Superbike-WM in Sugo/Japan (Archivversion)

Teufels-Carl

Als Favoriten galten eher sein Ducati-Werksfahrer-Kollege Troy Corser und Honda-Nummer eins Aaron Slight. Aber am Ende ging der Titel des Superbike-Weltmeisters zum dritten Mal an Carl Fogarty.

Der erwartete spannende Dreikampf beim Finale der Superbike-WM im japanischen Sugo schien bereits nach der Superpole-Qualifikation am Samstag nachmittag entschieden. Tabellenführer Troy Corser hatte sämtliche Trainings dominiert. Aaron Slight auf Startplatz zehn war desillusionert, und Altstar Carl Fogarty stand als Vierter zwar in der ersten Reihe, aufgrund seiner extremen Formschwankungen in der 1998er Saison rechnete mit ihm aber keiner so richtig.Aber am Sonntag morgen war plötzlich alles anders. Troy Corser fiel bei einem eher harmlosen Sturz im Warm-up derart unglücklich von seiner Werks-Ducati, daß drei Rippen zu Bruch gingen. Dazu kam ein Milzriß. Der Australier, wildentschlossen nach Japan gekommen - »die Zeit ist gekommen, die Meisterschaft zu holen« -, war aus dem WM-Rennen. »Ich kann nicht vernünftig atmen, ich würde die Rennen nicht durchstehen.«So waren die Karten neu verteilt. Aaron Slight hing mit seiner Werks-Honda zwar immer noch in der dritten Reihe fest, aber für Carl Fogarty tat sich eine unerwartete Chance auf. Zusammen mit seinen übriggebliebenen Kollegen aus der dezimierten ersten Startreihe, Suzuki-Wild Card-Werksfahrer Akira Ryo sowie Yamaha-Star und Vorjahressieger Noriyuki Haga, pfeilte der zweifache Weltmeister seine Werks-Ducati von der Linie und entschwand, verfolgt von Ryos Teamgefährten Keiichi Kitagawa, zügig dem Einflußbereich von Aaron Slight. Der kämpfte mit erbärmlichen Fahrwerksproblemen und dem Kawasaki-Duo Akira Yanagawa/Neil Hodgson sowie Yamahas Vorruheständler Scott Russell heldenhaft um Rang fünf. »Wir hatten riesige Fahrwerksprobleme hier in Sugo, speziell in den vielen nach außen hängenden Kurven«, klagte der Neuseeländer, »wenn du immer Angst haben mußt vor einem Sturz, kannst du nicht richtig schnell fahren.« Besonders ernüchternd für die Honda-Techniker war, daß alle anderen RC 45-Fahrer noch deutlich hinter Slight zurücklagen - neben Stammpilot Colin Edwards die Fahrer aus der jananischen Meisterschaft Shinichi Ito, immerhin dort Tabellenführer, und Yuichi Takeda, 1996 WM-Lauf-Sieger hier in Sugo.Deutlich vor allen anderen fuhr inzwischen Noriyuki Haga, bis er eingangs der 13. Runde zu Boden mußte. »Ich erwischte den Leerlauf, hatte keinerlei Motorbremswirkung und rutschte übers Vorderad aus«, erläuterte der 24jährige Vorjahressieger recht sachlich. Nach Hagas Sturz stieg die Stimmung in der Suzuki-Box. Denn mit dem Doppelsieg von Kitagawa vor Ryo bahnte sich der erste Suzuki-Superbike-WM-Sieg seit 1989 an, damals stand der spätere Doppelweltmeister Doug Polen ebenfalls in Sugo ganz oben auf dem Podest.Carl Fogarty hatte sich aus der Führungsauseinandersetzung weitgehend herausgehalten und fuhr auf Rang drei knapp vor dem wieder einmal schwach gestarteten Aufholjäger Akira Yanagawa als neuer WM-Tabellenführer über die Ziellinie. Aaron Slight kam, von seinem Helfer Ito eskortiert, auf Rang sieben an. Somit lag der Honda-Spitzenfahrer vor dem alles entscheidenden Rennen 1,5 Punkte hinter Fogarty zurück.Mit größter Entschlossenheit schoß der sonst als Spätstarter bekannte Slight im zweiten Rennen von der Linie, als ob er dem Teufel persönlich hinterher wäre. Von Startplatz neun bog er als Vierter in die erste Kurve, die rote Ducati von Fogarty auf Rang zwei direkt im Visier. Das allseits erwartete digitale Show down-Finale schien doch noch wahr zu werden. Aber während sich Fogarty hinter dem erneut davonstürmenden Haga im Kampf mit Suzuki-Fahrer Ryo auf Rang zwei einrichten konnte, sah Slight seine Titelchancen allmählich hinter der nächsten Kurve verschwinden. Er war mit seiner RC 45 wieder nicht in der Lage, das Tempo an der Spitze mitzugehen. Und er hatte mit seiner bisweilen sichtbar schlingerenden Fuhre auch keine Chance gegen die von hinten drängenden Kitagawa und Yanagawa. Letztlich blieb für Slight nur der sechste Rang hinter Kitagawa und damit die zweite Vizeweltmeisterschaft nach 1996. Dazu kommen noch vier dritte Gesamtränge 1993 bis 1995 und 1997. Kiwi Slight ist die Idealbestzung für den tragischen Helden der Superbike-WM.Hinter dem unberührbaren Noriyuki Haga war Carl Fogarty auf dem Weg zu seinem dritten WM-Titel, was vor ihm noch keiner geschafft hatte. Cool ließ King Carl die japanischen Heißsporne Ryo und Yanagawa ziehen und begnügte sich mit Rang vier. So sah es zumindest aus. Der Champion selbst wußte sehr viel Spannenderes zu berichten: »Hey, das war das schlechteste Rennen meines Lebens. Schon zur Halbzeit spürte ich fürchterliche Vibrationen am Hinterrad: zu weiches Set-up, verendender Reifen oder eine Unwucht - keine Ahnung. Das Ding war kaum noch fahrbar. Ich habe förmlich gebetet, daß ich die Kiste noch irgendwie ins Ziel bringe. Und jetzt bin ich Weltmeister, nach so einer verrückten, unausgeglichenen Saison - einfach unglaublich.“
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Parc fermé (Archivversion)

