Technik: Anti-Hopping-Kupplung (Archivversion)

Stempelgeld

Anti-Hopping-Kupplungen erfordern zusätzlichen technischen und finanziellen Aufwand. Doch der kann sich zumindest für Sportfahrer lohnen.

Hockenheim, irgendein Montag im September, 16 Uhr – wöchentliches Clubtraining. Vier Hobbyracer üben sich bei der Anfahrt auf die Sachs-Kurve im kollektiven Spätbremsen. Beim Zurückschalten beginnt urplötzlich das Hinterrad einer Suzuki GSX-R 1000 heftig zu stempeln, der Pilot verpasst den Einlenkpunkt und hoppelt ins Kiesbett. Mit einer Anti-Hopping-Kupplung, wie sie Kawasaki in der neuen ZX-6RR verbaut, wäre das nicht passiert. Doch wie funktioniert diese »Antihüpf«-Kupplung?Ein kleiner Exkurs in die Fahrphysik: Beim Bremsen findet aufgrund der dynamischen Radlastverlagerung eine starke Entlastung des Hinterrads statt. Der Hinterreifen kann nur noch ein geringes Bremsmoment übertragen. Bei gleichzeitigem Zurückschalten und anschließendem Einkuppeln addiert sich das Motorbremsmoment, dessen Ungleichförmigkeit das Spiel im Antriebsstrang zusätzlich noch verstärkt. Die Folge: Das Hinterrad gerät in höheren, stark pulsierenden Schlupf, der im Extremfall zu einer Resonanzschwingung der Federung führen kann. Da das Hinterrad dabei ganz ausfedert, geht die dämpfende Funktion des Federbeins verloren, das Hinterrad beginnt zu stempeln. Es hebt periodisch von der Fahrbahn ab und kann keine Seitenführungskräfte mehr aufbauen. Eine automatisch betätigte Kupplung könnte, quasi als Torsionsdämpfer, in solchen Fällen das gefürchtete Stempeln vermeiden.Diese Überlegung führte zu ganz unterschiedlichen Varianten von Anti-Hopping-Kupplungen. Die meisten Hersteller nutzen dafür einen denkbar simplen Trick, der sich leicht nachvollziehen lässt: Man drehe eine Mutter auf eine Schraube, bis eine dazwischenliegende Distanzscheibe durch die Axialverschiebung der Mutter klemmt. Die Schraube ihrerseits in gleicher Drehrichtung bewegt, gibt die Scheibe wieder frei. Genau so funktionieren die meisten Anti-Hopping-Kupplungen. Deren zweiteilige Kupplungsnaben lässen sich gegeneinander verdrehen. Durch direkt aufeinander gleitenden Rampen wie bei Kawasakis neuer ZX-6RR, durch ein wendelförmiges Keilwellenprofil bei der Benelli Tornado oder durch Rampen mit reibungsarmen Kugeln, wie bei der aufwendigen, rund 1500 Euro teuren Zubehör-Kupplung von STM, findet bei der Verdrehung der beiden Teile gleichzeitig eine Axialverschiebung statt.Gibt der Fahrer Gas, überträgt die Kurbelwelle ihr Drehmoment über den Primärantrieb auf die Kupplung, die Kupplungsfedern pressen deren Lamellen zusammen. Schließt er den Gasgriff, treibt das Hinterrad über die Kraftübertragung die Kupplung an. Entgegen dem Motorbremsmoment verdreht sich die Innen- gegenüber der Außennabe und hebt die Druckplatte gegen die Federkraft an – die Kupplung trennt. Aprilia nützt bei den großen V2 einen anderen Effekt. Wenn der Fahrer den Gasgriff und somit die Drosselklappen schließt, entsteht in den Saugrohren hoher Unterdruck. Der beaufschlagt eine große Membran im Kupplungsdeckel, die direkt mit der Druckstange der Kupplung verbunden ist und somit die Kupplung trennt. Anti-Hopping-Kupplungen sind also für ambitionierte Sportfahrer sicher ein Thema. Und nicht nur für diese. Selbst einen Valentino Rossi brachte ein stempelndes Hinterrad vergangene Saison mehrmals in arge Bedrängnis.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote