Supercross-WM in Leipzig (Archivversion)

Lichtgestalt

Licht aus, Spot an. Er war da. Jeremy McGrath, der Welt bester Supercrosser. Zum zweiten Mal in Leipzig, zum zweiten Mal der Star des Abends, zum zweiten Mal Sieger. Vielleicht jedoch zum letzten Mal – in Leipzig.

Da saß er. Völlig verschwitzt, aber mit einem langen, breiten Grinsen – Jeremy McGrath, Euer Supercross-Gnaden höchstpersönlich. Ein ehrliches Grinsen. Nicht für die Fans, nicht für die Kameras, nur für sich ganz allein. Und doch, es musste raus: »It´s done – es ist vollbracht«, ballte der Kalifornier nach seinem Sieg im Finale die Faust. Als ob er irgendjemandem irgendetwas hätte in Leipzig noch beweisen müssen. Sechs Meistertitel in der US-Supercross-Meisterschaft und insgesamt 70 Finalsiege hat das Ausnahmetalent in seiner Karriere aufs holprige Parkett gelegt – bereits die Nummer zwei in der Supercross-Geschichtsschreibung, Rick Johnson, die Legende der achtziger und neunziger Jahre mit insgesamt 28 Triumphen, wirkt dagegen wie ein aufgeblasener Amateurcrosser. Und doch hatte der 29-jährige Superstar eine Rechnung offen - mit sich ganz persönlich. Supercross-WM-Auftakt im Pariser Stade de France im Oktober. Vom Franzosen David Vuillemin, dem ihm neu erwachsenen Rivalen und Kronprinzen in den USA, hatte es eine Backpfeife gesetzt. Vuillemin siegte, Jeremy stürzte. Eine Woche später beim Indoor-Cross in Paris-Bercy. Der Gallier räumt komplett ab, gewinnt alle Läufe, der bislang traumhaft sattelfeste McGrath fliegt erneut in die Banden und reist vorzeitig ab. Ende November beim zweiten Supercross-WM-Lauf in Leipzig. McGrath gewinnt wieder. Endlich. Nur: Vuillemin war nicht da.Doch nicht nur der schlacksige Franzose fehlte dieses Jahr in Sachsen. Gerade mal zwei Fahrer der Top Ten der US-Supercross-Meisterschaft und keinem Einzigen der besten Zehn der Freiluft-WM war das WM-Finale den Weg in Deutschlands Osten wert. Ex-Weltmeister Sébastien Tortelli, Suzuki-Größe Mickael Pichon, US-Dauerbrenner Larry Ward, Ezra Lusk und Ryan Hughes, allesamt im vergangenen Jahr noch Hoffnungsträger der Supercross-WM, fehlten ersatzlos. In der Tat scheint der nach einem Jahrzehnt des Siechtums erst im vergangenen Winter mühsam aufgepäppelte Patient nun doch wieder einen ernstlich Rückschlag erlitten zu haben. Denn nicht nur die Akteure lassen sich derzeit gewaltig hängen, sondern es kriselt auch im Veranstalterkreis. Kümmerliche zwei WM-Meetings konnte der Italiener Giuseppe Luongo, der mit seiner Action Group sowohl die Motocross- als auch die Supercross-WM vermarktet, von einer ursprünglich geplanten fünfteiligen Serie retten. Und weil das Projekt, das ursprünglich einmal zum ultimativen Showdown zwischen der alten und der neuen Motocross-Welt heranwachsen sollte, schon so erbärmlich kränkelt, prognostiziert selbst Jeremy nichts Gutes. »Ich glaube, ich bin der Einzige, der diese WM überhaupt noch will«, versuchte die Kultfigur Signore Luongo den Rücken zu stärken. Verständlich, denn der Stollen-Regent leistet sich seit längerem, was sich keiner aus seiner weniger noblen Gefolgschaft erlauben kann: McGrath konzentriert sich ausschließlich auf die von Januar bis Mai dauernde US-Supercross-Meisterschaft. Die Indoor-WM kommt ihm da nach fünf Monaten Siesta als Warm-Up gerade recht. Der Rest der weltweiten Offroad-Truppe empfindet die Serie nach den anstrengenden, bis Ende September reichenden Freiland-Meisterschaften eher als lästige Überstunden. Und weil es um die Top-Crosser materiell nicht schlecht bestellt ist, vermögen nicht einmal fürstliche Antritts- und Erfolgshonorare die Arbeitsmoral merklich zu stärken. David Vuillemin, dem Sieger des WM-Auftakts in Paris, waren jedenfalls selbst 200 000 Mark Prämie für den WM-Titel nicht wert, sich ins Flugzeug zu setzen. Und so präsentierten sich in Leipzig eben überwiegend die, deren Verhältnis zum schnöden Mammon sich auf nachvollziehbarer Ebene bewegt: eine ganze Horde sprunggewaltiger Franzosen, die Finnen Kovalainen und Vehvilainen aus der aktuellen ADAC-Supercross-Serie, Suzuki-WM-Werksfahrer Joshua Coppins und die wohlhabendere US-Abteilung mit Ex-Weltmeister Greg Albertyn, Haudegen Mike LaRocco samt besagtem Mister McGrath. Von nationaler Beteiligung fehlte fast jede Spur. Während Jochen Jasinski nach einer erneuten Schulterverletzung das Ende seiner Karriere fürchten muss, Collin Dugmore und Marco Dorsch von Indoor-Rennen nicht viel wissen wollen, Pit Beirer genauso denkt und Bernd Eckenbach sich vom Veranstalter verschmäht fühlte und bei einem freien Supercross in Griechenland startete, schwenkte nur noch Nachwuchsmann Stefan Ludwig schüchtern das schwarz-rot-goldene Banner im internationalen Umfeld.Was die 14 000 Fans in der ausverkauften Leipziger Messehalle herzlich wenig zu stören schien. Selbst wenn die Präsentation des WM-Meetings mager blieb und besagtes WM-Fahrerfeld schon fast als Mogelpackung eingestuft werden könnte, versöhnte wenigstens die riesige, traumhaft gestylte Piste jeden Supercross-Fan. Außerdem: Jeremy war ja da. Und Jeremy fühlt sich wohl in Leipzig. Im vergangenen Jahr schon und auch dieses Mal. So hoch wie er springt keiner, so präzise wie er fährt keiner, so souverän wie er gibt sich keiner. Und so lässig wie er siegt keiner. Drei Starts, drei Siege. Allein wie der Herr der holprigen Pisten eine verdammt knifflige Passage mit 13 Sprüngen unnachahmlich in gerade mal drei flüssige Sprungkombinationen verwandelte, begeisterte die Massen alle 50 Sekunden aufs Neue. Doch weil der Chef, wie gesagt, beim Auftakt in Paris gepatzt hatte, darf sich nun Mike LaRocco überlegen, was er mit den vielen Händen voller Dollars auf seinem Konto anfangen soll. Denn trotz latent schlechter Starts und einem Absitzer zu Beginn des Finales donnerte der 29-jährige Routinier aus Indiana auf Rang drei und damit auf den WM-Thron. Und weil die Supercross-WM gegenüber der unumstößlichen Bastion der US-Supercross-Meisterschaft und der per Triple-GP aufgemotzten WM wohl künftig noch mehr an Bedeutung verlieren wird, wäre es gut möglich, dass der WM-Pott für Mike mehr als eine Gratis-Blumenvase werden könnte – nämlich die Trophäe, des auf absehbare Zeit letzten Supercross-Weltmeisters.
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Supercross Leipzig (Archivversion)