WM-Termine ‘99Prost NeujahrVorbehaltlich der Bestätigung durch den derzeit laufenden Jahreskongreß des internationalen Motorradsportverbandes FIM in Kapstadt/Südafrika finden in der Saison 1999 zwei Superbike-WM-Rennen in Deutschland statt. Der Terminkalender insgesamt sieht wie folgt aus:4. April Kyalami/Südafrika18. April Phillip Island/Australien2. Mai Donington Park/England16. Mai Monza/Italien30. Mai Albacete/Spanien13. Juni Nürburgring27. Juni Misano/Italien11. Juli Laguna Seca/USA2. August (Bank Holiday-Montag) Brands Hatch/England29. August A1-Ring/Österreich5. September Assen/Niederlande19. September Hockenheim3. Oktober Sugo/Japan.Darüber hinaus steht ein zweites Rennen in Japan zur Diskussion.SupermonoEnde ohne Schrecken1999 wird es im Rahmen der Superbike-WM keine Supermono-Europa-Cup-Rennen mehr geben. Anstelle der Einzylinder tritt eine Nachwuchsserie für Fahrer unter 24 Jahren mit serienmäßigen Big Bikes über 750 cm³. Katja Poensgen bleibt somit Supermono-Championesse für alle Zeiten.Fahrer-MarktQuo vadis, Frankie?Ducati-Werksfahrer und WM-Vierter Pierfrancesco Chili ärgerte sich nicht nur über das unbefriedigende Ergebnis in Sugo mit Rang zwölf und Ausfall, sondern er steht auch noch zwischen Tür und Angel für die Saison 1999. Bei Ducati ist kein Platz mehr für ihn, und die brandneue Aprilia RSV mille scheint ihm nicht so recht zu schmecken. Fix für Ducati und für sein Team Ducati Performance unter Davide Tardozzi entschieden hat sich dagegen Weltmeister Carl Fogarty. Teamkollege wird höchstwahrscheinlich überraschend der unglückliche WM-Verlierer Troy Corser. Mit Corsers Entscheidung für Ducati stünde für Chili die Tür beim neuformierten Corona-Alstare-Team, welches Harris-Suzuki als offizielle Suzuki-Werksmannschaft beerbt, als Nummer eins neben James Whitham weit offen. Sollte Corser doch noch dem Alstare-Werben erliegen, müßte Chili mit seinem alten Teamchef Virginio Ferrari den Weg zu Aprilia gehen. Diese Möglichkeit wird von Teamchef Ferrari, der allerdings zu Chili keine gleichwertige Fahrer-Alternative hat, als »zweifellos hochinteressant« eingeschätzt. Frankie Chili selbst hat Bedenken, ob »die Aprilia von Anfang an gut genug ist, um zu siegen«.In Ferraris Nachfolge soll das De Cecco-Team zur Ducati-Werkscrew aufgewertet werden. Teamchef Fernando de Cecco will mit dem Geldsegen des neuen Hauptsponsors Benetton Doriano Romboni als einzigen Ducati-Werksfahrer auf Dunlop-Reifen einsetzen; Ducati Performance vertraut weiter auf Michelin. Als weiterer Großsponsor für alle Ducati-Werksfahrer wird Shell Advance einsteigen.Während bei Castrol-Honda mit den Fahrern Aaron Slight und Colin Edwards alles beim alten bleibt, schwebt wie ein Gespenst der Name Luca Cadalora über dem Superbike-WM-Zirkus. Bei Yamaha wäre der Superstar als Teamkollege von Noriyuki Haga auf dem neuen Wunderbike YZF-R7 wäre der Topstar sehr willkommen. Doch die Firmen-Vertreter beginnen sofort zu stöhnen, wenn sie mit Cadaloras Gehaltsvorstellungen konfrontiert werden, die offenbar noch oberhalb von Carl Fogartys Jahressalär, rund 3,5 Millionen Dollar, liegen. Und außerdem äußerte sich der manchmal wankelmütige Ex-Weltmeister gegenüber Urs Wenger, Chefingenieur des MuZ 500-Grand Prix-Teams, recht abfällig über die »Traktoren« in der Superbike-WM.Das Kawasaki Racing Team von Teamchef Harald Eckl ist nach der Absage von Ralf Waldmann dagegen komplett. Neben Akira Yanagawa fährt der spanische Shooting Star Gregorio Lavilla.

