Superbike-WM in Valencia/Spanien (Archivversion)

Totgesagte leben länger

Über die Zukunft der Superbike-WM wird weiter heftig diskutiert. Nach dem Saisonauftakt in Valencia erscheint die Großwetterlage wieder etwas sonniger, drei Hersteller kämpfen um den Sieg.

Speed – Show – Spektakel. An diesen Zutaten muss sich eine WM-Serie messen lassen. Und da sieht die 15. Superbike-WM-Saison nach ihrem Auftakt im spanischen Valencia im Vergleich zu der schönen neuen Viertakt-MotoGP-Welt ziemlich gut aus, auch wenn die Schwarzseher-Fraktion durchaus ernstzunehmende Argumente vorbringt. Gerade auf der stadionähnlichen Rennstrecke an der Peripherie von Valencia fallen die Vergleiche zwischen den ungleichen Schwestern MotoGP und Superbike-WM leicht, weil beide Serien seit mehreren Jahren dort rennen und exzessiv testen.Superbike-Weltmeister Troy Bayliss trieb seine Werks-Ducati mit dem brandneuen Kurzhub-Motor bei seinen beiden überzeugenden Siegen in Valencia zu einem Gesamtschnitt von 149,923 km/h über die Renndistanz – schneller als jemals ein Motorrad zuvor. Auch der offizielle Rundenrekord seines Teamkollegen Ben Bostrom, in den Rennen Dritter und Vierter, liegt mit 1.35,306 Minuten in einem Bereich, in den unter Rennbedingungen noch kein GP-Motorrad vorgedrungen ist. Erste Gelegenheit für die MotoGP-Renner wird das Saisonfinale am 3. November sein.GP-Rückkehrer Noriyuki Haga, der neue Superstar bei Aprilia, glänzte in Valencia mit gewohnt sensationellem Kampfgeist, der ihn trotz leichter Einbußen in Sachen Spitzenleistung gegenüber Ducati auf zwei zweite Ränge brachte. Und der Samurai fährt derzeit um Welten schneller als sein Markenkollege Régis Laconi auf der MotoGP-Aprilia RS³, die mit pneumatisch unterstützter Ventilsteuerung und Drive-by-wire-System höchsten Stand der Rennentwicklung repräsentieren will.Die herzerfrischenden Show-Auftritte des Japaners auf der Strecke müssen allerdings auch den Verlust von vier Superbike-Werksfahrer-Arbeitsplätzen bei Suzuki, Honda und Aprilia selbst kompensieren. Was durchaus gelingt. Der schwarze Ritter Haga gegen den feinfühligen Weltmeister Bayliss, dazu die US-Fraktion mit Ducatis California Dreamboy Ben Bostrom und Texas Tornado Colin Edwards, Weltmeister von 2000 auf der Werks-Honda VTR 1000 SP-2: Vier Fahrer auf drei verschiedenen Motorrädern zeigen ein Bandbreite an der Spitze, von der in der MotoGP-Welt bislang nichts zu sehen ist. Die krass überlegene Werks-V5-Honda unter Superheld Valentino Rossi dominiert im Kampf gegen alternde Zweitakt-Privatmaschinen und die eher schwächelnden Viertakt-Neukonstruktionen von Yamaha, Suzuki und Aprilia.»Man darf sich von den guten Rennen an der Spitze nicht blenden lassen«, fordert jedoch Harald Eckl, Teamchef des Kawasaki-Werks-Teams, »Kawasaki wird im kommenden Jahr nur MotoGP fahren und nicht parallel auch Superbike. Das Corona-Suzuki-Team ist jetzt schon kein Werksteam mehr, und die werden 2003 wohl ganz fehlen.«Ganz anderer Meinung ist Daniele Audetto, Manager des Arrows-Formel 1-Teams sowie Berater der Superbike-WM-Promotion-Agentur Octagon-Flammini. »Es gibt genug Platz für zwei WM-Serien«, beharrt der smarte Italiener, »aber wir müssen uns arrangieren. Wir haben, was fast keiner weiß, schon jetzt Gentlemen’s Agreements mit der MotoGP-Agentur Dorna – zur Terminkoordination und so weiter. Dies muss intensiviert werden. Ich kann mir vorstellen, dass Octagon, das ja zu IPC, der zweitgrößten Marketing-Agentur der Welt gehört, und Dorna sich gegenseitig aneinander beteiligen und so die Situation im internationalen Motorrad-Rennsport noch besser koordinieren.«Neben dieser eher vagen Hoffnung auf die Zukunft hatte Audetto wesentlich mehr Freude an der Erklärung von Ex-Weltmeister Carl Fogarty, mit der Entwicklung seiner Dreizylinder-Foggy-Petronas vor dem Zeitplan zu liegen. »Wir werden beim Rennen in Laguna Seca am 14. Juli dabei sein«, so Fogarty, »die ersten Testfahrten werden Troy Corser und James Haydon noch im April unternehmen.« So würde der Dreizylinder-Klang in der Superbike-WM doch überleben. Denn nach vier Motorschäden in den Trainings zog sich Benelli vom Valencia-Rennen sowie den nächsten drei Übersee-WM-Läufen in Australien, Südafrika und Japan zurück.Weniger Aufregung über die Zukunft herrscht in der Supersport-Abteilung des Fahrerlagers. Die in diesem Jahr neue offene 600er Klasse in der spanischen Meisterschaft hat beste Aussichten, schon bald die Nachfolge der todgeweihten 250er-GP-Klasse anzutreten. Und mit einer funktionierenden Supersport-Struktur ist man darauf wohl gut vorbereitet, was immer auch passiert. Tatsächlich gibt es im niederländischen Ten Kate-Honda-Team, mit dem Franzosen Fabien Forêt überlegene Sieger in Valencia, bereits ein solches Motorrad auf Honda CBR 600-Basis. Auch Yamaha-Deutschland-Betriebsleiter Theo Hoffmann bestätigt: »Dieses GP2-Regelwerk interessiert uns natürlich sehr.«Das deutsche Yamaha-Duo zeigte identische Ergebnisse wie 2001: Christian Kellner wurde Dritter, und Ex-Weltmeister Jörg Teuchert stolperte, damals über den Fuß unter dem Schalthebel, diesmal über eine unbeabsichtigte Berührung des Handbremshebels. Die Aufholjagd des kampfstarken Franken nach dem Sturz brachte keinen Lohn: Rang 16, null Punkte. Aber auch so steuerte Teuchert seinen Teil zu dem Spektakel bei, das als Gesamtkunstwerk durchaus auf eine gelungene Superbike-WM-Saison hoffen lassen darf, zumindest noch 2002.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote