Technik: Moto Guzzi-Zylinderkopf von Gattuso (Archivversion)

Viecherei

Um den Motorrädern mit dem Adler auf dem Tank ein paar zusätzliche Pferdestärken zu entlocken, entwarf Paolo Gattuso neue Zylinderköpfe und widmete die Konstruktion seinen Hunden.

Eine Ankündigung über einen hoffnungsvollen Neuanfang jagt bei Moto Guzzi die nächste, während die notwendigen Ideen dazu weiter friedlich in den Schubladen der Konstrukteure vor sich hin schlummern. Viele der treuen Fans der italienischen Traditionsmarke haben deshalb längst die Initiative ergriffen und die Weiterentwicklung der Modellpalette selbst in die Hand genommen. So staunte die aus Mandello angereiste Delegation auf der letztjährigen IFMA nicht schlecht ob der vielen neuen Chopper, Streetfighter und Supersportler mit Guzzi-Antrieb sowie der umfangreichen Tuning-Kits für Fahrwerk und Motor.Das Highlight aus technischer Sicht war ohne Zweifel der Prototyp-Motor des italienischen Berufschullehrers Paolo Gattuso. Zusammen mit den Gebrüdern Sergio und Ivano Gennari - der eine ebenfalls Berufsschullehrer, der andere Modellbauer - setzte er in die Tat um, was man von Moto Guzzi seit Jahren vergeblich erwartet: die geradlinige, strömungsgünstige und daher einzig logische Führung der Einlaßkanäle von oben in die Zylinderköpfe.Dazu konstruierten und bauten die drei Mannen aus Vero Lanova in der Nähe von Prescia komplett neue, wassergekühlte Köpfe und Zylinder. Deren Bohrung beträgt 95 Millimeter, der Hub je nach Kurbelwelle des umzurüstenden Modells bis zu 82 Millimeter (Magni-Welle). Für die Moto Guzzi Daytona (78 Millimeter Hub) ergibt sich nach dem Umbau somit ein Hubraum von 1106 cm³ (original 992 cm³) und für die Sport 1100i (80 Millimeter Hub) ein Hubraum von satten 1134 cm³ (original 1064 cm³). Moderne Slipperkolben, gelagert in leichten Carillo-Pleueln, verdichten das Gemisch auf ein Verhältnis von 10,8 zu 1.Zwei obenliegende, zahnriemengetriebene Nockenwellen betätigen über Tassenstößel jeweils zwei 38er Einlaß- und 32er Auslaßventile. Diese stehen in einem engen Winkel von nur 21 Grad zueinander und bilden so einen kompakten Brennraum, in dem eine zentral sitzende Zündkerze für kurze Flammwege sorgt. Die Nockenwellen laufen in Nadellagern, an einem Ende der Auslaßnockenwellen sitzt das Pumpenrad für die Wasserkühlung.Bei einem Ventilhub von einlaßseitig 11,5, auslaßseitig 10,5 Millimetern und 50er Saugrohren dürfte das Vollgas wenig Mühe haben, schön durchzupassen. Und tatsächlich wollen die Konstrukteure bei ersten Leistungsmessungen an einem umgerüsteten Le Mans III-Triebwerk knapp 110 PS am Hinterrad und 108 Newtonmeter maximales Drehmoment an der Kurbelwelle ermittelt haben. Endgültige Leistungsdaten liegen aber noch nicht vor.Für die Weiterentwicklung ihres Kits haben sich die drei Italiener mit Moto Spezial-Boß Hans-Peter Länge zusammengetan. Sein speziell für Zweizylinder-Motoren entwickeltes Motormanagment mit frei programmierbaren Kennfeldern für Zündung und Benzineinspritzung soll im Gattuso-Motor zum Einsatz kommen. Moto Spezial in Gomadingen (Telefon 07385 / 1692) wird auch den Vertrieb in Deutschland ab Ende des Jahres übernehmen, doch zuvor müssen vier weitere Protypen über mehrere Tausend Testkilometer ihre Standfestigkeit beweisen.Der Preis für den Umrüst-Kit steht noch nicht fest, doch Länge schätzt ihn bei einer Stückzahl von zehn bis 20 pro Fertigungslos auf etwa 8000 Mark. Der umgebaute Motor paßt in den Originalrahmen der Daytona und der Sport, bei den älteren Modellen wie zum Beispiel Le Mans I bis IV müssen die vorderen, vom Lenkkopf kommenden Rahmenrohre abgeändert werden - was vermutlich eine ziemliche Viecherei ist.
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