Ergebnisse (Archivversion)

1. Lauf: 1. Keiichi Kitagawa (J), 25 Runden in 38.03,718 min ( = 147,273 km/h), 2. Akira Ryo (J), beide Suzuki, 3. Carl Fogarty (GB) Ducati, 4. Akira Yanagawa (J) Kawasaki, 5. Scott Russell (USA) Yamaha, 6. Neil Hodgson (GB) Kawasaki, 7. Aaron Slight (NZ), 8. Shinichi Ito (J), beide Honda, 9. Wataru Yoshikawa (J) Yamaha, 10. Peter Goddard (AUS), 11. James Whitham (GB), beide Suzuki, 12. Pierfrancesco Chili (I) Ducati, 13. Colin Edwards (USA) Honda, 14. Shinya Takeishi (J) Kawasaki, 15. Yuichi Takeda (J) Honda;2. Lauf: 1. Noriyuki Haga (J) Yamaha, 38.00,953 min ( = 147,452 km/h), 2. Yanagawa, 3. Ryo, 4. Fogarty, 5. Kitagawa, 6. Slight, 7. Yoshikawa, 8. Kensuke Haga (J) Yamaha, 9. Whitham, 10. Goddard, 11. Takeishi, 12. Russell, 13. Edwards, 14. Takeda, 15. Gregorio Lavilla (E) Ducati;Schnellste Runde: Noriyuki Haga in 1.30,028 min ( = 149,433 km7h);WM-Endstand: 1. Fogarty 351,5 Punkte, 2. Slight 347, 3. Troy Corser (AUS) Ducati 328,5, 4. Chili 293,5, 5. Edwards 277,5, 6. Noriyuki Haga 258, 7. Yanagawa 210, 8. Whitham 175, 9. Goddard 155, 10. Russell 130,5, 11. Hodgson 124,5, 12. Lavilla 83,5,..., 18. Andreas Meklau (A) Ducati 31,..., 25. Udo Mark (D) Suzuki 13.

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