Technik: Chip-Tuning. (Archivversion)

Chip-Fahrt tut not

So oder so ähnlich lautete das Credo von Wilhelm II, als er seine Flotte aufrüstete. Motorradfahrer rüsten ihre Bikes mit Chips auf, um sie flotter zu machen. Des Kaisers Flotte ging prompt baden, wie sieht es beim Chip-Tuning aus?

Die Einnahme von Chips erhöht beim Menschen das Wohlbefinden, kann aber bei übermäßigem Genuß das Leistungsgewicht drastisch verschlechtern. Genau das Gegenteil, nämlich eine Verbesserung desselben, versprechen die Anbieter von Chips für das Tuning von Motorradmotoren. Von erheblichen Leistungssteigerungen ist da häufig die Rede. Außerdem soll der Motor ruhiger laufen und der Verbrauch sinken. Kaufanreiz für viele Motorradfahrer, und das trotz fehlender Betriebserlaubnis der Stärkungsmittel. Um zu überprüfen, ob das Doping überhaupt was bringt, verglich MOTORRAD Chips für Harley-Davidson am Beispiel der 1200er Sportster Sport und für BMW-Vierventilboxer anhand der R 1100 GS mit den Serienversionen.Die Firma Altmann Micro Machines (Telefon 02129/54260) zum Beispiel bietet für aktuelle Harley je nach Ausführung von 795 bis 995 Mark eine Zündung an, die gleichzeitig mit einer Wegfahrsperre kombiniert ist. Zwischen neun Kurven kann der Kunde wählen. Sie unterscheiden sich vom Original im Anstieg der Vorzündung, dem maximalen Zündzeitpunkt sowie der Drehzahlbegrenzung und sollen die unterschiedlichen Anwendungsbereiche Touren, Sport und Rennen abdecken. Für den sportlichen Straßeneinsatz empfiehlt Hersteller Charles Altmann für die Sportster die Kennlinie Nummer acht. Der Einbau ist nicht besonders kompliziert, setzt lediglich Kenntnisse für die richtige Verkabelung voraus. Auf dem Prüfstand muß der Chip dann seine Wirksamkeit unter Beweis stellen. Doch erst im Drehzahlbereich über 4600/min ist eine Mehrleistung gegenüber der 50 PS starken Serienversion auszumachen - von einem PS. Darunter treten - wie bei weiteren getesteten Kurven des Herstellers übrigens auch - Leistungseinbußen von bis zu zwei PS auf. Über 5000/min nimmt die Originalzündung den Zündzeitpunkt zurück und wirkt zum Schutz des Motors als Drehzahlbegrenzer, erst dann setzt die modifizierte Zündung mehr Leistung frei. Auch im Fahrbetrieb ist lediglich im obersten Bereich mehr Drehfreude spürbar. Einziger echter Gewinn: Der mitgelieferte Key aktiviert bei Vorbeistreichen am Zündungsdeckel die Zündung und bietet eine zusätzliche Diebstahlsicherung. Zweites Testobjekt: die Vierventilboxer von BMW, für die zahlreiche Firmen Tuning-Chips anbieten und teilweise Leistungssteigerungen von bis zu 20 PS in Aussicht stellen. Eher realistisch propagiert zum Beispiel die Firma Wunderlich (Telefon 02641/97900) für die R 1100 GS fünf bis sechs zusätzliche PS im Bereich von 3000 bis 6000/min. Das 548 Mark teure Elektronikbauteil soll neben einer gleichmäßigen und harmonischen Leistungssteigerung auch das lästige Konstantfahrruckeln beheben. Ein versierter Schrauber kann das Eprom mit Stecksockel selbst austauschen, andernfalls muß das Steuergerät eingeschickt werden. Die Prüfstandsmessung bescheinigt der modifizierten R 1100 GS bei gleicher Spitzenleistung von 91 PS über einen weiten Drehzahlbereich ein bis zwei PS mehr Leistung, bei 5000/min setzt sich die Tuning-Variante sogar um fast vier PS vom Serienpendant ab. Ein Gewinn, der auch im Fahrbetrieb zu spüren ist: Der Motor wirkt stärker und drehfreudiger. Und das Konstantfahrruckeln des Vierventilboxers nimmt tatsächlich ab. Im Gegensatz zum Kraftstoffverbrauch, der unverändert blieb. Doch beide Untersuchungen zeigen ganz klar: Chip-Tuning ist eine diffizile Spielwiese für den Profi. Da sich Motorradhersteller an Geräusch- und Abgasgrenzwerte halten müssen, läßt sich in gewissen Drehzahlbereichen das letzte Quentchen Leistung nicht holen. Genau da setzen leistungssuchende Experten den Hebel an. Steigerungen von 20 PS sind deshalb unmöglich. Außerdem muß der Kunde bedenken, daß Garantieleistungen für Folgeschäden nicht übernommen werden. Gerade bei unsachgemäßen Manipulationen an der Zündung können schnell Motorschäden auftreten. Und leider sieht man dem Chip nicht an, wieviel Know-how der Anbieter in ihn investiert hat. Der Kauf will also wohl überlegt sein, denn bei der erhofften Verbesserung des Leistungsgewichts können Motorrad und Kunde leicht baden gehen.
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