zehnter drittbester Wild Card-Reiter, fanden einen Weg an der linken Innenseite direkt in die Fallinie, der sich auch den Besten unter den WM-Fahrern nach zwei Trainingstagen nicht erschlossen hat. Ben Bostrom gewann nach einem leichtsinnigen Sturz Goberts im zweiten Rennen, nachdem Chili mit ihm heldenhaft um den Sieg gefightet hatte, der Italiener am Ende aber mit nachlassenden Reifen noch Troy Corser auf der Werks-Ducati vorbei lassen mußteIn den Wurzeln des Baums, der direkt hinter der Leitplanke, kaum zehn Meter neben »turn eight« als Wahrzeichen von Laguna Seca sein Dasein genießt, liegt also garantiert ein Geheimnis der Erfolge der einheimischen Fahrer über die internationalen Top-Stars. Aber es gibt noch andere Gründe.Davide Tardozzi, Teamchef des Ducati-Werksteams mit den Superstars Carl Fogarty und Troy Corser, erklärte die vergleichsweise diskreten Vorstellungen seiner Angestellten - Weltmeister Fogarty wurde Fünfter und Vierter und Corser kam nach Rang sechs als Zweiter im zweiten Rennen wenigstens aufs Podest - eher profan: »Es gibt hier nur einen Sieger: Dunlop. Ich bin überzeugt, daß Michelin-Reifen auf den allermeisten Strecken leichte Vorteile bieten, sonst würden wir sie nicht verwenden, aber hier sind sie kraß unterlegen.« Tatsächlich trugen, nimmt man das Supersport-WM-Rennen noch dazu, sieben von neun Fahrer bei den Siegerehrungen gelbe Dunlop-Mützen. Offenbar fanden die britisch-japanischen Gummis eine bessere Symbiose mit der Laguna-Bahn, die wegen ihrer exponierten Lage mitten in einer Dünenlandschaft sehr häufig vom Sand gereinigt werden muß und daher wenig Grip bietet.Darüber hinaus traten die beiden Vance & Hines-Ducatisti, wie das bei Wild Card-Fahrern der Fall sein sollte, mit einer gehörigen Extraportion Motivation an. Lebenskünstler Gobert etwa hat mit der internationalen Rennsportwelt noch verschiedene Rechnungen offen, nachdem er in seinem ersten Anlauf auf Superbike- und 500er WM-Titel gescheitert ist, teils selbstverschuldet aufgrund leichtsinnigen Umgangs mit Marihuana, teils aber auch wegen viktorianisch-verkrusteter Strukturen vor allem im Suzuki Grand Prix-500-Team. »Ich will im Jahr 2000 wieder in der Superbike-WM fahren«, stellt der Australier klar, »am liebsten im Ducati-Werksteam. Und dafür war der Sieg hier eine sehr gute Basis.«Die wurde nach dem Sturz im zweiten Rennen vielleicht ein wenig schlechter. Massiv verbessert dagegen wurde Ben Bostroms Position auf dem allmählich anrollenden Transferkarussell. Der 24jährige US-Superbike-Meister ist etwa nach Ansicht von Pierfrancesco Chili, der ihn beim Kampf um den Sieg im zweiten Rennen intensiv erleben konnte, »viel besser als Gobert, der immer nur defensiv auf Verteidigung seiner Führungsposition fährt. Ben Bostrom dagegen orientiert sich immer nach vorn«.Das mag daran liegen, daß Bostrom zwar schon in seinem ersten Superbike-Jahr die US-Meisterschaft gewinnen konnte, aber bis zu diesem Wochenende noch nie ein einzelnes Rennen. »Es ist unglaublich«, so der sieglose Champion, »jetzt fahre ich anderthalb Jahre dem Sieg hinterher, und dann gewinne ich ein WM-Rennen.« Mit einem direktem Aufstieg in die WM-Stammformation hat es der Jungstar überraschend gar nicht so eilig. »Ich werde mir eventuelle Angebote aus der WM sehr genau anschauen«, analysiert Bostrom cool, »ich muß noch nicht nicht um jeden Preis aufsteigen. Ich bin noch jung. Und mit Vance & Hines habe ich hier in den USA ein Super-Team hinter mir.«Und der WM-Aufstieg mit Vance & Hines-Ducati, eigentlich naheliegend, wird leider wohl kaum passieren. »Wir haben kein Interesse, in die WM aufzusteigen«, erklärt Terry Vance, Renndirektor des US-amerikanischen Auspuffherstellers, »unser Markt ist die USA, und ausschließlich hier werden wir auch unser Rennteam einsetzen.« Eigentlich schade, denn die Team-Struktur der Amis würde jedem WM-Team zur Ehre gereichen. Zumal der verantwortliche Motoren-Techniker Owen Coles aus Australien, in Deutschland aus seiner Zeit als Pro Superbike-Rennfahrer für DNL-Ducati und Suzuki-Mayer bekannt, noch ein Gehemnis für den Vance & Hines-Erfolg von Laguna Seca verrät: »Wir haben für das WM-Rennen hier von Ducati absolut gleichwertiges Werks-Material erhalten, vor allem die Einspritzung mit 60 Millimeter Saugrohrdurchmesser statt der bei US-Rennen maximal erlaubten 54 Millimeter. Im Gegensatz zum Werk kann ich mich sehr intensiv mit unseren Triebwerken beschäftigen und viele kleine Dinge verfeinern. In Bologna kann man selbst bei der Fertigung der Werks-Motoren fast schon von einer Kleinserien-Produktion sprechen.«Wilde Jungs mit wilden Motoren, sozusagen auf freier Wildbahn. Die Herren aus dem Superbike-Establishment können froh sein, daß sie nur einmal im Jahr damit zu tun haben, zumindest vorläufig.
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