Ergebnisse 250 cm3:Jeremy McGrath (USA) Yamaha,Mike LaRocco (USA) Honda, Thierry Bethys (F) Honda, Greg Albertyn (ZA) Suzuki, Joshua Coppins (NZ) Suzuki,Jussi Vehvilainen (SF) HondaPierrick Paget (F) HondaJoaquim Rodriguez (P) HondaJérôme Héméry (F) KawasakiRodrig Thain (F) Suzuki18. Stefan Ludwig (D) KawasakiWM-EndstandMike LaRocco (USA) Honda 40Greg Albertyn (ZA) Suzuki 29Thierry Bethys (F) Honda 26Jeremy McGrath (USA) Yamaha 25David Vuillemin (F) Yamaha 25Ergebnisse 125 cm3:Eric Sorby (F) SuzukiMarkus Mauser (A) YamahaMarc Ristori (CH) HondaRaphael Beaudoin (F) YamahaEdgar Torronteras (E) Kawasaki6. Julien Mercadier (F) Honda7. Michael Hermann (D) Suzuki8. Lukas Weis (D) KTM9. Veit Raudies (D) Husqvarna10. Fabian Bauersachs (D) HondaChristoph Schade (D) HondaEM-Endstand1. Eric Sorby (F) Suzuki 602. Marc Ristori (CH) Honda 433. Raphael Beaudoin (F) Yamaha 344. Stéphane Demartis (F) Yamaha 325. Julien Mercadier (F) Honda 23

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